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,,Die Große Alte''

Wir saßen wieder einmal selbdritt, mit Thugut, beim Kaffee, und Singer teilte uns aufgekratzt mit, daß er die Kirchenväter endlich habe ad acta legen können: „Eine Mühsal, sag ich euch, eine zu Ulcera und Steinleiden disponierende Lektüre."

„Und wo wühlen Sie jetzt?" wollte ich wissen; „schließlich muß ich

für eine Zwillingsgeburt gerüstet sein. Undsoganzunvorbereitet????eckt sich auch nichts flott Lesbares. "

„Mit dem Vordringen des Islam verlegt sich unser Problem nach dem jungen, halbbarbarischen Westen. Unter der grünen Fahne des Propheten wurdenim Verlauf der nächsten Jahrhunderte die diversen Gnadenmütter unter die Hufe gestampft beziehungsweise reduziert auf die Freudenmädchen des Paradieses für fromme Streiter Allahs. Das Christentum führt im Osten bald · nur mehr ein Kümmerdasein, daher greift es nach Europa aus. Notdürftig getauft. Kein Boden für theologische Tüftelei wie im gebildeten Osten. Ich pferche daher in allerhand Weltchroniken herum. Man stößt dabei auf die skurrilsten Berichte, darunteraber findetsichauch durchaus Brauchbares. Eben bin ich beschäftigt mit einem Kapitel über die Bedeutung der Vermählung · Heinrich Jasomirgotts mit Theodora, der Nichte des byzantinischen Kaisers Manuel Komnenos, der sich angesichtsderSarazenengefahrnach guten Beziehungen zum Westen umsah. Mittedes zwölftenJahrhunderts wird Österreich zum Herzogtum. Eine bunt gemischte Bevölkerung hier am Kreuzungspunkt des Donaulimes und der Bernsteinstraße und daher naturgemäß allerlei religiöses Tohuwabohu in den har. ten Köpfen. Heinrich beruft irische Mönche nach Wien. Das Schattenkloster wird gegründet, dazu eine

Kirche ,Zu unserer Lieben Frau'. Ein'ejüdische Gemeinde gab es auch und die übliche Behandlung zwischen Duldung und Erpressung. - Hören Sie mir überhaupt zu? Sie wirken so abwesend."

„Ganz im Gegenteil, ich habe gerade eine einschlägige Vision." - „Haben Sie die Güte, uns an Dero Gesichten teilnehmen zu lassen?" - „Ich sehe deutlich vor mir eine vielköpfige, schwer beladene Karawane die Handelsstraße durch den Balkan und dann die Donau entlang schwanken, umsichtig und gelassen übeiwacht und geführt von einem Mitglied des alten Handelshauses Chaim ben Chaim, Reliquien und Devotionalien. Man schickt sich an, im aufblühenden Vindobona Fuß zu fassen und eine Niederlassung zu gründen. Eine Anzahl rüstiger Waffenknechte sichert den Zug gegen Überfälle von Raubgesindel, worauf man stets gefaßt sein muß." - „Ein eindrucksvolles Bild! Die bunte Tracht der Byzantiner, das Geschrei, Gezänk, Gewurl und Gejammer der Lieben Chaims und ihres Anhangs! "

„Man macht jetzt also in Reliquien und Devotionalien? Hat sich die Marotte des Arztes aufs Geschäft geschlagen? Keine schlechte Idee. Ein blühendes Bedürfnis damals, und mit den Kreuzzügen kam viel unter die Leute, auch im Westen."

„Zerreißen Sie mir gefälligst nicht den Spinnfaden! Um der Sicherheit und Geborgenheit im Schoße dieses Geschreis, Gezänks und Gejammers einer gut ausgerüsteten Sippe teilhaftig zu werden, haben zwei Männer, die einzeln reisten, umdie Gunst ersucht, sich anschließen zu dürfen. Kurz nach Adrianopel war es ein junger Mensch in stattlicher Haltung und Kleidung und mit gepflegten Manieren. Isaios mit Namen, ein

Hofbeamter, nur von einem Knecht begleitet."

„Aha, mir dämrnert's schon!" „Umso besser! Sein Ziel war gleichfalls Wien. Er hatte den Auftrag, die Vermählung des Babenbergers und der Kaisernichte vorzubereiten und sich bei der Gelegenheit ein wenig am künftigen Wohnort der an Luxus gewöhnten Byzantinerin umzusehen, womöglich einige Gemächer nach ihrem Geschmack und ihren Bedürfnissen ausstatten zu lassen."

„ Wetten, der andere ging zu Fuß und in Sandalen." „Ganz richtig, aber man stellte ihm eins der Reservemaultiere zur Verfügung ! Chaim war nicht so, obwohl dieser zweite, wie Sie schon ahnen, ein Mönch war. Er wanderte dem gleichen Ziele zu. Er sollte ein wenig für seinen Orden sondieren. In Konstantinopel war man verschnupft, als man hörte, irische Mönche seien eingeladen worden, sich der Wiener Seelen anzunehmen. In geistlicher Bildung und theologischem Feinsinn hielt Byzanz sich diesen barbarischen Nordländern weit überlegen; sowie natürlich auch in allen Kirchenfragen· diplomatischer Natur."

„Er wird doch nicht etwa Nikephoros heißen?-In der katholischen Kirche sind familiäre Verflechtungen nicht erlaubt! " „Sei nicht kleinlich! " warf Thugut ein.

„Bitte, wenn du es sagst? Soll meinetwegen der Verehrer des säuerlichen Ephraim von Edessa ein Opfer der Welt geworden sein und sich in den ,Fesseln der irdischen Lüste' verstrickt haben, und das Ergebnis wandelt also im fünften oder sechsten Glied auf staubiger Sandale westwärts."

Ich nahm einen Schluck aus der Tasse und fuhr fort in meinem Ge­ spinst: „Sie können sich denken, daß Chaim diesen gebildeten Zuwachs zu seiner fast ausschließlich aus Sippenmitgliedern bestehenden Karawane als willkommene Abwechslung begrüßte und bald auch genoß, als er feststellte, daß beide Herren frei von religiösen Vorurteilen und Fanatismus waren. Es unterhielt ihn das Gespräch mit dem jungen, lebhaften und gewandten Höfling ebenso wie den in Andeutung, Verschweigen 'Und feinem Stachel geschulten Kleriker."

„Die Reise verläuft störungsfrei, oder komme ich in den Genuß eines kleinen Scharmützels, aus dem die Chaimschen siegreich hervorgehen, der Hofmann sich vielleicht sogar auszeichnet, eine leichte Schramme davonträgt, und von einer Tochter des Hauses gepflegt wird?" - „Billige Kolportage! " - „Ist ja nicht mein Metier! Aber irgendwas muß sich doch noch zutragen auf dieser langen Reise." - „Es trägt sich bereits zu, ich komm nur nicht zum Reden, weil Sie mich dauernd unterbrechen." - „Ich höre!" - „Die Reise verlief programmgemäß und weitgehend ungestört, sieht man von einer mäßigen, aber unterschwellig spürbaren Dauerbeunruhigung ab: Sie ging aus von einer auffallenden Wolkenbildung, die sich kurz nach dem Verlassen Konstantinopels gezeigt hatte und seither der Karawane den ganzen Reiseweg hin vorauszog, nachfolgte oder gar über ihren Häuptern hing. Schwarzviolettes, lebhaft bewegtes Getürme, schwefelgrün gerändert, zuweilen sogar von Blitzen durchzuckt, sodaß man dauernd Regenguß, Donner und Hagelschlag erwartete, obwohl der übrige Himmel klarblau

im reihsten Sonnenlicht strahlte. Diese Erscheinung begleitete den Zug bis vor die Tore Wiens, ohne daß der Wolkenbauch sich je entladen, ja nur den geringsten Schauer entlassen hätte."

„Wollen Sie auf die Feuersäule hinaus, die dem Haufen Israel voran durch den Sinai gezogen war?"

„Ihnenzum Tort wargerade Chaim derjenige, der sich in natürlichen Deutungen versuchte und die Angelegenheit nüchtern betrachtete. Der Kleriker warf scheue Blicke auf das dicke Phänomen und schlug mehrfach hastige Kreuze, wenn es zu blitzen geruhte. Der kecke Byzanti ????erneigte zu einer spöttisch respektlosen, aber doch bedeutungsschwangeren Auslegung: ,Die Große Alte ist es! Seht die Gestalt der Wolken! Ist das nicht eine stattliche Weibsperson zwischen zwei Löwen?'

Die anderen blickten ihn fragend an und wußten nicht, was sie von ihm zu halten hätten, ob er es ernst meineodersiedüpieren wolle. ,Nun', setzte der junge Höfling fort, ,der Kirche 'ist es nicht recht, und am liebsten möchte sie die Anstößigkeit totschweigen, aber in unseren Breiten ist SIE immer noch lebendig in den Herzen der Einfachen, und das Volk vermengt sie, unbeleckt; wie es schon ist von klaren theologischen Trennungen und Definitionen, mit unserer' - jetzt neigte er halb spöttisch, halb demütig das Haupt- ,mit unserer hochheiligen Panhagia, der Gnadenmutter'. Schiefäugig betrachtete ihn der Kleriker und stellte fest, daß das Lächeln noch immer zweideutig auf seinen beweglichen Lippen spielte.

,Und die Wolke da oben! Nun, nehmt es als ein Zeichen. Die Große verläßt ebenso wie wir das dem weiberfeindlichen islam schon längst verfalleneByzanzundsieht sichnach einemfreundlicheren Wohnsitz um', schloß er heiter."

Auszug aus dem demnächst erscheinenden Roman: DAS GROSSE SPEKTAKEL Eine todernste Geschichte, von Windeiern aufgelockert. Von IngeMerkel. Residenz Verlag.Salzburg 1990, ca. 520 Seiten, öS 348,-.

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