Wenn ich einmal reich wär’

1945 1960 1980 2000 2020

„Für jeden Reichtum bezahlt wer anderer, wer hätte meinen Reichtum bezahlt?“ Ein Gedankenspiel von Lydia Mischkulnig.

1945 1960 1980 2000 2020

„Für jeden Reichtum bezahlt wer anderer, wer hätte meinen Reichtum bezahlt?“ Ein Gedankenspiel von Lydia Mischkulnig.

Vor kurzem forderte eine Philantropin öffentlich ein, ihr beträchtliches Vermögen doch bitte zu besteuern. Wenn ich einmal reich wäre, also richtig reich, dass ich das Geld nicht zählen könnte, kämen alle Menschen unter meinen Schutzschirm. Ich spannte ihn gegen böse Strahlen aller Art auf. Die Sonne würde niemanden mehr versengen, die AKWs strahlten anders, das Öl bräuchte keiner mehr, weil ganz viel Informatik, Mathematik, Physik und ganz viel Lebensstil ohne Fleisch und Milchprodukte einen Planeten zum Paradies planierten. Ich könnte ein Essverbot erteilen, in die Ernährungsindustrie investieren, in die Wasserwirtschaft, in die Bewusstseinsindustrie, in die Bildung. Es gibt keine Paradiesvorstellung ohne dieses Programm. Eine Empfehlung aus Gesetzen und Verboten. Gott bildete die Menschen schließlich auch nicht nur aus Lehm. Auch er hatte ihnen ein Essverbot erteilt. Sie gehorchten nicht, waren nicht gelehrig genug. Dafür wurden sie drakonisch bestraft, vertrieben aus ihrem Heil. Als Philantropin sollte ich mit den Menschen halten, ihre Mängel verstehen und ihnen das Licht der liebenden Vernunft bringen. Ich! Ja, ich! Eine Prometheusin! Ich würde mich fragen, woher ich diese Vermessenheit hätte. Woher stammte mein Reichtum? Gott gibt es nicht, und ich bin kein Übermensch! Für jeden Reichtum bezahlt wer anderer, wer hätte meinen Reichtum bezahlt? Wäre ich die Erbin von BASF, würde ich sagen, die Gefangenen von Bergen Belsen, Auschwitz, Sachsenhausen, Flüssenburg, die Ermordeten der Konzentrationslager, der Ausbeutung und Vernichtung sind heute noch mit Reichtum zu bescheren. Was machte ich mit diesem Erbe? Egal, wofür ich mich entscheiden würde, ich könnte die Verantwortung nicht abstreifen, selbst wenn ich sie über meine Steuerleistung an die Gesellschaft delegierte. Diese Verantwortung bleibt immer gleich, auch für mich, die ich das Geld nicht habe.

Die Autorin ist Schriftstellerin.

Vor kurzem forderte eine Philantropin öffentlich ein, ihr beträchtliches Vermögen doch bitte zu besteuern. Wenn ich einmal reich wäre, also richtig reich, dass ich das Geld nicht zählen könnte, kämen alle Menschen unter meinen Schutzschirm. Ich spannte ihn gegen böse Strahlen aller Art auf. Die Sonne würde niemanden mehr versengen, die AKWs strahlten anders, das Öl bräuchte keiner mehr, weil ganz viel Informatik, Mathematik, Physik und ganz viel Lebensstil ohne Fleisch und Milchprodukte einen Planeten zum Paradies planierten. Ich könnte ein Essverbot erteilen, in die Ernährungsindustrie investieren, in die Wasserwirtschaft, in die Bewusstseinsindustrie, in die Bildung. Es gibt keine Paradiesvorstellung ohne dieses Programm. Eine Empfehlung aus Gesetzen und Verboten. Gott bildete die Menschen schließlich auch nicht nur aus Lehm. Auch er hatte ihnen ein Essverbot erteilt. Sie gehorchten nicht, waren nicht gelehrig genug. Dafür wurden sie drakonisch bestraft, vertrieben aus ihrem Heil. Als Philantropin sollte ich mit den Menschen halten, ihre Mängel verstehen und ihnen das Licht der liebenden Vernunft bringen. Ich! Ja, ich! Eine Prometheusin! Ich würde mich fragen, woher ich diese Vermessenheit hätte. Woher stammte mein Reichtum? Gott gibt es nicht, und ich bin kein Übermensch! Für jeden Reichtum bezahlt wer anderer, wer hätte meinen Reichtum bezahlt? Wäre ich die Erbin von BASF, würde ich sagen, die Gefangenen von Bergen Belsen, Auschwitz, Sachsenhausen, Flüssenburg, die Ermordeten der Konzentrationslager, der Ausbeutung und Vernichtung sind heute noch mit Reichtum zu bescheren. Was machte ich mit diesem Erbe? Egal, wofür ich mich entscheiden würde, ich könnte die Verantwortung nicht abstreifen, selbst wenn ich sie über meine Steuerleistung an die Gesellschaft delegierte. Diese Verantwortung bleibt immer gleich, auch für mich, die ich das Geld nicht habe.

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