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„Sarajewo plus siebzig"

Seitdem im Artikel 231 des Friedensvertrages von Versailles (1919) die alliierten Mächte „Deutschland und seine Verbündeten als Urheber aller Verluste und aller Schäden" verantwortlich gemacht haben, ist die Geschichtsforschung in der Frage der Schuld für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges nicht zur Ruhe gekommen.

In den dreißiger Jahren glaubte man, vor allem in der amerikanischen Geschichtsschreibung, die Schuld noch allen kriegführenden Mächten anlasten zu können. Spätestens seit Fritz Fischers grundlegendem Werk „Griff nach der Weltmacht" (1961) streiten die Experten wieder — ähnlich wie in Versailles die Politiker und Diplomaten — über das Ausmaß der Schuld Deutschlands.

Die Frage nach den Ursachen für den Kriegsausbruch hat eine ungemein umfangreiche Literatur erzeugt. Dabei standen lange Zeit die politischen und diplomatischen Ereignisse im Vordergrund des historischen Interesses. Allgemein gehandelte These dazu: Der Imperialismus und Deutschlands Wille, eine Weltmacht zu werden, hätten einen Krieg unausweichlich gemacht.

Nach zwei Marokkokrisen und drei Balkankrisen in den zehn Jahren zuvor lag im Juli 1914 ein Krieg in der Luft. Aber was für ein Krieg? Von den Beteiligten hatte niemand einen Weltkrieg eingeplant!

70 Jahre nach dem Attentat von Sarajewo ließen sich aus österreichischer Sicht die oftmals gestellten alten Fragen wieder aufwerfen: Mußte sich das in vielen Fugen krachende Habsburgerreich unbedingt gegen den serbisch/ slawischen Nationalismus wehren? Gefährdete er wirklich den Bestand der Doppelmonarchie auch im Innern, falls er von Wien unbeantwortet wurde? Oder: Wagte der Ballhausplatz sein Ultimatum an das souveräne Serbien nur deshalb so unakzeptabel zu formulieren, weil ihm der deutsche Bündnispartner eine Blankovollmacht unbedingter Militärhilfe ausgestellt hatte, falls Rußland Serbien unterstützen sollte?

Diese Fragen sind wichtig. Aber sie sind schon so oft umgedreht worden, daß sie heute beinahe etwas abgestanden wirken.

Vom Standpunkt des Historikers aus scheint eine andere Frage von Bedeutung: Wie hat der Erste Weltkrieg die Geschichte des 20. Jahrhunderts verändert?

Tatsache ist: Der Erste Weltkrieg bewirkte eine Unmenge wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und politischer Umwälzungen, und zwar nicht nur die Russische Revolution 1917 und den Eintritt der USA in die Weltpolitik. Eben diesen weniger frappanten Entwicklungen ging ein ausgezeichnet besetztes Symposium an der amerikanischen Harvard-Universität nach. Das dortige „Zentrum für europäische Studien" nahm „Sarajewo plus siebzig" zum Anlaß, etwas unkonventionell über den Ersten Welkrieg nachzudenken.

Die interessantesten neuen Aspekte für die gegenwärtige und zukünftige Geschichtsforschung ergaben sich in den Diskussionen über die Sozialgeschichte des Ersten Weltkrieges. Jay Winter von der Universität Cambridge präsentierte ein faszinierendes Modell — zur Erforschung der Bevölkerungsgeschichte an der „Heimatfront".

Durch Anwendung moderner demographischer Methoden bei seinen Studien kam er zu dem überraschenden Ergebnis, daß während des Weltkrieges in den ärmsten Gesellschaftsschichten Großbritanniens die Kindersterblichkeitsrate fiel und sich insgesamt die Lage für die städti-

sche Arbeiterschaft verbesserte. Warum? Die arbeitende Bevölkerung mußte besser ernährt werden, damit in den Industriestädten die Kriegsproduktion angekurbelt werden konnte.

Die italienische Historikerin Giovanna Procacci von der Universität Cagliari berichtete, daß die italienische Regierung während des Krieges kein politisches Abweichlertum duldete und durch Beschneidung ziviler Freiheiten (Zensur, Beschränkung der Bewegungsfreiheit) die industrielle Produktion steigern konnte. Streikende Arbeiter wurden schlichtweg an die Front geschickt. Der dem Ersten Weltkrieg auf dem Fuß folgende Faschismus aber lernte viel von dieser übermächtigen militärischen Kontrolle, die bis in die Fabriken reichte.

Höchst interessant auch die Ergebnisse, die Antoine Prost (Paris) präsentierte. Er schilderte, wie in Frankreich der Krieg die Gesellschaft veränderte, als der Staat sich allmählich zum Wohlfahrtsstaat verwandelte: Die allgemeine Familienbeihilfe wurde eingeführt, und die Mieten wurden erstmals reguliert.

Am meisten profitierten vom Ersten Weltkrieg die vor 1914 arg verschuldeten Bauern. Die Inflation reduzierte ihr Hypotheken. Zusätzlich erzielten landwirtschaftliche Produkte zur Kriegszeit Höchstpreise.

Fazit der Veranstaltung in Harvard: Die Geschichte des Ersten Weltkrieges ist noch lange nicht geschrieben. In bezug auf Österreich-Ungarn etwa vermißten die Teilnehmer noch viele Aspekte, so eine Darstellung über das Leben der Zivilbevölkerung während des Krieges: Demographie, Stellung des Arbeiters und der Frau, Familienleben, öffentliche Meinung über Krieg und Frieden etc.

Der Autor studiert amerikanische Geschichte und internationale Beziehungen an der Harvard-Universität

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