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Wenn nur noch Macht zählt…

Der Horizont der Beziehungen zwischen Westeuropa und den USA ist stark umwölkt: Das ist eine milde Formulierung dessen, was vergangene Woche in Vorträgen, Diskussionen und Privatgesprächen beim „Dialog-Kongreß" in Alpbach zum Ausdruck gekommen ist.

Otto Moldens österreichisches College, seit seiner Gründung dem interdisziplinären innereuropäischen Gespräch verpflichtet, hatte diesmal amerikanische Prominenz für ein transatlantisches Gespräch in das Tiroler Weltdorf gelockt.

Kaum je zuvor dürfte eine neue US- Regierung ihre Freunde in Westeuropa so klar über Ziele und Wege ihrer Politik unterrichtet haben. Fazit: Den Zielen stimmen viele gerne zu, den Wegen oft mit großem Unbehagen.

Amerikanisches Selbstbewußtsein, Führungs- und Verteidigungsbereitschaft, internationales Engagement:

„Den Zielen stimmen viele gerne zu, den Wegen oft mit großem Unbehagen"

Wer hätte nicht danach seit Jahren gerufen? Aber so manchem Zuhörer wurde bang, wenn führende Vertreter der Regierung Reagan forsch nur Macht, Stärke, Freund und Feind im Munde führten.

„Macht ist das Hauptinstrument, durch das ein Staat Ereignisse in Übereinstimmung mit seiner Moral und seinen Interessen beeinflussen kann“, formulierte Eugene Douglas vom Planungsstab des State Department.

In der Wirtschaftsdiskussion fanden viele Teilnehmer, daß US-Machtpoli- tik nicht nur Bomber- und Raketenbau, sondern auch neuen Protektionismus birgt: Gaston Thorn, der Präsident der EG-Kommission, belegte es im Hinblick auf japanische Autoexporte, US- Erdgaspreise sowie die amerikanische Agrar-, Stahl- und Hochzinspolitik.

Daß Kleinstaaten dabei draufzahlen, wenn nur noch die Großen sich Welthandelsbedingungen aushandeln, kritisierte auch Philipp Schoeller von der Bundeswirtschaftskammer. Er bedauerte auch die amerikanische Akzentverlagerung von multilateraler zu bilateraler Entwicklungshilfe - zu Deutsch: Wer unser Freund ist, der nur kriegt etwas!

Wer ist Amerikas Freund? Nur die Antikommunisten, auch wenn sie es mit den Menschenrechten im eigenen Land nicht so genau nehmen? Vor solcher Kurzsichtigkeit warnte Prof. Harvey C. Mansfield von der Harvard University: Ein gemeinsamer Wertekonsens sei doch wohl eine Voraussetzung dafür.

Neben Mansfield gab es noch die Stimme von Tom L. Hughes, dem Präsidenten der Washingtoner Carnegie- Stiftung für internationalen Frieden, der in Erinnerung rief: 65 Prozent der Amerikaner sind für eine Fortsetzung von SALT, doppelt so viele gegen wie für Waffenlieferungen an El Salvador, die meisten wollen eine sinnvolle Menschenrechtspolitik.

Da überwiegend andere als diese Töne zu hören waren, fühlten sich europäische Dialogteilnehmer teilweise zu überzeichnenden Reaktionen veranlaßt. Das wieder verstörte die Amerikaner, die insbesondere auch bei manchen österreichischen Vertretern aus dem Außen- und dem Verteidigungsministerium („Nicht nur gebannt auf die sowjetische Gefahr schauen“ und „Die SS-20-Raketen sind nicht das Haupt

problem“) gefährlichen Neutralismus witterten.

Das führte zu einigen heftigen Konfrontationen. Aber: Schon „die Reaktion der Europäer auf die Politik der Regierung Reagan ließ deutlich werden, daß es zwischen einer europäischen .Friedensgesellschaft, die im Falle der Aggression mit hoher Wahrscheinlichkeit kapitulieren würde, und einer amerikanischen .Freiheitsgesell- schaft, die für ihre Werte zu kämpfen bereit ist, nur schwerlich eine funktionierende militärische Allianz geben kann“, diagnostizierte Hans Rühle, der das. Sozialwissenschaftliche Forschungsinstitut der Adenauer-Stiftung bei Bonn leitet.

Freilich bot gerade die Atmosphäre von Alpbach und die räumliche Entrücktheit zur Alltagshektik Gelegenheit zu manch offizieller und inoffizieller Konsenssuche. Mehrere Regierungsvertreter verwiesen auf den Pragmatismus, der hinter aller scharfen Rhetorik der Reagan-Regierung stecke: Ihre Politik sei, wie für manche die Musik Wagners, „besser als sie klingt“, witzelte selbst Hughes.

Auch der amerikanische NATO- Botschafter W. Tapley Bennett ortete in den Auffassungen der USA und seiner Verbündeten Unterschiede „mehr des Stils und der Nuancen“. Seinem Bekenntnis, Ziel von Verhandlungen mit der UdSSR müsse die Festlegung von Verhaltens- und Spielregeln sein, wurde herzhaft zugestimmt: nicht zuletzt die Unberechenbarkeit der Carter-Politik habe die Sowjetunion zu „Abenteurertum“ verführt.

Der Hearst-Journalist John P. Wallach erinnerte an die wenig bekannte Tatsache, daß die US-Wirtschaftshilfe ans Ausland im ersten Reagan-Jahr um 15 Prozent über das letzte Carter-Jahr hinauswuchs, und prophezeite für den Dritte-Welt-Gipfel in Mexiko einen verständnisvollen US-Präsidenten.

Sogar der stellvertretende US-Au- ßenminister William P. Clark, der vielfach als besonderer Scharfmacher klang, ließ Hoffnung aufkommen, es könne sich dabei mehr um Ungeschicklichkeit als Absicht handeln. Er ver-

verwiesen auf den

Pragmatismus, der hinter aller scharfen Rhetorik der Reagan-Regierung stecke"

sprach eine „pragmatische Friedenspolitik“, bei der Westeuropa eine „Schlüsselrolle“ spielen werde.

Vielleicht kehrten manche der Gäste doch ein wenig nachdenklich an die heimischen Schreibtische zurück. Schade, daß nur relativ wenige NATO- Europäer die Chance zu diesem Dialog mit Top-Sprechern der US-Regierung

nutzten. Aber auch die Veranstalter verstanden diesen Dialogkongreß ja nur als einen „bescheidenen ersten Schritt".

Auch die österreichische Vertretung hätte repräsentativer ausfallen können. Aber das kennt man ja: viele Adabeis am Eröffnungstag, nach dem Gesichtsbad reist man wieder ab und läßt ein paar Beamte zurück.

Für die große Oppositionspartei war Alpbach (wie für nahezu alle Massenmedien) nicht existent, für die kleine immerhin Kurzzeitbühne für ihren Obmann Steger. Auch Kirchenvertreter verirren sich selten in die politische Tiroler Bergwelt. Dafür waren drei Ostblockjournalisten da, die mit ihren Analysen ihre Freunde in Moskau sicher auf Wochen beschäftigt haben.

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