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Patriot und Kosmospolit

Am 18. September jährt sich der Todestag von Friedrich Heer - Vordenker Österreichs und langjähriger Furche-Mitarbeiter - zum 20. Mal. Die Person Heer polarisiert bis heute: Kein Zufall daher, dass die Bewertungen des Kulturphilosophen von Anton Pelinka und Trautl Brandstaller, politisch ähnlich positioniert, ebenso unterschiedlich ausfallen, wie jene von Erika Weinzierl und Kurt Schubert aus Heers Freundeskreis. Weitere Beiträge von K. P. Liessmann, H. Feichtlbauer, A. Holl, E. Busek. Redaktion: Otto Friedrich

Friedrich Heer kann vielleicht am besten mit dem von ihm selbst akzeptierten Begriff "Linkskatholik" bezeichnet werden. In der Zweiten Republik nahm er - gemeinsam mit August Maria Knoll und Wilfried Daim - diese in der Ersten Republik vor allem mit Ernst Karl Winter verbundene Etikette wieder auf.

Heer war ein "Linkskatholik", weil er für Österreich die Gefahr von "rechts", den Nationalsozialismus und seine Epigonen, für gefährlicher hielt als die Gefahr von "links"; und weil er - unbeschadet seiner festen Verankerung im katholisch-kirchlichen Milieu - die Gemeinsamkeit mit der (demokratischen) Linken als Grundlage der Zweiten Republik nicht nur als Notwendigkeit akzeptierte, sondern ausdrücklich als qualitativen Fortschritt begrüßte.

Rechts stehen, links denken

Heer setzte in der Zweiten Republik das von Winter am Ende der Ersten Republik vertretene und verkörperte Motto um: "Rechts stehen und links denken". Heer ging in Gedanken und Worten "nach links" - ohne sich je einer (im traditionellen oder einem anderen Sinn) "linken" Gruppierung oder Partei anzuschließen oder auch nur für eine solche zu werben. Er war den (katholisch-konservativen) Rechten in seinen politisch-persönlichen Bindungen noch rechts genug - und den (sozialistischen) Linken in seinen intellektuellen Provokationen schon links genug, um von beiden ernst genommen zu werden. Eben deshalb konnte Heer nach links und nach rechts wirken; eben deshalb wurde er zu einer Zeit, als Linke nur Linkes, Rechte aber nur Rechtes hören wollten und konnten, links und rechts gehört.

Leiden an der Kirche ...

Friedrich Heer litt an seiner Kirche. Dieses Leiden hatte einen Namen: Pius XII. In ihm sah Heer, lange bevor dies zum Gemeingut historischer Analysen wurde, nicht nur den letzten einer Ära; sondern auch den Hauptverantwortlichen für die vielen Gemeinsamkeiten zwischen Kirche und Nationalsozialismus - insbesondere in "Der Glaube des Adolf Hitler" (1968, S.473-595): die Fixierung auf den "Bolschewismus"; die Unfähigkeit, sich mit Aufklärung und Menschenrechten und Demokratie wirklich auszusöhnen; und das Fehlen jeder Sensibilität für die Ursachen und die Folgen von Judenhass und Holocaust.

Vieles an Heers Mit-Leiden mit seiner Kirche und mit seinem Österreich hatte etwas Prophetisches: Er, der habilitierte Historiker, überschritt immer wieder die engen Grenzen seiner Disziplin, wenn er die von ihm analysierten Entwicklungen in die Zukunft extrapolierte.

Und wie bei den Propheten der Bibel waren Heers Aussagen über das Heute und das Morgen zumeist schmerzhaft - für die Mächtigen wie für die Ohnmächtigen; und wohl auch für ihn.

Friedrich Heer steht - in der Tradition der weitgehend verdrängten und vergessenen Irene Harand - vor allem für die kritische Analyse der österreichisch-katholischen Wurzeln des Nationalsozialismus. Lange bevor die Amtskirche die Notwendigkeit einer selbstkritischen Gewissenserforschung akzeptierte, zeichnete Heer die Verbindungslinien zwischen der katholischen Tradition, dem (auch und wesentlich katholisch geprägten) Antisemitismus und dem "Glauben des Adolf Hitler" nach.

... Leiden an Österreich

Und "Gottes erste Liebe" (so sein Buchtitel 1967) galt (und gilt), nach Heer, den Juden. Diese Begriffe - wie auch der des "österreichischen Katholiken Adolf Hitler" - kennzeichnen Heers kritischen Umgang mit dem Urgrund des Milieus, aus dem er selbst hervorgegangen war und das er nie verlassen hatte.

Heer war, für das intellektuelle Österreich der Nachkriegszeit, ein Symbol dafür, dass aus der Geschichte gelernt werden kann. Er war der Repräsentant des - nicht von irgendjemandem vorgeschriebenen - "Umlernens", einer österreichischen "reeducation".

Provokationen waren die Mittel, die der insider Heer gegen die insider einsetzte. Provokationen machten das Mitglied der CV-Verbindung "Bajuvaria" zu einem Feindbild für viele im CV und in der ÖVP; machten ihn für viele zum outsider. Dennoch blieb er insider - er blieb in Österreich, obwohl er im Deutschland der fünfziger und sechziger Jahre wohl als der interessanteste österreichische Intellektuelle galt; er blieb im CV - bis dieser ihn, unverständlich und verblendet, kurz vor Heers Tod verstieß. Und er ließ sich nicht politisch von denen vereinnahmen, die seine Kritik an den Restbeständen des Politischen Katholizismus und an den Opportunismen der ÖVP gerne für sich genutzt hätten.

"Drinnen" und "draußen"

Heers intellektuelle Anziehungskraft nach 1945 hatte zur Voraussetzung, dass er "drinnen" und "draußen" zugleich war. Heer konnte gegen die von ihm so oft geschmähten "öffentlichen Herumsteher" polemisieren - gerade weil diese ihm so vertraut waren. Heer kannte dieses Österreich, das er kritisierte; er kannte die politischen Eliten, die patriotische Grundsätze sofort bis zur Unkenntlichkeit verwässerten, sobald es nur galt, irgendwelche Ex-Nationalsozialisten durch Konzessionen an nationalsozialistisches Gedankengut zu gewinnen.

Glaubwürdiger Kritiker

Heer nahm den rot-weiß-roten Konsens des Jahres 1945 ernst - er war Teil des so definierten Patriotismus, der vor allem eine Antithese zum Deutschnationalismus der Zeit vor 1938 war. Und deswegen litt Heer unter den Opportunismen vieler seiner Freunde und Weggefährten, die es in die tagtägliche Politik verschlagen hatte.

Er nahm sich die Freiheit, diese Opportunismen scharf und offen zu kritisieren. Das war Teil seiner Anziehungskraft - er kannte die "öffentlichen Herumsteher" der Zweiten Republik; und eben deshalb war seine Kritik so glaubwürdig.

Heers intellektuelle Anziehungskraft hatte auch damit zu tun, dass er - patriotischer Österreicher zu einer Zeit, als dies weder "in" noch peinlich war - auch Kosmopolit war. In seinen Wortkaskaden, die der Rhetor Heer von sich gab, war immer auch ein Stück des intellektuellen Katholizismus Frankreichs oder der jüngsten Erkenntnisse der Forschung zur NS-Zeit enthalten. Heer war der Beweis dafür, dass Patriotismus und Kosmopolitismus keine Gegensätze sein müssen.

Aber Heer war (und ist) ein Kronzeuge gegen einen Patriotismus, der nicht lernt. Hitlers Verwurzelung im Barockkatholizismus Österreichs erklärt, so Heer, den Werdegang des "atheistischen Katholiken" Hitler, der sich in "Mein Kampf" erinnerte, wie sehr ihn die Liturgie des Stiftes Lambach berauscht hatte. Hitler - ein Katholik im Sinne einer bis zuletzt deutlichen Prägung durch die Kirche; Hitler - ein Atheist, weil er den "Juden Jesus" nicht annehmen konnte.

"Der Feind steht rechts"

"Der Feind steht rechts" - das war das Motto der "Linkskatholiken" vor 1938, als sie Österreich nicht vom "Bolschewismus", sondern vom österreichischen Katholiken Adolf Hitler bedroht sahen. "Der Feind steht rechts" - das war das Motto der "Linkskatholiken" nach 1945, als sie das Fortleben vieler der österreichischen Wurzeln des Nationalsozialismus feststellten und kritisierten.

Heers Auseinandersetzung mit Taras Borodajkewycz am Beginn seines Buches Der Kampf um die österreichische Identität (1981) war die Auseinandersetzung des Katholiken und CVers Heer mit dem Katholiken und CVer Borodajkewycz - und damit indirekt mit den Katholiken und CVern in führenden Positionen der Zweiten Republik, die dem Nationalsozialisten Borodajkewycz aus opportunistischen Erwägungen heraus eine Professur an der Hochschule für Welthandel verschafft und so den Grundstein für einen der bittersten Konflikte der Zweiten Republik gelegt hatten.

Prägender Intellektueller

Friedrich Heers Einfluss auf die geistige Entwicklung der Zweiten Republik kann nicht nur in seinen Büchern und seinen Artikeln nachgelesen werden. Friedrich Heer war auch und gerade im persönlichen Gespräch ein Erlebnis: Jüngeren gegenüber immer offen, monologisch und dialogisch zugleich, verblüffte er durch seine kühnen Vergleiche und Brückenschläge - und durch seine (scheinbaren) Widersprüche: Patriot und Kosmopolit; Insider und Outsider; Gelehrter und Kritiker der Gelehrsamkeit; Freund und Mahner der politisch Mächtigen; Historiker und Prophet; Katholik und Judenfreund. Wer, wenn nicht er, sollte als der führende, als der prägende Intellektuelle der Zweiten Republik in die Geschichte eingehen.

Der Autor ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck und Direktor des Instituts für Konfliktforschung in Wien. 1966/67 war Anton Pelinka Redakteur bei der Furche.

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