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IN GOTTES NAMEN?

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SALMAN RUSHDIE WARNT VOR JEDEM RELIGIÖSEN ALLEINANSPRUCH ALS "GIFT IM BLUT": LITERATEN BEARBEITEN IN IHREN WERKEN DAS THEMA RELIGION UND GEWALT

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SALMAN RUSHDIE WARNT VOR JEDEM RELIGIÖSEN ALLEINANSPRUCH ALS "GIFT IM BLUT": LITERATEN BEARBEITEN IN IHREN WERKEN DAS THEMA RELIGION UND GEWALT

"Abel steh auf / damit es anders anfängt / zwischen uns allen": Hilde Domins Gedicht formuliert das Problem als Wunschvorstellung. Am Ursprung der Religion steht auch die Gewalt. Nie kann ausgeschlossen werden, dass sich Menschen für ihren Glauben schlagen. Zugleich erwarten wir von der Religion, dass sie Gewalt überwindet oder zumindest zähmt.

Das Paradebeispiel liefert das Leben und das Werk Heinrich von Kleists, der sich am 21. November 1811 am Wannsee eine Kugel in den Mund schoss. Seine Novellen und Dramen sind voller Gewaltexzesse, seine oft destruktiven Figuren prüfen die Welt auf ihre Zerstörungswürdigkeit. Das legt in wünschenswerter Deutlichkeit Günter Blambergers neue Kleist-Biographie dar. Kleist ist ein Katastrophenspezialist, der den Fortschrittsoptimismus und die Moralphilosophie der Aufklärung verschmäht. Aggression ist für ihn ein gottgegebener Teil des Menschen. Der "Findling" in der gleichnamigen Novelle (1811) findet ein gar nicht bildungs-und zeitgemäßes Ende (eines der grausamsten der klassischen Literaturgeschichte), Alkmenes Diplomatie bleibt gegen die Göttergewalt hilflos (in der gar nicht so lustigen Komödie "Amphitryon"), vom Schicksal des Michael Kohlhaas ganz zu schweigen. Vor allem aber setzt Kleist auf die Gewalt der Worte, auf furiose Eingangssätze, hochpathetische Szenen, Körpersprache und Affektkurven, ja sogar auf etwas so Merkwürdiges wie den religiösen Terror der Musik (in der Legende "Die heilige Cäcilie").

Im zehnten Jahr nach "9/11", der globalen Verhängnischiffre, sind wir hellhöriger, "religiös musikalischer", auch für die Instrumentalisierung der Religion im Zeichen des Terrors. René Girards Vortrag über "Gewalt und Religion" (2003) stellt hierfür ein psychohistorisches Erklärungsmuster bereit. Es greift den Opfergedanken auf, der in den monotheistischen Weltreligionen eine große Rolle spielt. Bei dem Anschlag der islamistischen Terrororganisation al-Qaida am 11. September 2001 auf das New Yorker World Trade Center haben sich, so Girard, die Täter geopfert, um andere, die sie für Täter hielten, zu töten. Was sagen dazu die Schriftsteller?

9/11 in der Literatur

Es hat nicht allzu lange gedauert, bis "9/11" in der Literatur -und auch im Film -zum Thema wurde. Die erste bemerkenswerte literarische Reaktion aus Deutschland kam von Ulrich Peltzer, dem Böll-Preisträger 2011. Er lässt den Terror wie aus heiterem Himmel in seine Erzählung "Bryant Park"(2002) einbrechen. Das macht dieses Werk zu einem glaubwürdigen Zeugnis seiner Zeit. Der Erzähler durchforstet in New York Taufregister neuenglischer Gemeinden, der Autor selbst sitzt in Berlin. Am Tag des Terrors ist die Fiktion zu Ende, nun erzählt Peltzer selbst, besorgt um seine Kollegin Kathrin Röggla, die damals tatsächlich in New York gelebt - und mit "really ground zero" (2002) gleichfalls einen 9/11-Roman geschrieben hat. Nur die Verknüpfung von Terror und Religion gelingt weder hier noch dort. Es herrscht allgemeine Ratlosigkeit. Der "11. September", heißt es in Katharina Hackers Roman "Die Habenichtse"(2006), ist "nichts als die Scheidelinie zwischen einen phantasierten, unbeschwerteren Vorher und dem ängstlichen, aggressiven Gejammer, das sich immer weiter ausbreitete".

Angst ist in der Essayistik über Religion und Gewalt ein schlechter Ratgeber. Botho Strauß sieht 2001 Attentionismus und "Erwartungswachheit" an die Stelle des "geschäftigen Schlafs" der Vernunft treten. Auch Ulla Berkéwicz schlägt in ihrer Studie "Vielleicht werden wir ja alle verrückt" (2002) einen modernekritischen Ton an, um den Fundamentalismen der Weltreligionen auf die Spur zu kommen.

Etwas findiger konstruiert Hans Magnus Enzensbergers Essay "Schreckensmänner" (2006) einen Zusammenhang zwischen den Globalisierungs-"Verlierern" in der arabischen Welt und dem globalen Terrorismus. Und der in den USA und Österreich aufgewachsene, Israel sehr verbundene Autor Peter Stephan Jungk bleibt skeptisch: "Wir alle werden den Friedensschluss zwischen den Weltreligionen nicht mehr erleben. Es sei denn, es käme der Messias."

Natürlich ist der fatale Zusammenhang von Religion und Gewalt älter als alles, was über "9/11" geschrieben wurde. Arnold Stadlers Anthologie "Tohuwabohu" (2002) versammelt Texte über Gewalt und Religion aus der Weltliteratur sowie aus der christlich-jüdischen und der islamischen Tradition. Die Lehre: Der Mensch praktiziert Gewalt -und er braucht Religion. Auf die Vertreibung aus dem Paradies folgen Brudermord, Sintflut, gerade noch vereiteltes Sohnesopfer, Jericho, Sodom und Gomorrha. In zwei Dritteln der biblischen Psalmen ist der Erzähler von Feinden umringt, nimmt also eine Opferrolle ein. Hat Religion automatisch Gewalt im Schlepptau?

Das ist die eine Seite des Themas: Jede Religion erhebt Anspruch auf ewige Wahrheit, und diese Wahrheit ist nun einmal unteilbar. Die aufklärerische Zuversicht, "Sanftmut" und "herzliche Verträglichkeit" könnten, wie in Lessings "Nathan", den Krieg der Religionen schlichten, ist dahin. Salman Rushdie, der seit der über ihn verhängten Fatwa ein gebranntes Kind ist, warnt vor jedem religiösen Alleinanspruch als "Gift im Blut". Soll man der Religion also besser abschwören?

Gewaltmaschine Religion?

An dieser Frage arbeitet sich Martin Walsers neuer Roman "Muttersohn" (2011) redlich ab. Der Roman, in dem es von religiösen Motiven nur so wimmelt, erzählt eine negative Heiligenlegende. Ihr Held arbeitet als Krankenpfleger in einer Psychiatrie, die in einer ehemaligen Barockkirche untergebracht ist; er heißt Percy, was sich gut auf Gnade (mercy) reimt. Am Ende gerät er in eine diabolische Rockerbande, die sich "Austrian Action" nennt und eine ganz ungnädige "Freiheit zum Hass" propagiert: "Den Menschen ein besseres Jenseits versprechen, um sie im Diesseits gefügig zu machen, ist ein Verbrechen! Die Transzendenz ist die Erbsünde."

Religion als Gewaltmaschine? Soll die Konfession den Segen zur Schlacht spenden oder sie verdammen? Andere argumentieren, dass die Religion nicht an sich Gewalt enthält, sondern missbraucht wird, um Gewalt zu predigen und zu legitimieren. Hier sind die Romane und Erzählungen einzuordnen, die Religion nicht gleich unter den Anfangsverdacht eines Gewaltdispositivs stellen, sondern Ursachen und Folgen des Missbrauchs untersuchen.

Ein Beispiel bieten die Werke von Josef Winkler, der aus seiner katholischen Kärntner Herkunftswelt eine Mördergrube macht. Winklers Bücher praktizieren einen "autobiographischen Exorzismus". Sie spiegeln die Opfererfahrungen der frühen Jahre in einem gebrochenen religiösen Wissen. Auf diese Weise vermessen sie den Abgrund zwischen Sakrament und Sakrileg.

Sehnsuchtsbegabt

Ein anderes Beispiel ist Albert Ostermaiers umstrittenes Buch "Schwarze Sonne scheine" (2011). Der Roman, wie bei Walser voller religiöser Wendungen, erzählt von seelischem Missbrauch mit pseudomedizinischen Mitteln. Ein Abt tritt als Menschenfänger auf, der einen ehemaligen Zögling nicht loslassen will und ihn mit einer vermeintlich tödlichen Diagnose zu einer dubiosen Wunderheilerin schickt.

Mag die Szenerie auch manchmal überzeichnet sein, am Ende zeigt sich, dass der Mensch ein "sehnsuchtsbegabtes Wesen" (Arnold Stadler) ist und nicht aufhören kann zu glauben. "Don't stop believin'": mit diesem Popsong im Ohr tritt Ostermaiers Protagonist zurück ins Leben.

Auch die Christus-Romane von Patrick Roth müssen hier genannt werden, voran "Johnny Shines" (1993). Er enthält die apokryphe Erzählung vom jungen Jesus in der Löwengrube, der seinen Widersacher Judas erst töten und dann auferwecken muss, um die Heilsgeschichte in Gang zu setzen. Roth erzählt eine Legende vom Ursprung der Religion aus der Gewalt. Aus dem Bruder-Mord wird, paradox genug, Erlösung. So tief in das unheimliche Geheimnis des Heiligen und der Gewalt eingedrungen wie Roth ist kaum ein anderer Schriftsteller. Auch hier gilt, wie bei Kleist: Die Literatur hat von der Religion nicht nur die Stoffe, sondern auch die Sprache der Gewalt geerbt. Ein schweres Erbe, zweifellos.

Pessimistischer Rebell

Kann Abel aufstehen? Hilde Domin plädiert dafür, der Religion eine zweite Chance zu geben, diesmal ohne Gewalt. Der im Vorjahr verstorbene portugiesische Nobelpreisträger José Saramago bezweifelte das. Sein Roman "Kain", in deutscher Übersetzung gerade erschienen, schickt den Brudermörder auf eine Reise zu den Unheilsorten des Alten Testaments.

Kain ist ein verhinderter Gottesattentäter, ein theologisch versierter Rebell, der nicht den sein Opfer verschmähenden Gott, sondern seinen begünstigten Bruder tötet. Was er auf seinem Weg lernt, ist bitter: Immer wieder wird Gewalt im Namen Gottes ausgerufen, ausgeübt, gerechtfertigt. Angesichts dessen wird Kain zum abgrundtiefen Religionspessimisten. Aber er hört nicht auf, mit diesem gewaltigen Gott zu diskutieren. So wird Kains Erzähler zum Chronisten von Gewalt und Religion. Es sind die Schriftsteller, die unsere Hoffnung auf einen Sprung aus der "Totschlägerreihe" (Kafka) wachhalten.

Kain

Roman von José Saramago Übersetzt von Karin von Schweder-Schreiner. Hoffmann und Campe 2011.176 S., geb., € 20,60

Muttersohn

Von Martin Walser Rowohlt 2011 504 S., geb., € 25,70

Schwarze Sonne scheine

Von Albert Ostermaier Suhrkamp 2011 287 S., geb., € 23,60

Heinrich von Kleist

Biographie von Günter Blamberger S. Fischer 2011 597 S., geb., € 25,70

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