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Japan bleibt in der Opferrolle

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Japan ist in der Krise, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Dennoch zeichnet sich kein fundamentaler Wandel ab, meint die christliche Theologin Okano.

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Japan ist in der Krise, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Dennoch zeichnet sich kein fundamentaler Wandel ab, meint die christliche Theologin Okano.

dieFurche: Laut Angaben der japanischen Polizei begingen im vergangenen Jahr 3.556 Personen aufgrund wirtschaftlicher Gründe Selbstmord. Welche Stimmung orten sie angesichts der nun schon acht Jahre andauernden Wirtschaftsflaute bei den Menschen hier?

Haruko Okano: Die wirtschaftliche Krise ist sehr wohl im Alltag zu spüren. In meiner unmittelbaren Umgebung erlebe ich, daß mit großer Sparsamkeit umgegangen wird und gerade die Japaner, die eigentlich weltbekannt für ihre Kauflust sind, bremsen sich jetzt sehr stark ein. Auch bei den Studentinnen, die gerade jetzt absolviert haben, sehe ich, mit welch riesigen Schwierigkeiten sie eine Stelle zu finden versuchen.

dieFurche: Die japanische Politik wird immer wieder von Skandalen geplagt. Der neue Finanzminister Kiichi Miyazawa mußte in den letzten zehn Jahren zweimal - einmal als Finanzminister, einmal als Premier - wegen unlauterer Machenschaften zurücktreten. Ist für sie die wirtschaftliche Krise auch Ausdruck einer moralischen Krise?

Okano: Es wird immer vernachlässigt, daß in Japan die politische Moral ganz eindeutig alten Shinto-Traditionen folgt. Durch gute Taten oder den Vollzug einer Liturgie ist es möglich von allem Fehlverhalten gereinigt zu werden und wieder neu anzufangen. Die Wahl ist nun für Politiker eine Form von Liturgie und die Wiederwahl besitzt reinigenden Charakter oder kann als Nachlaß jeglicher Unmoral angesehen werden. Wenn ein Politiker einen Wahlkampf gewonnen hat, dann spürt er, daß er aus dem unmoralischen Kreislauf hinausgetreten ist, und er wieder von neuem beginnen darf. Diese Möglichkeit der Tilgung moralischer Schuld bewirkt aber auch, daß Politiker eigentlich alles machen können, was sie wollen - und das ist in Japan sicher traditionell tief verwurzelt.

dieFurche: Sehen sie Anzeichen für einen Werteverlust bzw. eines Wandels im japanischen Selbstverständnis?

Okano: Bei Jugendlichen sind vor allem im Bereich Sexualität sehr markante Veränderungen festzustellen. Die Wertkategorie hat sich heute insofern verändert, daß der persönliche Inhalt vom Akt der Sexualität abgetrennt ist, sodaß junge Mädchen scheinbar problemlos ihre "Liebe" verkaufen können. Und in einer ansonsten lieblosen Umgebung wird dieses Angebot von den Männern gerne angenommen. Obwohl genaue Statistiken fehlen, würde ich sagen, daß vor allem in den großen Städten diese Praxis sehr verbreitet ist.

dieFurche: Inwiefern leisten die Religionen eine Hilfestellung in der momentanen Situation?

Okano: In Bezug auf das Sexualverhalten der jungen Mädchen sind die Religionen vollkommen macht- und kraftlos. Sie wissen gar nicht auf welche Art sie reagieren sollen um diese Unmoral zu sprengen. Andererseits sind die Religionen heute sehr im Wohlfahrts- und Sozialbereich engagiert. Durch das Verschwinden der Großfamilien sind gerade im Bereich der Altenbetreuung neue Akzente zu setzen. Obwohl von konservativen Kreisen die Forderung nach japanischen Großfamilien wieder laut wird, scheint mir der Weg hin zur Kleinfamilie nicht mehr umkehrbar. Die Religionen konzipieren in dieser Situation das Modell einer "geistigen Familie", in der jeder sein Heim finden kann. Dieses Engagement haben sicherlich die christlichen Kirchen nach Japan gebracht. Aber jetzt nehmen sich auch viele mächtige Denominationen des Buddhismus und die sogenannten "Neuen Religionen" der sozial Schwachen an.

dieFurche: Können die Religionen in Japan Antworten auf die Fragen und Probleme der jungen Menschen in diesem Land bieten?

Okano: Diese Frage ist schwer zu beantworten, weil die Meinungen der Jugendlichen auf keinen Fall einheitlich sind. Doch ist festzustellen, daß vor allem für Studenten das Freisein von jeglichem religiösen Verhalten ein Zeichen von hoher Intelligenz und Intellektualität ist. Aber andererseits findet sich auch eine große Schar von jugendlichen Anhängern bei den "Neuen Religionen". So waren viele intelligente Jugendliche Anhänger jener kriminellen Sekte, die durch ihre Terroranschläge auf U-Bahn-Stationen traurige Berühmtheit erlangte. Inhaltlich gesehen ist diese Gruppe eine buddhistische Sekte mit einer sehr mystischen Ausrichtung, was eventuell den Anreiz gerade für junge Menschen erklärt.

dieFurche: Etwas mehr als eine Million Menschen und damit nur knapp ein Prozent der japanischen Bevölkerung sind Christen. Wie ist diese marginale Gruppe in Japans Gesellschaft präsent, bzw. wo und wie werden japanische Christen in der Öffentlichkeit wahrgenommen?

Okano: Obwohl die Christen wirklich eine verschwindende Minderheit sind, darf man sie als Gruppe nicht unterschätzen. Christliche Gemeinden und Gruppen sind äußerst stabil und sehr aktiv, sowohl was den Gottesdienstbesuch als auch das soziale Engagement betrifft. Die ursprüngliche Botschaft des Christentums ist in Japan noch sehr lebendig. Zum anderen ist die christliche Minderheit auch ein Außenseiter, weil sie durch ihre Betonung der Individualität stark abgesondert von der japanischen Gesellschaft lebt. Christen sagen: Ich bin ich, und ich möchte nicht bewußtlos und blind ein Anhänger der japanischen Industriegesellschaft sein; ich möchte so denken wie ich denke - und diese Einstellung paßt nicht ganz zur sonst üblichen Meinung. Christen in Japan stehen der Politik in diesem Land sehr kritisch gegenüber und das Verhalten unserer Politiker wird von vielen als eine Qual bezeichnet. Wer das Geld hat gewinnt die Wahl, und der schon vorhin geschilderte Kreislauf der Unmoral beginnt von vorn.

dieFurche: Beobachten sie eine Veränderung der Rolle der Frau in der japanischen Gesellschaft?

Okano: Feministische Bewegungen wie in den USA oder Europa sind in Japan kaum zu bemerken, aber das Selbstbestimmungsrecht der Frauen ist inzwischen sehr verbreitet. Das heißt, für viele Frauen bietet sich im Gegensatz zu früher nicht mehr nur der einzige Weg einer schnellen Heirat. Heute steigt die Zahl der alleinstehenden Frauen, und auch die Scheidungsrate weist stark nach oben. Das ist sicherlich einerseits sehr bedauerlich, bedeutet aber andererseits auch für viele Frauen Befreiung aus großer Not und zwischenmenschlichem Elend, und ich sehe auch viele erst durch die Scheidung wieder glücklich gewordene alte Frauen.

dieFurche: Die letzten Oberhauswahlen brachten ein Debakel für die seit 40 Jahren regierende Liberaldemokratische Partei. Sehen sie damit einen Richtungswechsel in der japanischen Politik eingeläutet?

Okano: Das Ergebnis der letzten Wahlen war ein Schritt in die richtige Richtung und mit Naoto Kan besitzt die Opposition den weitaus beliebtesten und auch intellektuell begabtesten Politiker Japans. Aber auch mit einem Wechsel in der Staatsspitze ändert sich an der politischen Richtung Japans im Grunde genommen nicht viel. Wir Japaner werden auch weiterhin in unserer Opferrolle bleiben, in die uns der Abwurf der Atombombe brachte, und zuwenig über die Täterschaft Japans im letzten Weltkrieg reflektieren. Im Unterschied zu den Deutschen, die nach außen so große Bußtaten gezeigt haben, fehlt Vergleichbares von der Seite Japans. Und die japanische Politik besteht immer noch darauf, daß Japan Asien vor dem europäischen Imperialismus retten wollte, und dafür die asiatischen Nachbarländer eigentlich dankbar sein müßten. Da ist immer noch eine große Diskrepanz zwischen der japanischen Ansicht und dem Bewußtsein unserer asiatischen Nachbarländer.

Das Gespräch führte Wolfgang Machreich in Yokohama.

Zur Person Japanerin, Theologin, Feministin, Universitätslehrerin Die 1941 geborene Buddhistin Haruko Okano studierte an der von Jesuiten gegründeten Sophia Universität in Tokio. Mit 21 Jahren ließ sie sich gemeinsam mit ihrem späteren Mann taufen. Mehr als zehn Jahre verbrachte Frau Okano in Deutschland, um Religionswissenschaft, Theologie, Germanistik und Japanologie zu studieren. Derzeit lebt sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Yokohama. Frau Okano lehrt an der Jissen-Frauenuniversität in Tokio. In den vergangenen Jahren war sie als Gastprofessorin in Frankfurt und Salzburg tätig.

Sie stellt fest: "Mit dem Gleichnis vom verlorenen Sohn konfrontiert, verlieren viele meiner Studentinnen die Fassung. Sie halten diese Provokation - daß das Heil nicht einzig in der braven Befolgung der Sitten und in der Verehrung der über alles erhabenen Gottheit liegt - körperlich und seelisch kaum aus. Wenn sie diese Botschaft an sich heranlassen, haut es japanische Menschen buchstäblich um."

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