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Erziehungsnot und Erziehungshilfe der Zeit

Seit Beginn der Pfingstwoche tagte in Wien der 3. Internationale Kongreß für Heilpädagogik. Er hat hier viele Hunderte von Fachleuten aus allen jenen Wissenschaften, welche die Quellströme der neuen heilpädagogischen Wissenschaft bilden, der Medizin (und da wieder der Kinderheilkunde und der Psychiatrie) und der Psychologie, der Pädagogik (insbesondere der Sonderpädagogik) und der Fürsorge, Menschen aus zahlreichen Ländern, insbesondere Europas, zusammengeführt; wir wollen von ihnen lernen und Anregungen erhalten, wollen aber auch zeigen, was Wien, was Oesterreich auf diesem Gebiet leistet.

Schon lange arbeiten schöpferische und einsatzbereite Menschen auf einzelnen Teilgebieten der Heilpädagogik, zum Beispiel an der Beschulung sinnesgestörter Kinder — so begeht im Rahmen des Kongresses das Wiener Blindenerziehungsinstitut sein 150jähriges, das Wiener Taubstummeninstitut sein 175jähriges Jubiläum. In dieser unserer Generation aber wurden nicht nur eine große Anzahl neuer wissenschaftlicher Ergebnisse erzielt, neue Methoden entwickelt, sondern jetzt kam es vor allem zu einer Zusammenfassung, einer „Integration“ — und damit zur Entstehung einer neuen Wissenschaft, die Wesentliches zum Wissen um den Menschen und seinen Beziehungen zur Umwelt beiträgt. Das aber ist, wie alle solche Ereignisse, nichts Zufälliges. Es ist vielmehr eine Antwort auf eine große Not der Zeitsituation, welche umfassende Hilfe wahrhaft notwendig macht.

Kluge und hellsichtige Menschen haben uns gelehrt, daß das Menschenbild, welches diese „neueste“ Weltzeit heraufgeführt hat und von ihr heraufgeführt wurde, ein anderes geworden ist, als noch vor wenigen Generationen. Die Menschen sind im Zuge der „progressiven Zerebration“ (C. v. Eco- n o m o) intellektueller geworden — die ungeheuren technischen, aber auch etwa die psychologischen Errungenschaften sind ein Ergebnis, dieser Veränderungen, aber sie mußten dafür einen hohen Preis bezahlen: sie mußten einen Verlust der Instinktsicherheit dafür in Kauf nehmen, einen „Verlust der Mitte“ (Hans Sedlmayr), sie leben nicht mehr einig mit ihrem Unbewußten.

Das zeigt sich einerseits in einer starken Zunahme der organischen Erkrankungen des Zentralnervensystems, das eben für verschiedene Schäden anfälliger geworden zu sein scheint, wie auch insbesondere in den vielfältigen Zustandsbildern von ,Nervosität“ (das vegetative Nervensystem, welches diese Zustände bedingt, ist ebenfalls in zahlreichen Fällen „aus den Fugen geraten“), wie auch in den verschiedensten seelischen Abartigkeiten, mag man diese nun als neurotisch oder als psychopathisch bezeichnen.

Auch im Kindesalter sind solche Störungen ungemein häufig geworden, ja vielleicht anteilsmäßig noch häufiger als beim Erwachsenen; das Kind spricht ja viel unmittelbarer auf Schädigungen der verschiedensten Art an, ist es ja viel stärker prägbar und beeindruckbar als der „fertige“ Erwachsene; darüber hinaus ist es ein charakteristisches Zeichen der Zeit, daß viele von den so intellektuell gewordenen Eltern — wohl gerade deshalb, weil sie so intellektuell sind — die Fähigkeit verloren haben, aus Erzieherinstinkt, aus emotionaler Sicherheit heraus, die im Augenblick, im rechten Augenblick, notwendigen erzieherischen Maßnahmen zu treffen.

So ist der an Zahl und Intensität ins Ungeheure angewachsene Erziehungsnotstand unserer Tage nicht nur von außen her bedingt — in der von der Kriegs- und Nach- kriegssituation hervorgerufenen Bedrohung und Angst, der Zerstörung und dem Zerfall so vieler Ehen —, sondern eben sehr auch durch die innere Bedrohung des Menschlichen, die sich gerade in der Situation der modernen Ehe besonders tragisch zeigt. So ist es also auch ein Zeichen der Zeit geworden, daß alle jene Stellen, welche sich mit Erziehungsberatung, mit Psychohygiene, mit seelenärztlicher, mit heilpädagogischer Hilfe befassen, dem Ansturm der Hilfesuchenden kaum mehr nachkommen, so viele neue Institutionen auf diesen Gebieten auch ständig entstehen.

Ueber diesen neu hinzugewachsenen Aufgaben sei aber das weite Gebiet nicht vergessen, das die Heilpädagogik seit jeher zu betreuen hat: die Therapie, vor allem die pädagogische Therapie aller sinnesgestörten und entwicklungsgehemmten Kinder, der tauben und blinden, der schwerhörigen und sehschwachen, der körperbehinderten und besonders der intellektuell rückständigen aller Grade. Neben verschiedenen medizinischen Disziplinen, welche sich jenen Kindern zu helfen bemühen, sind es vor allem die Sonderschulen, welche solchen jungen Menschen den Weg ins Leben bahnen, den sie ohne diese Hilfe nicht finden würden. Auf allen den verschiedenen Teilgebieten der Heilpädagogik gelingt es in den meisten

Fällen durch den intensiven menschlichen Einsatz, der eben stärker sein muß als beim „Normalen“, den Betreuten zu erträglicher Anpassung an die Lebensanforderungen zu helfen — und jeder Funke menschlichen Seins ist wert, angefacht zu werden; nicht selten aber können die so Geführten zu weit überdurchschnittlichen Leistungen gebracht werden, gerade aus ihren Defekten und Schwierigkeiten besondere, den harmonisch Begabten nicht zugängliche Kräfte schöpfend.

Schon all das ist wahrhaft jeder Bemühung wert. Wir glauben aber, daß heilpädagogische Arbeit noch in weiterem Sinn aktuell ist und noch tiefer in die Zeit hinein wirkt: das Wissen um die seelisch und nervlich Abartigen schärft den Blick für die Notwendigkeiten unserer Lage überhaupt — das Abnorme, die Ausnahmesituation hat ja immer noch das „Normale“ verstehen gelehrt. Wir glauben weiter, daß unsere Hilfe für die Außenseiter der menschlichen Gemeinschaft uns auch Wege finden lassen wird, welche allgemein zu einer richtigeren Lebensführung, zu einem besseren Zusammenleben verhelfen, welche zu einer besseren Anpassung an die Forderungen dieser neuesten Zeit, zur Gewinnung einer neuen „Mitte“ auf einer höheren Stufe menschlicher Existenz führen. Dahin muß ja das leidenschaftliche Streben der besten Geister der Zeit gehen, das so sehr bedrohte Menschliche neu zu begründen. Wir glauben, daß gerade die selbstlose Hilfe für den Menschen und die Zusammenarbeit von Arbeitern, die von verschiedenen Richtungen herkommen (das „Team-work“), wie das die Heilpädagogik leistet, einen Weg weisen kann.

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