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Der Feinkunstladen Europas

1945 1960 1980 2000 2020

Stockholm bietet Kunst und Kultur im Überfluß: denn die schwedische Kapitale ist Kulturhauptstadt Europas 1998.

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Stockholm bietet Kunst und Kultur im Überfluß: denn die schwedische Kapitale ist Kulturhauptstadt Europas 1998.

Stockholms Attribut als "Venedig des Nordens" ist wohl etwas zu weit hergeholt. Doch für die Umgebung scheint es zu stimmen. Beim Anflug auf die 1,5 Millionen Menschen zählende Hauptstadt Schwedens spiegeln sich Dutzende größere und kleinere Seen und Kanäle in der Sonne, durchziehen weiße Fährschiffe die Wasserstraßen von Insel zu Insel. Der Airport liegt 40 Kilometer vor den Toren der Stadt. Wer statt des Taxis den Airport-Bus benützt, spart gleich einmal 300 Kronen, das sind 480 Schilling, in der nicht gerade billigen Stadt. Fährt man mit dem Auto, so sollte man sich Falschparken überlegen: Es kostet 450 Kronen (720 Schilling).

Heuer kommen besonders viele Touristen nach Stockholm, weil es für 1998 von den EU-Kulturministern (einstimmig) zur "Kulturhauptstadt Europas" gewählt wurde. Maßgeblich für die Wahl war Schwedens enge kulturelle Verbundenheit mit der gesamten Ostsee-Region. Stockholm ist die 14. Kulturhauptstadt, seit im Jahr 1985 Athen zur ersten europäischen Kulturhauptstadt gewählt wurde. Die Idee, alljährlich eine Stadt zur Kulturhauptstadt zu wählen, wurde zu Beginn der achtziger Jahre von der griechischen Filmschauspielerin und späteren Kulturministerin Melina Mercouri lanciert. Seither gab es bessere und schlechtere Kulturhauptstädte, teure und weniger kostspielige, erfolgreiche und Beinahe-Flops. Thessaloniki kostete beispielsweise umgerechnet 2,8 Milliarden Schilling, die größtenteils in unbekannten Kanälen versickerten. Kopenhagen galt 1996 als erfolgreich; es kostete 1,8 Milliarden Schilling. Relativ billig (350 Millionen Schilling), aber bedeutungslos blieb Luxemburg. Für manche Städte erwies sich die Ehre, Kulturhauptstadt zu sein, als Segen, für andere als Fluch.

Trotz dieser unterschiedlichen Erfahrungen versuchten die Schweden, alle kulturellen Ressourcen voll auszuschöpfen, wie der 300 Seiten starke Veranstaltungskatalog beweist. Immerhin gehört Stockholm mit 70 verschiedenen Bühnen zu den europäischen Städten mit der größten Theaterdichte. Außerdem haben sich 60 Museen, sowie 1.500 Künstler und Kunsthandwerker in den Dienst des Kulturjahres gestellt. Es ist offensichtlich: Im Stockholmer Kulturjahr präsentieren vor allem schwedische Künstler ihre Werke für die Schweden.

Das zeigt sich natürlich bei den Aufführungen im "Dramaten", dem "Dramatischen Theater", das eng mit dem Namen des berühmten Regisseurs Ingmar Bergman verknüpft ist. Heuer brachte er eines seiner Lieblingsthemen, den Stummfilm, auf die Bühne. Am 14. Juli feierte er nicht nur seinen 80. Geburtstag, sondern auch sein 40jähriges Wirken am "Dramaten". Außerdem werden im Kino "Blauer Vogel" 32 seiner Erfolgsfilme gezeigt.

Musikalische Feinkost wird im Rokoko-Theater des Schlosses Drottningholm, wo die königliche Familie zumeist lebt, serviert: Willibald Gluck dominiert das Programm. In der Königlichen Oper von Stockholm inszeniert Star-Regisseur Peter Brook "Don Giovanni". Was bei manchen Kritikern die Bemerkung auslöste, daß europäische Festival-Programme und internationale Künstler "austauschbar" wären. Böse Zungen sprachen sogar von einem "Festspiel-Zirkus".

Weil die Veranstalter des Kulturjahres keineswegs ein elitäres Programm planten, sondern Kunst und Kultur dem schwedischen Volk näherbringen wollen, hat man die ganze Stadt einbezogen. Schauplätze vieler künstlerischer Veranstaltungen sind öffentliche Straßen und Plätze.

Das Projekt "Insel Gruppe" zeigt zum Beispiel an sieben Orten Installationen europäischer Künstler. Selbst die "Tunnelbana", die U-Bahn, steht im Zeichen des Kulturjahres: 50 Künstler präsentieren in der Untergrundbahn ihre Werke, womit diese zur "längsten Kunstgalerie der Welt" geworden ist.

Gerade rechtzeitig zum Kulturjahr wurde das neue "Museum für Moderne Kunst" eröffnet. Es gilt als eines der größten Museen für zeitgenössische Kunst. Architekt war der Spanier Rafael Moneo. Das Museum kostete nicht weniger als 700 Millionen Schilling, die Hälfte des Budgets des Kulturjahres. In den letzten 15 Jahren hat man auch in Schweden, das noch 1970 das reichste Land Europas war, sparen gelernt. Die öffentlichen Ausgaben, vor allem die Sozialleistungen, wurden drastisch gekürzt.

Experimentelle Kunst bietet eine internationale Video-Show, während im "Arrow", einem ehemaligen Pferdestall der Polizei, Graffiti-Künstler aus Europa und USA auf Leinwand ungestraft ihre Werke präsentieren.

Unter dem Motto "Kunst im Schaufenster" beteiligten sich 58 Künstler an der Gestaltung Dutzender von Schaufenstern. Eines dieser Schaufenster, das zum Geschäft des ehemaligen Tennis-Stars Björn Borg gehört, erregte allerdings die Gemüter der Stockholmer: Dort sind Unterhosen mit Namen von Kriminellen, die in Texas hingerichtet wurden, ausgestellt - inklusive der Reste ihrer Henkersmahlzeit. Für Diskussionen sorgte auch die Klage der weltberühmten Kinderbuch-Autorin Astrid Lindgren (90) gegen das US-Magazin "Interview". Das Magazin hatte das Kinder-Idol Pippi Langstrumpf als Sex-Puppe in verschiedenen erotischen Posen gezeigt.

Dabei wird im Kulturjahr den Veranstaltungen für Kinder besondere Aufmerksamkeit gewidmet - ein Drittel des gesamten Programms. Deshalb trifft man auch bei allen kulturellen Veranstaltungen Familien mit Kindern aller Altersstufen, auch viele Männer mit Kleinkindern. Ist doch das Karenzjahr für Männer in Schweden, im Gegensatz zu Österreich, besonders populär. Vielleicht auch deshalb, weil die Männer 80 Prozent ihres letzten Bezuges als Karenzgeld erhalten.

Weil in Stockholm mehr als 20 Prozent der Einwohner Ausländer sind, ist es nicht erstaunlich, daß im Kulturjahr auch die multikulturelle Szene stark vertreten ist. So beim Afro-Tropical-Festival, beim "Circus Ethiopia" und beim "Orient-Fest", um nur einige Veranstaltungen zu nennen. Das alljährlich im August stattfindende "Wasser-Fest" zog diesmal noch mehr Musik-Gruppen und Zuschauer an als sonst.

Stockholms "Euro-Pride 98"-Parade brachte im Juli 20.000 Homosexuelle, Bisexuelle und Transsexuelle auf die Beine. Auch für die kommenden Monate offeriert das Kulturjahr noch eine Fülle von diversen Veranstaltungen, um von den zahlreichen Sehenswürdigkeiten der Stadt, wie "Vasa-Museum", Stadthaus (wo am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels, das große Bankett stattfindet), die Freizeitinsel "Djurgarden" mit dem ältesten Freilicht-Museum Europas, dem Vergnügungspark "Gröna Lund" (alljährlich 1,2 Millionen Besucher) gar nicht zu reden.

Im kommenden Jahr wird Weimar, die Wiege der deutschen Klassik, Kulturstadt Europas. Weimar feiert 1999 den 250. Geburtstag Goethes und den 240. von Friedrich Schiller (beide starben in Weimar). Vor 80 Jahren wurde dort die "Weimarer Republik" ausgerufen. Die Stadt, in der Herder und Wieland, Lukas Cranach, Liszt, Richard Strauß und viele andere bedeutende Künstler wirkten, muß 1999 die schwierige Gratwanderung eines ausgewogenen Veranstaltungsprogramms bewältigen. Für das magische Jahr 2000 wurden sogar neun Kulturstädte ausgewählt. Besonders gespannt darf man sein, was die Kulturhauptstadt von 2003 bieten wird: nämlich Graz

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