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Feuilleton

Die Geschichte wirkt nach

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Frauen töten sich, Männer andere. Männer gehen in die Geschichte ein, bestimmen, was geschieht in der Welt, Frauen kapitulieren und resignieren, weil für sie nicht vorgesehen ist, sich den drängenden Fragen der Zeit zu stellen. Überhaupt Anfang des 20. Jahrhunderts. So sieht die Botschaft in Katie Mitchells Inszenierung von "The Forbidden Zone" aus, das Duncan Macmillan weniger geschrieben als kompiliert hat. Er greift auf die Sammlung "The Forbidden Zone" zurück, die Mary Borden unter dem Eindruck ihrer Arbeit in einem französischen Lazarett während des Ersten Weltkriegs verfasst hat.

Borden ist nur eine der bemerkenswerten Frauen, die Mitchell besonders ans Herz greifen. Die anderen sind Clara Immerwahr und Claire Haber. Auch sie haben tatsächlich gelebt, und ihr Schicksal wird über Zeiten und Räume zusammengeführt. Beide sind Verlierer in einer Welt, die ihnen ein derart grässliches Unbehagen bereitet, dass sie aufmucken und in ihrem Protest -das ist die schlimmste Form des Scheiterns - ignoriert werden. Die eine nimmt Gift, die andere erschießt sich. Ja, es gibt noch Lehren im Theater von heute, die recht einfach ausfallen.

Der Stoff hat das Zeug zum großen Melodrama. Eine Frau, Chemikerin, ist mit einem ausgesprochen erfolgreichen Wissenschaftler verheiratet, mit Fritz Haber, der nichts dabei findet, gegen jedes wissenschaftliche Ethos Giftgas zu entwickeln, das auf dem Schlachtfeld zum Einsatz kommen soll.

Pendeln zwischen den Zeiten

Der unverbesserliche Wissenschaftler als Koryphäe und Patriot - eine tödliche Mischung. Er ist sogar dabei, als das Zyklon B hergestellt wird, das später in den Gaskammern des Dritten Reiches zur Anwendung gebracht wird. Damit wird die Enkelin Claire nicht fertig, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA umbringt. Was in einem Labor im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts seinen Ausgang nimmt, zeigt Wirkung noch Jahrzehnte später. Wissenschaftsgeschichte als Familiendrama: In diesem Stück wird das so umgesetzt, dass wir über dem Zeitalter der äußersten, auf reine Effektivität gegründeten Vernunft einen Fluch lasten sehen.

So einfach macht es einem Mitchell dann doch nicht. Sie ist eine Meisterin der präzisen Choreografie. Dazu kommen Szenen der Verfremdung, die einen aus der historischen Eindeutigkeit katapultieren. Zeiten fließen ineinander, was durch einen Zug im Vordergrund der Bühne augenscheinlich wird. Aber eigentlich steht er auf dem Verschiebebahnhof der Bedeutungen. Er pendelt zwischen den Zeiten, ist militärische Einrichtung ebenso wie öffentliches Transportmittel -ein Hinweis, dass es mit der Chronologie dieses Stücks nicht weit her ist und sich auch die Lebensbereiche der Menschen vermischen. Der Krieg durchdringt die ganze Gesellschaft, ein Entkommen gibt es für niemanden.

Historische und fiktive Figuren

Zur Höchstform läuft Mitchell auf, wenn sie das Stück als Präzisionsmaschine einrichtet. Dann ist das Ensemble derart gefordert, dass es sich einen Ausrutscher nicht leisten darf, ohne das Ganze zu gefährden. Die einfache Geschichte wird dadurch zu einem höchst komplexen Gebilde. Was auf der Bühne stattfindet, wird gleichzeitig von einem Kamerateam begleitet. Das hat nicht eine Verdoppelung zur Folge, denn die Kamera schneidet Details heraus. Sie erfasst Gesichter und bleibt an der Mimik dran, sie klebt an Dingen, denen Symbolwert zuwächst. Der Revolver, am Anfang ein Nebending, wird später zum Instrument der Selbsttötung. Achtung, soll das heißen, hier spielt sich nicht die Wirklichkeit ab, sondern sie wird vermittelt, inszeniert, ja eigentlich erst hergestellt. Was auf der Bühne geschieht, wird wegen der Übermacht der riesigen Leinwand hoch über den Köpfen der Schauspieler marginalisiert. Sie steht für die Künstlichkeit und stellt einen Anspielungsreichtum her. Wenn wir Gesichter in grobkörniger Großaufnahme sehen, wirken sie wie Zitate aus der Filmgeschichte, die mindestens so prägend sind wie historische Dokumentaraufnahmen. Deshalb fällt es Mitchell auch leicht, historische wie fiktive Figuren zusammenzubringen, weil sie im kulturellen Gedächtnis ohnehin gemeinsam abgelegt sind.

Das Drama wird teils auf Deutsch, teils auf Englisch gespielt. Ruth Marie Kröger als Clara Immerwahr und Jenny König als Claire Haber tragen die Hauptlast und bewältigen diese souverän. Großes Theater aber findet nicht statt.

The Forbidden Zone - Perner Insel 7., 9., 10. August

Frauen töten sich, Männer andere. Männer gehen in die Geschichte ein, bestimmen, was geschieht in der Welt, Frauen kapitulieren und resignieren, weil für sie nicht vorgesehen ist, sich den drängenden Fragen der Zeit zu stellen. Überhaupt Anfang des 20. Jahrhunderts. So sieht die Botschaft in Katie Mitchells Inszenierung von "The Forbidden Zone" aus, das Duncan Macmillan weniger geschrieben als kompiliert hat. Er greift auf die Sammlung "The Forbidden Zone" zurück, die Mary Borden unter dem Eindruck ihrer Arbeit in einem französischen Lazarett während des Ersten Weltkriegs verfasst hat.

Borden ist nur eine der bemerkenswerten Frauen, die Mitchell besonders ans Herz greifen. Die anderen sind Clara Immerwahr und Claire Haber. Auch sie haben tatsächlich gelebt, und ihr Schicksal wird über Zeiten und Räume zusammengeführt. Beide sind Verlierer in einer Welt, die ihnen ein derart grässliches Unbehagen bereitet, dass sie aufmucken und in ihrem Protest -das ist die schlimmste Form des Scheiterns - ignoriert werden. Die eine nimmt Gift, die andere erschießt sich. Ja, es gibt noch Lehren im Theater von heute, die recht einfach ausfallen.

Der Stoff hat das Zeug zum großen Melodrama. Eine Frau, Chemikerin, ist mit einem ausgesprochen erfolgreichen Wissenschaftler verheiratet, mit Fritz Haber, der nichts dabei findet, gegen jedes wissenschaftliche Ethos Giftgas zu entwickeln, das auf dem Schlachtfeld zum Einsatz kommen soll.

Pendeln zwischen den Zeiten

Der unverbesserliche Wissenschaftler als Koryphäe und Patriot - eine tödliche Mischung. Er ist sogar dabei, als das Zyklon B hergestellt wird, das später in den Gaskammern des Dritten Reiches zur Anwendung gebracht wird. Damit wird die Enkelin Claire nicht fertig, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA umbringt. Was in einem Labor im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts seinen Ausgang nimmt, zeigt Wirkung noch Jahrzehnte später. Wissenschaftsgeschichte als Familiendrama: In diesem Stück wird das so umgesetzt, dass wir über dem Zeitalter der äußersten, auf reine Effektivität gegründeten Vernunft einen Fluch lasten sehen.

So einfach macht es einem Mitchell dann doch nicht. Sie ist eine Meisterin der präzisen Choreografie. Dazu kommen Szenen der Verfremdung, die einen aus der historischen Eindeutigkeit katapultieren. Zeiten fließen ineinander, was durch einen Zug im Vordergrund der Bühne augenscheinlich wird. Aber eigentlich steht er auf dem Verschiebebahnhof der Bedeutungen. Er pendelt zwischen den Zeiten, ist militärische Einrichtung ebenso wie öffentliches Transportmittel -ein Hinweis, dass es mit der Chronologie dieses Stücks nicht weit her ist und sich auch die Lebensbereiche der Menschen vermischen. Der Krieg durchdringt die ganze Gesellschaft, ein Entkommen gibt es für niemanden.

Historische und fiktive Figuren

Zur Höchstform läuft Mitchell auf, wenn sie das Stück als Präzisionsmaschine einrichtet. Dann ist das Ensemble derart gefordert, dass es sich einen Ausrutscher nicht leisten darf, ohne das Ganze zu gefährden. Die einfache Geschichte wird dadurch zu einem höchst komplexen Gebilde. Was auf der Bühne stattfindet, wird gleichzeitig von einem Kamerateam begleitet. Das hat nicht eine Verdoppelung zur Folge, denn die Kamera schneidet Details heraus. Sie erfasst Gesichter und bleibt an der Mimik dran, sie klebt an Dingen, denen Symbolwert zuwächst. Der Revolver, am Anfang ein Nebending, wird später zum Instrument der Selbsttötung. Achtung, soll das heißen, hier spielt sich nicht die Wirklichkeit ab, sondern sie wird vermittelt, inszeniert, ja eigentlich erst hergestellt. Was auf der Bühne geschieht, wird wegen der Übermacht der riesigen Leinwand hoch über den Köpfen der Schauspieler marginalisiert. Sie steht für die Künstlichkeit und stellt einen Anspielungsreichtum her. Wenn wir Gesichter in grobkörniger Großaufnahme sehen, wirken sie wie Zitate aus der Filmgeschichte, die mindestens so prägend sind wie historische Dokumentaraufnahmen. Deshalb fällt es Mitchell auch leicht, historische wie fiktive Figuren zusammenzubringen, weil sie im kulturellen Gedächtnis ohnehin gemeinsam abgelegt sind.

Das Drama wird teils auf Deutsch, teils auf Englisch gespielt. Ruth Marie Kröger als Clara Immerwahr und Jenny König als Claire Haber tragen die Hauptlast und bewältigen diese souverän. Großes Theater aber findet nicht statt.

The Forbidden Zone - Perner Insel 7., 9., 10. August