Entzauberte Südsee

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Wachsende soziale und ethnische Spannungen im vermeintlichen Inselparadies.

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Wachsende soziale und ethnische Spannungen im vermeintlichen Inselparadies.

Ob das Leben auf den Südsee-Inseln jemals so romantisch war, wie es berühmte Schriftsteller wie Somerset Maughan ("Betörende Südsee"), Nordhoff und Hall ("Am dunklen Fluß") oder Ernst Löhndorff ("Das Mädchen aus der Südsee"), um von Hollywood-Technicolor-Schinken wie "South Pacific" oder den tropischen Gemälden eines Paul Gauguin gar nicht zu sprechen, mag dahingestellt sein. Tatsache ist, dass die Idylle, die viele Jahrzehnte lang die westliche Phantasie beflügelte, in der riesigen Inselwelt, die sich 4.500 Kilometer nordwestlich von Australien im größten Ozean der Erde erstreckt, kaum jemals existiert hat. Eines ist sicher: Für die Südsee-Insulaner, die täglich ums Überleben kämpfen, sind unsere romantischen Vorstellungen vom Südpazifik nur schwer verständlich.

Fast alle Inseln sind mit großen Problemen konfrontiert: stagnierende Wirtschaft, massive Handels- und Budgetdefizite, eine rasch wachsende Bevölkerung, ethnische Konflikte, Arbeitslosigkeit und zunehmende Verstädterung. Der jüngste Bericht von UNDP (Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen) zeigt, dass auf den Fidschiinseln (800.000 Einwohner) ein Drittel der Bevölkerung in größter Armut lebt. Papua-Neuguinea (4,5 Millionen) rutschte auf der Weltskala der Armut auf die 164. Stelle, das heißt an die unterste Grenze. Dabei erhalten die Südseeinseln mehr Pro-Kopf-Entwicklungshilfe als jedes andere Land in der sogenannten "Dritten Welt". Vielfach wird diese Hilfe allerdings zur Bezahlung von teilweise überflüssigen Importen, zur Deckung der Budgetlücken oder der Finanzierung oft fehlgeplanter Großprojekte verwendet. Die Inselregierungen haben oft größte Schwierigkeiten, die neuen Fabriken in schwarze Zahlen zu bringen oder überhaupt zu erhalten, was auch für Lastkraftwagen, Schiffe und ähnliche Ausrüstung gilt.

Auf den Fidschiinseln wurde der Putsch vor rund zehn Wochen - der zweite seit 1987 - erneut durch die Spannung zwischen den beiden ethnischen Gruppen, den einheimischen Melanesiern (die vielfach mit Polynesiern vermischt sind) und den zugewanderten Indern ausgelöst. Die Briten, die bis 1970 96 Jahre die Inseln beherrschten, hinterließen das explosive Erbe einer indischen Bevölkerungsmehrheit, aber auch eine Kopie ihrer Westminster-Demokratie, was allerdings in Afrika und Asien nur selten funktionierte. In den meisten ehemaligen Kolonien haben sich Ein-Parteien-Regime oder Militär-Diktaturen etabliert, in denen von Freiheit und Menschenrechten kaum gesprochen werden kann.

Die einheimischen Melanesier sahen in den Indern, die von den Briten als Plantagenarbeiter auf die Inseln gebracht wurden (ebenso wie die chinesischen Kulis von den Franzosen nach Tahiti) und durch ihre oft skrupellose Geschäftstüchtigkeit, eine zunehmende Gefahr. Ursache für die Putsche auf den Fidschiinseln sind nicht nur ethnische Konflikte, sondern vor allem wirtschaftliche und soziale Spannungen zwischen den Volksgruppen. Ein Auslöser für den jüngsten Putsch mag der Gesetzesentwurf gewesen sein, der die Pacht von Grund und Boden für tausende Inder auf weitere 30 Jahre ermöglichen sollte.

Auch die Situation im "Pulverfass der Südsee", Neukaledonien, ist nach wie vor explosiv. Wie Australien, so war auch Neukaledonien im letzten Jahrhundert eine Sträflingskolonie. Zwischen 1864 und 1896 wurden 40.000 Strafgefangene aus Frankreich auf die Pazifikinsel verschifft. Rund 40 Prozent der etwa 150.000 Köpfe zählenden Bevölkerung sind Melanesier oder "Kanaken". Neukaledonien, in den letzten Jahren immer wieder Schauplatz blutiger Kämpfe zwischen Frankreich und der "Los von Paris"-Bewegung, soll in 15 bis 20 Jahren unabhängig werden. Ohne den strategisch wichtigen Rohstoff Nickel würde sich allerdings keine Macht der Welt um diese Insel scheren. Interssant ist die Tatache, dass Libyen die radikalen Führer der Unabhängigkeitsbewegung zur "Schulung" nach Tripolis holte.

Auch in Französisch-Polynesien, das allein so groß ist wie Europa, gärt es. Diente früher die Landwirtschaft zur Versorgung der Einheimischen, so wurde sie von den Franzosen auf exportorientierte Produkte wie Ananas, Vanille, Baumwolle, Kopra umgestellt, wovon hauptsächlich französische Plantagenbesitzer profitierten.

Tausende Chinesen kamen als Arbeitskräfte auf die Inseln. Heute haben ihre Nachkommen den Handel fest im Griff. Inzwischen wurde der Tourismus kräftig angekurbelt. Papeete, die Hauptstadt Tahitis, ist heute eines der wichtigsten Luftkreuze des Pazifiks. Französische, amerikanische und japanische Tourismuskonzerne investieren massiv in der Hotelindustrie und bringen trotz der großen Entfernung Massen von Touristen aus den USA, Japan und Europa an die Gestade der Inseln. Da die Phosphatproduktion und Perlmuttererzeugung seit langem rückläufig sind, bietet der Tourismus einen willkommenen Ausgleich.

Selbstverständlich sind aber auch in der Südsee die negativen Begleiterscheinungen des Tourismus fühlbar. Abgesehen von der Umweltverschmutzung und der Kommerzialisierung der überlieferten Volksbräuche und Tänze machen sich nicht nur auf Tahiti, sondern auch auf den anderen vom Tourismus erfassten Inseln Prostitution und die damit verbundene Kriminalität bemerkbar.

Schon seit Jahrhunderten trafen sich die Matrosen der Walfangflotten, Handels- und Kriegsschiffe in den diversen Hafenkneipen, die häufig nach dem großen Seefahrer und Entdecker des Pazaifiks, "Captain Cook", benannt wurden. Heute aber gibt es einen organisierten Sex-Tourismus in die Südsee, der Bangkok- oder Manila-müden Männern offeriert wird.

Ein anderer Aspekt sind die Atomversuche im Pazifik und die katastrophalen Auswirkungn auf die Inselbevölkerung. Eine Vorreiterrolle dabei spielt Frankreich, das rund 100 Atomtests ober- und unterhalb des Wasserspiegels durchführte. Auch die USA haben zwischen 1946 und 1958 26 Atomexplosionen am Bikini-Atoll durchgeführt. Höhepunkt war die Zündung der Wasserstoffbombe "Bravo" mit 15 Millionen Tonnen TNT. Die Hiroshima-Bombe hatte hingegen "nur" 15.000 Tonnen TNT. Die Gesundheit der von diesen Atomtests betroffenen Bevölkerung spielte weder für Frankreich noch für die USA eine Rolle.

Ist die Südsee heute eine Weltregion ohne Hoffnung? Der Mangel an natürlichen Resourcen, an qualifizierten Fachkräften, an Absatzmärkten (die Entfernungen zu den Weltmärkten sind einfach zu groß), die Schwierigkeiten, Investoren anzulocken, vor allem aber die Bevölkerungsexplosion haben zu fallendem Lebensstandard und zu wachsender Rastlosigkeit der Südseeinsulaner geführt. Wer kann deshalb noch vom "letzten Paradies" in der Südseesprechen?

Unser romantisches Bild von diesem Teil der Welt bedarf dringendeiner Korrektur.

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