Berlin Alexanderplatz - © Foto:  Stephanie Kulbach / Sommerhaus/eOne Germany
Film

Regisseur Burhan Qurbani über "Berlin Alexanderplatz" und das Fremdsein

1945 1960 1980 2000 2020

Der deutsch-afghanische Regisseur Burhan Qurbani hat „Berlin Alexanderplatz“ neu verfilmt. Als Quelle diente ihm das Gefühl des eigenen Fremdseins.

1945 1960 1980 2000 2020

Der deutsch-afghanische Regisseur Burhan Qurbani hat „Berlin Alexanderplatz“ neu verfilmt. Als Quelle diente ihm das Gefühl des eigenen Fremdseins.

Die Neuverfilmung von „Berlin Alexanderplatz“ nach der Romanvorlage von Alfred Döblin aus dem Jahr 1929, die Rainer Werner Fassbinder bereits 1980 als 14-teilige TV-Serie verfilmt hatte, hat der in Deutschland geborene und aus Afghanistan stammende Regisseur Burhan Qurbani ins Berlin des Jahres 2020 verlegt. In fünf Kapiteln steht das Schicksal eines illegalen afrikanischen Immigranten (Welket Bungué) im Mittelpunkt, der nach seiner Überfahrt über das Mittelmeer versucht, sich in Berlin trotz widriger Umstände als anständiger Mann zu integrieren.

DIE FURCHE: Herr Qurbani, wie schwer lastete die von Fassbinder inszenierte Fassung des Stoffes auf Ihrer Version?
Burhan Qurbani: Ich war furchtbar ignorant, ich habe nie am Klassiker gerührt, und es sollte auch kein Film werden, der mit Fassbinder in Konflikt hätte geraten können. Sosehr ich seine Arbeit schätze, so sehr unterscheide ich mich in Arbeitsweise und Stil, denke ich. Kurz vor Beginn der Dreharbeiten wurde ich dann doch ängstlich. Ich träumte, ich wäre auf meinem Set gewesen und Fassbinder kam vorbei und fing an, Regie zu führen. Niemand hörte mehr auf mich. Im Traum habe ich ihn dann angeschrien.

DIE FURCHE: Worin besteht diese Angst, nicht zu entsprechen?
Qurbani: Es fängt immer mit dem weißen Blatt Papier an. Dieses weiße Blatt bedeutet für mich: Alles ist möglich, oder: Mir fällt nichts mehr ein. Das ist die erste Hürde. Dann beginnt das Schreiben, und man hat bald drei, vier Seiten. Dann muss man das Geschriebene erstmals präsentieren – und hier setzt die Angst ein, dass es nicht ankommt, was man geschrieben hat. Diese Angst ist allerdings keine schlechte Energiequelle.

DIE FURCHE: Kann man Ihre Version von „Berlin Alexanderplatz“ mit der Struktur einer Oper vergleichen? Es gibt fünf Aufzüge, tolle Musik und Dramatik.
Qurbani: Das ist ein toller Vergleich! Ich habe das zwar nicht bewusst so angelegt, aber bei unserer letzten technischen Abnahme ist mir auch aufgefallen, dass der Film etwas Opernhaftes hat, mit klaren musikalischen Einsätzen, und auch, wie er dramatisch mit dem Kanon des Bildungsbürgertums spielt.

DIE FURCHE: Wie heutig ist Döblins Geschichte?
Qurbani: Sehr. Aber mir schwebte niemals vor, eine 1:1-Variante von Döblins Roman zu
machen. Ich wollte auch keinen zweiten Fassbinder machen. Ich hatte dieses Bild von Afrikanern im Kopf, die mitten in einem Berliner Park Drogen verkauften. Das führte zu einem ekelhaften Ist-gleich-Zeichen: Schwarz = Drogendealer. Ich fand die Parallelen zu Franz Biberkopf, einem ausgegrenzten Tagelöhner, der versucht, seinen Weg durch Berlin zu machen und nicht integriert ist in der Gesellschaft, das sah ich auch bei diesen Jungs im Park. Insofern ist die Geschichte sehr zeitgemäß.