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Österreichische Medaillenkunst

Seit der bedauerlichen Pensionierung Josef Tautenhayns des Älteren, des ausgezeichneten Leiters der Medailleurklasse an der Wiener Kunstakademie, steht es schlecht um den geschulten Nachwuchs auf diesem so überaus wichtigen Gebiet der Kleinkunst, denn auch die mit öffentlichkeitsrecht ausgestattete Medailleurschule Rudolf Marschalls konnte es nicht mehr verhindern, daß bereits vor dem ersten Weltkrieg die Tradition der Wiener Erzversdineideschule und damit die in unserem Lande durch Jahrhunderte so meisterhaft geübte Kunst des Stahlschnittes fast völlig verloren ging. Die nach dem letzten Kriege wieder aufgenommenen Bemühungen um die Errichtung einer eigenen Medailleurklasse an der Wiener Kunstakademie blieben leider ergebnislos, denn die Schar hervorragender Medailleure ist zwar groß, aber bereits so stark überaltert, daß es schwer fallen wird, einen bewährten Könner zum Leiter der geplanten Klasse zu bestellen, der noch nicht die Altersgrenze für eine Professur überschritten hat. Aber ist es nicht höchste Zeit, in gewiß letzter Minute eine Kunstübung zu retten, die einen wesentlichen Bestandteil von Österreichs Ruf auf dem Gebiet der bildenden Kunst ausmacht?

Vom Altertum bis heute erhielt sich die Sitte, Münzen als Schmuckstücke zu tragen, denn sie stellen über ihren realen ja auch einen künstlerischen Wert dar. Die griechische Kaiserzeit kannte überdies Gelegenheitsmünzen, die bei festlichen Anlässen verteilt wurden, und die Römer schufen bereits Münzen lediglich zu Schauzwecken sowie Bildnismedaillons. Aus der Geldmünze und sicherlich nicht ohne die antiken Vorbilder der Münzen, Medaillons und Kameen entstanden, stellt die Schau-,oder Gedenkmünze, deren runde Fęrm Medaille und deren eckige Plakette genannt wird, eine Leistung der italienischen Renaissance, vornehmlich Antonio Pisanos dar. In Ober- und Mittelitalien setzte um 1440 die Blüte der großen Gußmedaille und um 1500 die der kleineren geprägten Medaille ein. Italienische Künstler waren es, die das Erbe der Antike wachhielten und die Medaillenkunst in ganz Europa verbreiteten.

In Deutschland und Österreich, wo seit dem Mittelalter die Herstellung der Siegel meist im Zusammenhang mit der Münz- schneidekunst stand, regte sich bereits früh das Bestreben, auf den Münzen das Bildnis des Münzherrn anzubringen. Dieses künst lerische Problem der Bildnisdarstellung gelang erstmalig auf den seit 1484 geprägten Tiroler Guldengroschen, den Vorläufern der Taler. Mit der Ausprägung von Talern nur zu Schau- und Geschenkzwecken wurde auch hier der entscheidende Schritt von der Münze zur Medaille getan. An der Spitze der Renaissancemedaille, die in Peter Flötner ihren den italienischen Leistungen durchaus ebenbürtigen Gipfelpunkt erreichte, steht somit Österreich, beziehungweise die in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts errichtete Münzstätte in Hall in Tirol, deren Glanzzeit mit der Berufung Gian M. Caval- los begonnen hatte und durch ein halbes Jahrhundert von der Künstlerfamilie der Beham beherrscht wurde, deren Einfluß sich über ganz Innerösterreich und Ungarn erstreckte.

Wir können in diesem Rahmen weder eine eingehende Darstellung der seit der Renaissance nicht mehr abgerissenen österreichischen Tradition der Medaillenkunst geben, noch auf die künstlerischen Leistungen der einzelnen Provinzen eingehen. Die Zeit Rudolfs II. kann jedenfalls durch ihre besondere Vorliebe für die Kleinkunst und damit auch für die Medaille charakterisiert werden. Die folgende Zeit des Dreißigjährigen Krieges bedeutete, für Deutschland allerdings mehr als für Österreich, einen Tiefstand der Medaillenkunst. Die Barockmedaille setzte in Deutschland um 1650, in Österreich jedoch bedeutend später ein. Inzwischen hatte die französische Medaille die europäische Führung übernommen. Ludwigs XIV. große Folge historischer Medaillen, für deren Entwürfe und Beschriftungen er 1663 die „Academie des Inscriptions et des Numismatiques" begründete, wurde bis ins

18. Jahrhundert in ähnlichen Medaillenfolgen an fast allen europäischen Fürstenhöfen nachgeahmt.

Karl VI., der seinen Bedarf an Medaillen zunächst aus Nürnberg bezogen hatte, berief die in Frankreich geschulten Schweden Benedikt Richter und Jean Warou nach Wien. Sammelpunkt der Münz- und Medaillenkunst ganz Österreichs wurde die im Zuge der Zentralisierung des Landes im Jahre 1727 errichtete Graveurakademie in Wien, deren erster Direktor der in französierender An arbeitende Maria Antonio Genmaro war, dessen Nachfolger bereits ein Einheimischer, nämlich Matthäus Donner, wurde, der Bruder des berühmten Georg Raphael Donner und der Schüler von Richter und Warou. Der französische Einfluß verliert seine Bedeutung für die österreichische Medaille, die sich unter der Regierungszeit Maria Theresias, in der Plastik wie in der Medaille zu europäischer Höhe emporrang. Neben Matthias Donner möge lediglich noch Matthias Dömanöck genannt werden, der Schüler Georg Raphael Donners und der erste Direktor der neuen Erzverschneide- schule, die der von Kaunitz reorganisierten Kunstakademie angegliedert wurde.

Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war der österreichischen Bildhauerei und damit auch der Medaillenkunst wenig hold. Die Plastik war akademisch, die Medaille recht trocken geworden. Einer unserer genialsten Kleinplastiker, Josef Daniel Böhm, war es, der diese Zeit überbrückt und nicht nur als Direktor der Münzgraveurakademie, sondern vor allem durch seine umfangreichen Kunstsammlungen und sein Wissen auf die neue Generation so wirksam wurde, daß . sich die österreichische Medaille aas ihrem vorübergehenden Tiefstand zu einer neuen Blüte während der zweiten Hälfte des

19. Jahrhunderts erhob. Seine eigentlichen Schüler; Karl Radnitzky der Ältere, Graveuradjunkt am Wiener Hauptmünzamt, der eingangs erwähnte Josef Tautenhayn der Ältere, Professor an der Wiener Kunstakademie, und Anton Scharff, Direktor der Graveurakademie, sowie Stephan Schwartz, Leiter der Ziselierschule an der Wiener Kunstgewerbeschule, sind als die Begründer der neuen österreichischen Medaillenkunst anzusprechen, die zwar hauptsächlich die Bildnismedaille, aber auch alle anderen Arten der Medaille pflegt.

Als Vertreter der älteren Generation zeitgenössischer Medailleure sei zunächst der ausgezeichnete Bildnismedailleur Heinrich Kautsch genannt, wie Hujer, Six, Prinz, Hartig, Hofner, Thiede und Weinberger, Schüler von Stephan Schwartz, der während eines jahrzehntelangen Aufenthaltes in Paris den Geschmack und die Arbeitsweise der Franzosen angenommen hat, indem er sich mit besonderem Geschick der in Frankreich erfundenen Reduziermaschine zu bedienen weiß. Neben Ludwig Hujer und dem äußerst begabten Bildhauer Wilhelm Hejda müssen wir Rudolf Marsdiall anführen, dessen Medaillenwerk einen umfassenden Überblick über die letzten Jahre der österreichisch- ungarischen Monarchie zu geben vermag. Marschall und Ridiard Pladit, der frühere Leiter der Graveurabteilung am Wiener Hauptmünzamt, der neben Münzen auch Medaillen schuf, sind Schüler von Tautenhayn dem Älteren. Die Tradition seines Vaters setzte erfolgreich auch Josef Tautenhayn der Jüngere fort.

Neben diesen Altmeistern seien, mit ihrem Schaffen bereits im ersten Jahrzehnt einsetzend, Michael Six, der durch seine Märchenplaketten bekannt gewordene Karl Perl, Oskar Thiede, Robert Pfeffer, Arnold Hartig, Anton Rudolf Weinberger, Franz Josef Unterhölzer, dessen freie Thematik stark symbolistisch erscheint, und der als Bildhauer, Graphiker und Medailleur gleich ausgezeichnete Alfred Hofmann erwähnt. Endlich sei noch auf Rudolf Schmidt verwiesen, dessen volkstümliche und leicht ansprechende Medaillen eine besondere Vorliebe für das Tierbild hegen, und auf Josef Prinz, den früheren Chefgraveur des Hauptmünzamtes, der in dieser Eigenschaft zahlreiche Münzen entwarf, auf dem Gebiet der Medaille aber als der Erwecker der modernen Kalendermedaille zu gelten hat.

Großplastiker, die auch als Medailleure Bedeutendes geleistet haben, sind Julius Trautzl, der noch der älteren Generation angehört, sowie die hervorragenden Bildnismedailleure Karl Wollek, Otto Hofner, Josef Müllner, Heinrich Zita und Edwin Grienauer. Zita ist überdies durch zahlreiche Münzen, sein Siegel für die Wiener Technik und freithematische Medaillen bekannt, Grienauer ebenfalls durch viele bekannte Münzen und öffentliche Aufträge. Die Bildnismedaillen der Großplastiker zeichnen sich durch besonders gute Charakteristik und klare Komposition und Form aus.

Ordnet man die bedeutendsten österreichischen Medailleure nach ihren Geburtsjahrgängen, so fällt die schwache Besetzung der Jahre 1886 bis 1900 sowie ein fast völliges Versagen des 20. Jahrhunderts auf. Es ist daher nicht nur im Publikum, sondern auch in der Künstlerschaft begründet, daß bereits einige Jahre vor dem ersten Weltkrieg das Interesse für die Medaille zurückging. Denn nach Tautenhayn dem Älteren, der als letzter den positiven Stahlschnitt pflegte, sank die österreichische Medaille merklich ab.

Wenn sich diese Kunstübung zwischen den beiden Weltkriegen immer noch auf einer beachtlichen Höhe halten konnte, so ist dies weniger der Masse der zünftigen Medailleure Zuzuschreiben als vielmehr den auch als Medailleuren tätigen Großplastikern, wie etwa Grienauer, Müllner und Zita, die sich teilweise autodidaktisch die Kunst des Stahlschnittes aneigneteh und somit, angeeifert durch das Beispiel der Antike, vor allem der herrlichen Kameen, jene fast verlorengegangene Tradition der österreichischen Erzver- schneideschule zu halten trachteten.

Die Bedeutung Österreichs für die Entwicklung der europäischen Medaille kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Selbst nodi um die Wende zum 20. Jahrhundert ist die Wiederbelebung der deutsdien Medai 11 untrennbar mit Österreichern, wie etwa dem in Frankfurt am Main tätigen Joseph Kowarzik verbunden. Aber nur mit der Schaffung einer Medailleurklasse an d-e r W iener Kunstakademie können endlich wieder die Voraussetzungen für einen künstlerischen Nachwuchs einheimischer Medailleure geschaffen werden, um nicht auf diesem so wichtigen Gebiet der Kleinkunst endgültig zu versagen. Die reichhaltigen Sammlungen Wiens, vor allem die fast eine Viertel million Münzen und Medaillen umfassende des Kunsthistorischen Museums, stellen einen geschichtlichen Auftrag dar, der nicht überhört werden dürfte. Soweit staatliche Stellen, wie das Finanzministerium für die Münz- und das Unterrichtsministerium für die Medaillenkunst, entscheidend sind, wäre es vielleicht nicht unangebracht, wieder wie früher ausgezeichnete Fachleute, deren wir in Wien genug besitzen, in allen be deutenden Fragen heranzuziehen. Das Interesse des Publikums für die Medaille zu heben, ist ein anderes Problem, denn vorerst gilt es einmal beim Künstler anzusetzen. Ohne baldige Abh’lfe wird in wenigen Jahren der ausübende Medailleur in unserem Kunstleben fehlen; abgesehen i davon, daß es bereits jetzt an jungen, vor- wärtstreibenden Kräften mangelt.

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