Läufer Gesundheit - ©  skeeze / Pixabay
Feuilleton

Gesundheitsvorsorge im Kampf der Weltbilder

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Der gesundheitspolitische Trend im Umgang mit Genussmitteln geht in Richtung Restriktion. Die Suchtprävention setzt indes auf Lebens- und Risikokompetenzen.

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Der gesundheitspolitische Trend im Umgang mit Genussmitteln geht in Richtung Restriktion. Die Suchtprävention setzt indes auf Lebens- und Risikokompetenzen.

Wir leben in einer Zeit rasanten kulturellen Wandels: Dies spiegelt sich auch im Umgang mit Genussmitteln -seit jeher ein Schauplatz kultureller Konflikte - auf eindringliche Weise. Die Geschwindigkeit etwa, mit der das Rauchen von einem Attribut der Lebenslust und "Coolness" zu einer vielerorts verpönten und verbotenen Verhaltensweise geworden ist, erscheint rückblickend schon bemerkenswert. Aus medizinischer Sicht richten die beliebtesten Genussmittel den größten Schaden an: Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind Tabak und übermäßiger Alkoholkonsum neben dem Bluthochdruck die wichtigsten Risikofaktoren für Erkrankung und vorzeitigen Tod in Europa.

Als bislang letzter Schritt im Kampf gegen das Rauchen wurde Ende letzten Jahres eine verschärfte Tabakrichtlinie in der EU beschlossen. Demnach sollen künftig nicht nur Warnhinweise, sondern auch Schockbilder typischer Raucherkrankheiten den Tabakkonsum verleiden, die ab dem Jahr 2016 zumindest 65 Prozent der Zigarettenpackungen bedecken müssen. In Australien gibt es Zigaretten nur noch in schlammfarbigen Einheitsschachteln mit großflächigen Bildern typischer Raucherkrankheiten zu kaufen. Dass diese Warnpackungen einen positiven Effekt auf das Ausstiegsverhalten der Raucher haben, zeigt eine jüngst veröffentlichte Studie in der Fachzeitschrift "Medical Journal of Australia".

Die neuen Feldzüge

Für Experten ist die aktuelle Anti-Nikotin-Bewegung exemplarisch für eine erfolgreiche Kampagne gegen ein etabliertes Genussmittel - und für die Rückkehr des Paternalismus im Umgang mit Gesundheitsrisiken: Abschreckung zwecks Genussverzicht, behördlich verordnete Enthaltsamkeit stehen wieder auf der Tagesordnung. Rückblickend sind hier zwei Etappen zu erkennen: Ausgehend von den USA erfolgte zunächst eine massive Kampagne gegen den Tabakkonsum im öffentlichen Raum, die aus Gründen des Nichtraucherschutzes gut zu argumentieren war. Infolgedessen wurde das Rauchen selbst immer negativer konnotiert, wobei über den Nichtraucherschutz hinausgehend Maßnahmen gegen das Rauchens gefordert wurden.

"Was kommt jetzt als Nächstes?" fragten Gesundheitsexperten angesichts des exemplarischen Feldzugs gegen den Tabak. Ein ähnliches Muster sei derzeit auch in der gesundheitspolitischen Thematisierung des Alkoholkonsums zu beobachten, berichtet der Wiener Sucht- und Präventionsforscher Alfred Uhl: Die Problematisierung der süßen "Alkopops", die vor allem eine junge Zielgruppe ansprechen und in Österreich ganz ohne gesetzliche Maßnahmen rasch an Bedeutung verloren, liegt nun bereits einige Jahre zurück. Es folgten mediale Kampagnen gegen jugendliches "Komatrinken". Ausgehend von der stärker reglementierten Alkoholpolitik der nordeuropäischen Länder seien nunmehr auf EU-Ebene verstärkt Anzeichen eines generellen Kampfes gegen den Alkoholkonsum bemerkbar. Und auch das Übergewicht mit seinen Ursachen - "Junk Food" & Co - ist längst als gewichtiges Thema am Horizont des gesundheitspolitischen Diskurses zu erkennen.

Gegen diese paternalistische Gesundheitspolitik regt sich seit einiger Zeit Widerstand. "Warnhinweise machen die Menschen nicht klüger, sondern trauriger", meinte der Wiener Philosoph Robert Pfaller, ein Mitbegründer der Initiative "Mein Veto -Bürger gegen Bevormundung". Andere Kritiker sprachen von einem "Kindermädchen-Staat" (Nanny State) oder sogar von "Gesundheitsfaschismus".

Die professionelle Suchtprävention jedenfalls hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich in Richtung Gesundheitsförderung entwickelt: Das heißt Menschen sollen primär darin unterstützt werden, sich Lebenskompetenzen anzueignen, die Substanzmissbrauch, Sucht oder andere selbstzerstörerische Verhaltensweisen verhindern können. Gesundheitsförderung betrachtet ihre Adressaten somit als mündige Subjekte, als "Dialoggruppen"(G. Koller).

Prävention als Begegnung

Der Begriff der Gesundheitsförderung geht zurück auf die Ottawa-Charta der WHO (1986), die klar festhält, dass ihr ein "demokratisch-emanzipatorisches Menschenbild" zugrunde liegt -wenngleich dieses für die Organisation nicht immer handlungsleitend ist. "Sogar die WHO, die vielerorts vehement für den Ansatz der Gesundheitsförderung eintritt, unterstützt in Zusammenhang mit Alkohol und Nikotin Sichtweisen, die diesem Ansatz diametral entgegenstehen", sagt Uhl. "Es gibt derzeit in der WHO wieder einen Trend in Richtung verstärkter Kontrolle und strukturelle Einschränkungen." Für den Wiener Suchtforscher ist die Entscheidung zwischen einem paternalistischen und emanzipatorischen Zugang zur Gesundheitsvorsorge auch von demokratiepolitischer Bedeutung: "Wer nämlich annimmt, dass die Mehrheit der Bevölkerung gar nicht in der Lage ist, nach ausreichender Förderung und Information selbstbewusst richtige Entscheidungen treffen zu können, negiert eigentlich die Grundidee der Demokratie."

Vor dem Hintergrund der Gesundheitsförderung sind in den letzten Jahren Schlagworte wie "Empowerment" und Risikokompetenz populär geworden. Für den Pädagogen Gerald Koller bedarf es der Vermittlung grundsätzlicher mentaler, sozialer und emotionaler Fähigkeiten, um mit Risikosituationen umgehen zu lernen: "Die Balance zwischen Genießen und Verzichten ist dabei ein ebenso wichtiges Ziel wie die Entwicklung vielfältiger Risikostrategien." Koller geht davon aus, dass nicht das Vermeiden riskanter Situationen, sondern der reflektierte Umgang damit wesentlich sei (siehe Kasten). So soll vermieden werden, dass im Kampf gegen Risikoverhalten das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird: "Gesundheitspolitik und Prävention werden durch den Versuch der Minimierung von Rausch-und Risikosituationen zunehmend als weltfremd erlebt", ist Koller überzeugt.

Jenseits ideologischer Grabenkämpfe sieht Koller in der zwischenmenschlichen Beziehungsebene eine wichtige Grundlage effektiver Gesundheitsvorsorge: "Prävention ist Provokation zur Begegnung." In Italien beispielsweise wurden die Rauchverbote in Lokalen gut akzeptiert, da die Raucher vor dem Lokal eine neue Zone der Geselligkeit fanden; eine zusätzliche Gelegenheit, miteinander in Kontakt zu treten. "Wenn Verordnungen und behördliche Maßnahmen mit einem lebendigen Beziehungsgeschehen verbunden sind, dann ist auch ihre Erfolgsaussicht wesentlich größer", betont Koller.