Digital In Arbeit

Gezählt, gewogen, Geteilt

Die ungarische Geschichte verführt zur Legendenbildung. Spätestens seit der verlorenen Schlacht bei Mohacs vor bald einem halben Jahrtausend betrachten sich die Ungarn als Betrogene der Geschichte. Das zieht sich bis heute durch: Eine ganze Nation soll Opfer sein.

Eine gewichtige Korrektur dazu liefern die Dichter, und ein spät entdeckter Meistererzähler unter ihnen ist der 1952 verstorbene Autor Miklós Bánffy mit seiner in den Dreißigerjahren entstandenen Trilogie "Siebenbürger Geschichte". In diesem großangelegten Gesellschafts- und Epochenpanorama des Jahrzehnts vor dem Ersten Weltkrieg wird vor allem der führenden Schicht Ungarns kein Pardon gegeben: Ihrer Selbstbezogenheit, Gleichgültigkeit und Ignoranz schreibt der Autor die Schuld an ihrem eigenen Untergang zu.

Gedächtnis und Aufmerksamkeit können dem Leser helfen, den dritten, abschließenden Teil von Miklós Bánffys Romantriptychon ebenso zu schätzen wie die beiden vorangegangenen Teile. Deren Motive und Handlungsstränge werden im Schlussstück teilweise wieder aufgenommen und zu einem ebenso berührenden wie überzeugenden Finale verknüpft.

Bis zum Untergang der Monarchie

Dieses Finale ist wirklich ein Abschluss: Es markiert nacheinander das Ende der Friedenszeit im Habsburgerreich, den Ausbruch des Krieges im Sommer 1914 und den Untergang der Monarchie 1918. Bánffys edelmütiger, aber weitgehend unternehmungsschwacher Romanheld Bálint Abády kehrt mit diesen niederdrückenden Endzeit-Ahnungen in seine siebenbürgische Heimat zurück, nicht ohne wehmütige Erinnerungen an Glück und Glanzzeit des vorigen Lebens.

In dem traditionsreichen Kulturraum Siebenbürgen im Süden des Karpatenbogens, wo sich die rumänische Mehrheitsbevölkerung unter die Vorherrschaft der ungarischen Gutsherren und der deutschsprachigen Minderheit der Sachsen beugen musste, gehört Abády, wie sein literarischer Urheber, zu den begüterten Herren der Hocharistokratie. Des angestammten Lebens seiner Klasse - mit ihren unverbindlichen Salongesprächen, Bällen, Jagden und leichtfertigen Amouren -früh überdrüssig, sucht sich der Graf als liberaler Abgeordneter im Budapester Parlament, aber vor allem als sozialer Reformer auf seinem Landgut zu bewähren.

Doch die zunehmenden nationalistischen Spannungen vereiteln viele seiner Bestrebungen. Vor allem die zerfallende nationale

Einheit, der unverblümt hervorbrechende Hass der Parteien und die großmachtsüchtige Magyarisierungspolitik mancher Volkstribune weisen auf das kommende Unheil hin.

Schicksalshafte Liebesgeschichte

Im Mittelpunkt der Trilogie steht die schicksalhafte Liebesgeschichte zwischen Bálint Abády und der so berückend schönen wie stolzen Adrienne Milóth. Der Erfüllung dieser Liebe ist eine schier unüberwindliche Schranke gesetzt: Adrienne, die Frau mit den topasfarbenen Augen, ist unglücklich verheiratet, mit einem Mann, dessen grobschlächtige Besitznahme ihre Lust nachhaltig in Ekel verwandelt hat.

Von dieser Traumatisierung vermag Bálint, ein vormaliger Frauenheld, seine Geliebte behutsam zu befreien, und in den Szenen ihrer Glücksstunden bewährt sich Bánffys feinsinnige Erzählkunst auch im dritten Band in gewohnter Virtuosität: "Sie verbrachten die Zeit nicht mehr im stürmischen Fieber wie einst während des kurzen Monats in Venedig. Damals schien ihnen jede Minute kostbar, sie glaubten, jeden Augenblick genießen zu müssen, denn vielleicht war er der letzte. Jetzt war es anders. Stille Freude erfüllte sie in der zuvor noch nie gekosteten, anmutigen Vertraulichkeit des gemeinsamen Lebens. Es war ein Versprechen nie endenden künftigen Glücks."

Indes, es kommt anders. Adrienne entsagt ihrer Liebe zu Abády zugunsten der mütterlichen Fürsorge für ihr krankes Kind und stürzt den transsilvanischen Gutsherrn damit in leidvolle Ungewissheit, die durch den Tod der Mutter noch verstärkt wird. Am Ende zieht er im Sommer 1914 in den Krieg, mit unheilvollen Ahnungen: "Alles sah er vor sich, als blicke er von jenseits des Grabs zurück. Nun würden das Land und mit ihm diese Generation zugrunde gehen. Sie würden vernichtet werden in diesem Krieg, in dem die Worte, die sie so oft gebraucht hatten -kämpfen, Schlachten schlagen -, nicht mehr rhetorischen Kampf und verbale Schlacht bedeuteten." Unvorbereitet werde es eine Generation treffen, "die ihr Leben gelebt hatte, ohne zu wissen, was die Grundlage einer Nation ausmacht: Kraft, Selbstkritik und Eintracht. Eine Tugend nur war ihr geblieben: ihre Kampfbereitschaft. Und auch sie würde vergeblich sein."

"Politik ist Herrenlist"

Unerbittlich, schicksalhaft endet dieses großangelegte Erzählwerk. Was sich die bedeutenden österreichischen Epiker - Musil, Broch, Joseph Roth, Doderer, George Saiko -zur Aufgabe gesetzt haben, wird hier von ungarischer Seite gleichrangig ergänzt: die illusionslose Darstellung der Auflösung der Doppelmonarchie.

"Politik ist Herrenlist" lautete im Ungarn des 19. Jahrhunderts die skeptische Betrachtung des politischen Geschäfts. Miklós Bánffy hielt sich an das Diktum. Leider franst die Trilogie im dritten Teil doch ziemlich aus. Hier nehmen die ausladenden Schilderungen der politischen und partei'schen Manipulationen in Parlament und Regierung des Vorkriegsungarns übermäßig viel Raum ein, was gewiss aufklärend für Bánffys einheimische Zeitgenossen gedacht war. Für uns freilich bringt vieles davon heute nur mehr eine gleichermaßen kenntnis-wie detailreiche Geschichtsdeutung aus erster Hand eines Akteurs.

Denn der 1873 in Klausenburg geborene Graf Miklós Bánffy war selber lange Zeit Abgeordneter im Budapester Parlament und 1921/22 sogar kurzfristig ungarischer Außenminister, ehe er sich Mitte der 1920er Jahre auf sein Stammschloss Bonchida in Siebenbürgen zurückzog und seine Romantrilogie in Angriff nahm, die nun endlich vollendet auf Deutsch vorliegt. Andreas Oplatka hat als Übersetzer eine Meisterleistung stilsicherer Einfühlung in das Sprachmilieu dieses feingewobenen Erzählwerks vollbracht.

Die Trilogie war 1934 bis 1940 erstmals veröffentlicht worden, erhielt viel Zuspruch bei den ungarischen Lesern, doch die Warnungen des Autors blieben ungehört. Bánffys damalige resignierte Feststellung gilt für die politischen Verhältnisse in seinem Heimatland bis heute: "Wir mussten sehen, dass wir dabei waren, die ungarische Zukunft allein durch die Wiederherstellung der Vergangenheit erreichen zu wollen."

In Stücke gerissen Roman von Miklós Bánffy Aus dem Ungar. von Andreas Oplatka Zsolnay 2015.400 S., geb., € 26,80

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau