Eine Reise in das real existierende Bulgarien und seine Literatur.

Bulgarien ist eine der ältesten Kulturlandschaften Europas, wenn man an die alten Thraker denkt oder Volkskunst und Folklore im Sinn hat. Verfolgt man jedoch die heutige Literatur und Kultur Bulgariens zurück, dann stellt sich heraus, dass dieses Land als eines der letzten in den Kreis der europäischen Nationalkulturen getreten ist. Denn bis 1878 war es in der Hand des Osmanischen Reiches, und erst danach konnte sich die bulgarische Sprache voll entfalten.

Von da an spielte die Literatur eine wichtige Rolle in dem Land, das etwa so viele Einwohner wie Österreich, aber noch immer mehr Leserinnen und Leser hat. Bis 1989 war die Literatur - wie in allen kommunistischen Ländern - auch notdürftiger Ersatz für die fehlende politische Opposition; sie wurde auch auf jene verschlüsselten Informationen hin gelesen, die man in den gleichgeschalteten Medien vergeblich suchte. Und heute? Polen, Ungarn, Tschechien oder auch Slowenien haben mittlerweile einen festen Platz in unserer literarischen Landkarte - aber Bulgarien? Um diesen blinden Winkel auszuleuchten, stellt das Literarische Quartier "Alte Schmiede" in Wien diese Woche bulgarische Autorinnen und Autoren vor, und in der neuen Nummer der Zeitschrift Wespennest kann man ihre Texte nachlesen.

Literatur unter ...

Weil Bulgarien auch für Kulturjournalistinnen und -journalisten ein weißer Fleck ist, hat man eine Gruppe von uns nach Sofia eingeladen. Als wir dort ankamen, hatte man am Vortag gerade den Chef der größten Versicherung auf offener Straße erschossen. Dass wir auffällig viel Polizei zu sehen bekamen, hing aber auch mit den bevorstehenden Kommunalwahlen zusammen - vielleicht hätte man den Wiener Wahlkampf doch nicht als lau und langweilig verunglimpfen sollen, geht es mir durch den Kopf. Ein Drittel der Wirtschaft ist Schattenwirtschaft, erfahren wir während der Stadtrundfahrt. Die überall dominierenden Plattenbauten sind von Wabenmustern überzogen: Da nichts repariert wird und es so gut wie keine funktionierende Hausverwaltung gibt, sind die Bewohner dazu übergegangen, die Fassade ihrer eigenen Wohnung zu streichen. Die Städte Wien und Sofia, die in etwa dieselbe Einwohnerzahl haben, sind in einer Hinsicht komplementär: Während in Wien die Einwohnerzahl nach dem Fall des Eisernen Vorhanges wieder wächst, sinkt sie in Sofia seither kontinuierlich. Emigration - etwa 60.000 Menschen sollen Bulgarien seit der "Wende" verlassen haben - und die stark anwachsenden Friedhöfe entvölkern die Stadt. Zugezogen sind vor allem Roma - zwischen 60.000 und 150.000, so schätzt man; man kann sie nicht einmal zählen.

... Extrembedingungen, ...

Schlechte Zeiten für Literatur, denkt man, und für einen Augenblick scheint es fast zynisch, sich angesichts der gravierenden Lebensprobleme dafür zu interessieren. Vladimir Zarev sieht es anders: "Im Westen gibt es im Vergleich zu uns keine brennenden Probleme, keine Herausforderungen, die Schriftsteller zwingen, gute Literatur zu machen. Hier im Osten findet die Literatur ihre Stoffe, ihre Geschichten, ihre Themen." Zarev weiß, wovon er spricht. Er hat 2003 den bulgarischen Wenderoman veröffentlicht: "Verfall". 2006 soll er auf Deutsch erscheinen. Darin trifft ein integrer, aber labiler Schriftsteller auf einen korrupten, selbstsicheren Geschäftsmann. Der Schriftsteller stürzt in Bedeutungslosigkeit und materielle Not, der Unternehmer kauft im Auftrag der alten Nomenklatura den Staat auf. "In diesen 15 Jahren gab es drei Zyklen, wo Leute Millionäre geworden sind und sich in fünf bis sechs Jahren selbst total ruiniert haben. Sie haben nichts aufgebaut", diagnostiziert Zarev im Furche-Gespräch. In Wien wird er erstmals einen Ausschnitt des Romans auf Deutsch vorstellen.

In Sofia versuchen wir natürlich auch, in die unbekannte Literaturtradition des Landes vorzudringen. Ivan Vasov (1850-1928) ist der erste professionelle bulgarische Schriftsteller - bis heute ebenso ein Volksdichter wie der Klassiker der "hohen" Literatur. Mit ihm beginnt auch die umfangreiche Sammlung bulgarischer Prosa, die ebenfalls in Wien präsentiert wird.

Kustodin des Vasov-Museums ist die Lyrikerin Mirela Ivanova, von der zwei Bände auf Deutsch vorliegen; 2002 wurde sie mit dem Hubert-Burda-Preis für junge Lyrik ausgezeichnet. "Von einem Job lebt hier keiner", lautet die Grundregel in Bulgarien. Überleben kann Mirela Ivanova, weil sie auch Journalistin ist. Im Museum kann man sie nicht einmal anrufen, weil der Staat die Telefonrechnung nicht bezahlt hat. Er kann auch den Eisenbahnern Monate lang ihren Lohn nicht auszahlen, da darf man sich nicht wundern, dass die Kulturpolitik abgedankt hat. Und für private Kulturförderung wartet man schon 15 Jahre vergeblich auf gesetzliche Regelungen.

Wenn der Alltag schwer ist, sucht Mirela Ivanova Zuflucht bei den Gedichten, die sie auswendig kann. Pathos und Tragik prägen die Tradition der bulgarischen Lyrik. "Ich kann unsere Tradition nicht ganz verlassen, in mir selbst ist diese Tragik, aber ich brauche ein Gegengewicht: die Ironie, die Selbstironie", sagt die Lyrikerin der Furche. "Das gefällt mir immer besonders beim Gedichte-Schreiben: Am Rande zu stehen, zwischen etwas und etwas anderem, zwischen Pathos und Ironie, zwischen Schicksal und Scherz - wie auf einem Seil." In Wien wird Mirela Ivanova den Eröffnungsvortrag von "Literatur im Herbst" halten.

... immer schon europäisch

In Bulgarien gehen die Uhren anders: Der "Ostblock" war schon immer eine Fiktion, und auch der Begriff "Wende" suggeriert, dass in allen postkommunistischen Ländern dasselbe abgelaufen ist. Doch während die Privatisierung von Verlagen und Buchhandlungen von Ungarn bis zu den baltischen Staaten geordnet vor sich ging, ist dieser Sektor in Bulgarien nach 1989 völlig zusammegebrochen, berichtet Thomas Frahm, der unermüdliche Übersetzer und Vermittler bulgarischer Literatur, der die Wiener Veranstaltungen wesentlich konzipiert hat und moderieren wird. Noch Ende der 1990er Jahre wurden in Bulgarien 90 Prozent der Bücher unter freiem Himmel verkauft. Und die Buchmärkte florieren noch immer, vor allem die für antiquarische Literatur. Denn die fortschreitende Verarmung zwingt viele Menschen, sich von ihren Büchern (und sogar von ihren Möbeln!) zu trennen.

Unter Österreichs EU-Vorsitz wird entschieden werden, ob Bulgarien 2007 EU-Mitglied wird. Vladimir Zarev hofft darauf, denn die bulgarischen Schriftsteller haben sich zu Hause schon immer gegenüber einer Vielzahl europäischer Stimmen und Tendenzen behauptet. ("Warten auf Godot" ist seit 15 Jahren der große Renner im Theater.) Jetzt soll die bulgarische Literatur auch selbst mitspielen im europäischen Konzert. Dass sie das Zeug dazu hätte, davon kann sich in dieser Woche in Wien jede(r) überzeugen.

Die Veranstaltung:

Literatur im Herbst: Bulgarien

Fr, 11. 11. ab 19 Uhr, Sa 12. 11. ab 17 Uhr, So 13. 11. ab 16 Uhr

Lesungen auf Deutsch, Eintritt frei.

Odeon Theater, Taborstr. 10, 1020 Wien

Lektüretipps:

Wespennest Nr. 140, 112 S., e 12,-

Bulgarien erlesen. Hrsg. v. Valeria Jäger und Alexander Sitzmann.

Wieser Verlag, Klagenfurt 2005.

700 S., geb., e 25,90

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