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Das ganze Spektrum

Diese Sammlung von zweiunddreißig Geschichten (von ebenso vielen Verfassern) heißt nach dem Beitrag des jüngsten sehr vielsagend, „Der Ort, an dem wir uns befinden”. Mag sein, daß es auch der Ort ist; vor allem sind es wohl seine Bewohner, zumal die Literaten und sogar, zum Gutteil, die Politiker. Das dürfte damit zusammenhängen, daß besagte Literaten durchaus politisch denken — besonders dann, wenn sie dezidiert unpolitisch schreiben —, sodaß auch das politische Leben dortzulande mehr oder weniger literarisiert erscheint.

Es waren ja schon vor dreißig Jahren die ungarischen Schriftsteller, die den herrschenden Kommunismus streng diskutabel fanden, indem sie meinten, daß er sich Gegenargumenten stellen müsse, wenn er im Lande etwas vorstellen wolle. Es kam dann bekanntlich zur Katastrophe, doch die war, wie jeder weiß, keineswegs hausgemacht.

Absolut hausgemacht, das heißt, in Ungarn geschrieben, ist dagegen die großartige Anthologie „Der Ort, an dem wir uns befinden”: Sie enthält ausschließlich ungarische Erzähler, die in Ungarn leben, schreiben und gedruckt werden, also keine Ungarn aus Rumänien, Jugoslawien und der Slowakei, und keine Exil-Ungarn. Alle Geschichten des Bandes sind in den letzten fünfundzwanzig Jahren entstanden und veröffentlicht worden. Es kommt so gut wie alles zur Sprache, vielleicht mit einer — artistischen — Ausnahme: Es findet sich kein Beispiel des orthodox „sozialistischen Realismus”. Unbefangen wird erzählt, konservativ oder modern, auch hochmodern, also realistisch packend oder verblüffend absurd, manchmal in einer Art, die anderswo als „formalistisch” diskriminiert wäre. Anscheinend wird dortzulande nichts Literarisches diskriminiert, und es braucht von den Geschichtenschreibern nichts vertuscht zu werden; auch nicht die eigene Landesgeschichte, samt ihren tragischen Perioden.

Das Vorwort der Herausgeber (György Sebestyen und Alois Brandstetter) weist darauf hin, daß innerhalb des Landes zehn und außerhalb weitere fünf Millionen Menschen ungarisch sprechen. Und da das Idiom außerdem nicht „leicht” ist, kann es kaum verwundern, wenn ungarische Prosa nicht ihrem literarischen Rang entsprechend weltbekannt ist.

Es gibt nur wenige Ausnahmen, und zu ihnen gehört Tibor Dery (1894-1977), aber nicht wegen seines epochalen Romans „Der unvollendete Satz” (in den dreißiger Jahren zum Großteil in Wien geschrieben, 1947 erschienen), sondern hauptsächlich durch die außerliterarische Sensation, daß dieser Altkommunist 1957 aus politischen Gründen verurteilt und erst 1960 amnestiert worden war. Sein erster Auslandsauftritt nachher, im Wiener Palais Palffy, wurde das, was man einen Großen Bahnhof nennt; kommunistische und nichtkommunistische Prominenz hielt die vorderen Sitzreihen besetzt und bereitete dem Autor stehend Ovationen, der mit einer kurzen Rede dankte—für ihn charakteristisch - mit deutlicher Zurückhaltung, aber zurückhaltender Deutlichkeit.

Mit ihm beginnt der vorliegende Band, chronologisch nach dem Alter der Beiträger angeordnet, und es ist wie damals im Saal: „Liebe” heißt die Geschichte der Heimkehr eines Menschen aus dem Gefängnis (nicht etwa „Haß” oder „Ungerechtigkeit”), und der administrative Vorgang der Entlassung, die erste Begegnung mit der Außenwelt, nachdem einer sieben Jahre „drinnen” war, wird mit erschütternder Trockenheit geschildert, nichts Heldenhaftes kommt bei der Tragödie mit relativ gutem Ausgang zu Wort; nur die Hausmeisterin sagt bei der Begrüßung: „Ich wußte ja, daß Sie unschuldig sind.”

Ungarn wird sozialistisch, nicht streng sozialistisch regiert. Es liegt nicht nur am Regierungschef (der selbst einst in der Todeszelle saß), es muß auch am Volksgeist liegen. Die Ideologie dieser Geschichten heißt: Literatur. Mit ernsthaftem Humor, gefühlsseligem Zynismus, karikiertem Pathos werden private und öffentliche Verhältnisse dargestellt, schlechthin alles, zum Beispiel eine lange und eigentlich lieblose Liebesszene, lasziv und doch an keiner Stelle obszön. Der Band endet mit der Titelgeschichte, und ihr Autor, Peter Esterhäzy, wurde 1950 in der gleichen Stadt Budapest geboren, wie 56 Jahre vor ihm Tibor Dery.

Die gar nicht so kurzen Kurzbiographien zuletzt (jede mit Bild) geben den Werdegang der

Schriftsteller und ihre Hauptwerke an; vorher steht das Nachwort des Literaturkritikers Lajos Illes, der auch den Umstand analysiert, daß in Ungarn heute der „Kurzroman” überwiegt. Trotzdem konnten nicht alle zeitgenössischen Epiker berücksichtigt werden: der Länge halber. Es werden keine Ausschnitte geboten, sondern nur komplette Erzählungen. (Die längste hat 25 Seiten und stammt übrigens von Peter Dobai, 1944 geboren, der das Drehbuch für den Erfolgsfilm „Mephisto” verfaßt hat.)

Das Geschichtenbuch spiegelt die Geschichte Ungarns in den letzten fünfundzwanzig Jahren. Von drt flüchtet man nicht, man reist aus und wieder zurück, zumeist wie man will. Die führenden Kreise im Staat beanspruchen Hegemonie, aber kein Meinungsmonopol; sie sagen sich: Wer uns widerspricht, spricht mit uns und kann nicht grundsätzlich gegen uns sein. Diese sonderbarste kommunistische Partei unterdrückt „Andersdenkende” nicht, weil sie erfahren will, was die Leute denken. Sie läßt mit sich reden, ohne sich überreden zu lassen, und genau davon profitiert heute die ungarische Literatur. „Ungarische Erzähler der Gegenwart” sagen es weiter.

DER ORT, AN DEM WIR UNS BEFINDEN. Herausgegeben von György Sebestyen und Alois Brandstetter. österreichischer Bundesverlag, Wien 1985. 394 Seiten, geb., öS 268,-.

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