Yukio Mishima - © Foto: imago images/Sven Simon
Literatur

Yukio Mishima: Zen, Dostojewski, Playboy

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 50 Jahren starb Yukio Mishima – durch Seppuku, ritualisierte Selbsttötung. Der Schriftsteller und politische Aktivist war einer der bedeutendsten Vertreter der japanischen Literatur des 20. Jahrhunderts.

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 50 Jahren starb Yukio Mishima – durch Seppuku, ritualisierte Selbsttötung. Der Schriftsteller und politische Aktivist war einer der bedeutendsten Vertreter der japanischen Literatur des 20. Jahrhunderts.

Am 25. November 1970 tötete der japanische Schriftsteller Yukio Mishima sich 45-jährig selbst, nach seinem bereits im Ansatzgescheiterten Staatsstreich. Im Zuge des 50. Jahrestags dieses Ereignisses kommt auch bei uns das literarische Werk des lange für den Nobelpreisgehandelten, durch seinen Suizid sowohl noch berühmter als auch noch berüchtigter gewordenen Exzentrikers wieder verstärkt in den Blick – zum Glück. „Gefühle mögen es nun einmal nicht, in eine feste Ordnung gebracht zu werden. Sie springen, schweben und zittern lieber frei herum, wie Mikropartikel im Äther [...].“ So spricht in Mishimas „Bekenntnisse einer Maske“ (1949) der schwule Ich-Erzähler. Dieser Roman weist starke autobiographische Züge auf, allerdings wird von den Kommentatoren auch betont, dass vieles deutlich abweicht.

Am 25. November 1970 tötete der japanische Schriftsteller Yukio Mishima sich 45-jährig selbst, nach seinem bereits im Ansatzgescheiterten Staatsstreich. Im Zuge des 50. Jahrestags dieses Ereignisses kommt auch bei uns das literarische Werk des lange für den Nobelpreisgehandelten, durch seinen Suizid sowohl noch berühmter als auch noch berüchtigter gewordenen Exzentrikers wieder verstärkt in den Blick – zum Glück. „Gefühle mögen es nun einmal nicht, in eine feste Ordnung gebracht zu werden. Sie springen, schweben und zittern lieber frei herum, wie Mikropartikel im Äther [...].“ So spricht in Mishimas „Bekenntnisse einer Maske“ (1949) der schwule Ich-Erzähler. Dieser Roman weist starke autobiographische Züge auf, allerdings wird von den Kommentatoren auch betont, dass vieles deutlich abweicht.

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Anders als der Autor Mishima, der eine Frau und zwei Kinder hatte, kann der Protagonist mit Frauen sexuell überhaupt nichts anfangen – und das in einer Umgebung, in der selbst die Existenz von Homosexualität weitgehend ausgeblendet zu sein scheint. Sein „Anderssein“ quält ihn, die Suche nach der eigenen Identität ist dringlich, gestaltet sich aber äußerst schwierig. Seine „Perversion“, wie er das bezeichnet, hat kaum Möglichkeiten, sich zu entfalten, seine erste Ejakulation erlebt er angesichts eines Bildes des Hl. Sebastian – in seinen erotischen Phantasien geht es oftmals um Blutvergießen, wie auch ums eigene Getötet-Werden. Er drückt sich jedoch vor dem Militärdienst im Krieg (ein leichtes Spiel für den kränklichen Jungen) und ist stets der Erste, wenn es darum geht, vor den Bomben zu fliehen. Zu allem Überfluss verliebt er sich in die Schwester eines Schulfreundes – fühlt sich in jeder Hinsicht angezogen, außer der einen, auf die „normalerweise“ alles hinauszulaufen scheint.

Innenleben eines Außenseiters

Mit seiner Schilderung dieses in manchem doch recht ungewöhnlichen Innenlebens macht „Bekenntnisse einer Maske“ etwas allgemein nachfühlbar, was sonst nur wenige nachfühlen könnten – und ist damit ein nicht weniger bahnbrechendes Buch als die Romane von Jean Genet, der – ebenfalls in den 1940ern – eine Sprache fand, um über die spezifischen Erlebnisse von Schwulen zu sprechen. Eine andere Art von Außenseiter steht im Zentrum von „Der Goldene Pavillon“ (1956). Auf Grundlage einer wahren Begebenheit erzählt Mishima, wie der Novize Mizoguchi schließlich den titelgebenden zen-buddhistischen Tempel niederbrennt. Als schwächlicher Stotterer und Sohn eines buddhistischen Priesters ist Mizoguchi, der den jeweils ersten Laut bei seinem Sprechen als verrostetes Schloss der Tür zwischen seiner Innen- und der Außenwelt betrachtet, dem Hohn seiner Mitschüler ausgesetzt. Er wird von dem Mädchen verachtet, in das er verliebt ist. Er nimmt, wie sein verstorbener Vater es gewünscht hat, das Noviziat im Tempel des Goldenen Pavillons auf, dessen Schönheit zum eigentlichen Inhalt und Konflikt seines Lebens wird. Wie schon in „Bekenntnisse einer Maske“ spielt ein wesentlicher Teil der Geschichte während des Zweiten Weltkriegs – die Zerstörbarkeit des Goldenen Pavillons wird Mizoguchi erst durch die Gefahr der Bombardierung überhaupt bewusst. Mizoguchi ist einsam, findet aber zwei Freunde, die sich wie ein „guter“ und ein „böser“ Geist ausnehmen.

Der „gute“, Tsurukawa, findet für alle niederen Taten und Gedanken Mizoguchis Erklärungen, die dessen mutmaßliche Güte heraus- stellen, während der „böse“, Kashiwagi, alles zynisch kommentiert. Kashiwagi, der trotz der eigenen Klumpfüße zum Frauenhelden avanciert ist, vermittelt auch seinem Freund wiederholt intime Begegnungen, doch bevor es zum sexuellen Kontakt kommen kann, schiebt sich das Bild des Goldenen Pavillons zwischen Mizoguchi und die Frau. Die langen Gespräche zwischen Mizoguchi und Kashiwagi spielen im Roman eine große Rolle und erinnern an Gespräche bei Fjodor Dostojewski. Überhaupt ähneln Mizoguchi, Kashiwagi und Tsurukawa stark den vier Brüdern in Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“ (Kashiwagi entspricht zweien), aus dem übrigens das Motto von „Bekenntnisse einer Maske“ stammt. Mit Mizoguchi, der Dostojewskis „Schuld und Sühne“ einer Prostituierten zu lesen gibt, hat Mishima interessanterweise gewissermaßen den unsympathischsten der vier Brüder, Smerdjakow, zum Protagonisten gemacht. In solchen Fällen gelingt es nur selten, erzähltechnisch die Empathie der Leser für den Protagonisten zu erhalten, doch Mishima schafft das. Intertextuelle Bezüge sind überhaupt bei Mishima reichlich vorhanden, und in „Der Goldene Pavillon“ natürlich auch zur zen-buddhistischen Literatur. Insbesondere die Koans (paradoxe zen-buddhistische Rätsel) spielen eine Rolle.

Es bleibt zu hoffen, dass seine bildgewaltigen, psychologisch scharfsichtigen, meisterlich komponierten Texte viele Leser finden werden.

Man kann diesen Roman als ein großes Koan lesen, was ein weiterer Grund dafür sein könnte, dass der „böse“ Protagonist funktioniert. Nachdem Mizoguchi den Goldenen Pavillon niederbrennt und dabei seine wenigen Habseligkeiten zerstört, verwirft er seinen Plan, ich im Anschluss umzubringen. Der letzte Satz des Romans: „Ich wollte leben.“ Wir kennen auch ganz andere japanische Literatur. Ein noch recht junger männlicher Protagonist, der in einer Mischung aus Gleichgültigkeit und existenzieller Verzweiflung relativ ziellos durchs Leben treibt und dabei absurde Abenteuer erlebt – nein, die Rede ist nicht von einem der Romane Haruki Murakamis, sondern von Mishimas „Leben zu verkaufen“ (1968). Er schrieb den Roman nebenbei, als Fortsetzungsgeschichte für den Weekly Playboy – ein Weg, Geld zu verdienen, während er an ambitionierteren Projekten arbeitete.

Werk mit Pioniercharakter

Nach einem misslungenen Selbstmordversuch beschließt der Protagonist Hanio, mit Hilfe äußerer Umstände und auf eine mutmaßlich interessante Art und Weise abzutreten und schaltet eine Zeitungsannonce, in der er sein Leben zum Verkauf anbietet. Auf diesen Prämissen entfaltet sich ein Kaleidoskop verschiedener Genres der Unterhaltungsliteratur, wobei auch Motive aus anderen Werken Mishimas hier wieder auftauchen, etwa die Dialektik von Todessehnsucht und Angst vor dem Tod oder die buddhistische Erleuchtung (hier parodiert als Erkennen von Kakerlaken in den Buchstaben der Zeitung, was den Protagonisten zum initialen Selbstmordversuch treibt). Sogar dieser von Mishima selbst wohl nicht sonderlich ernst genommenen „Räuberpistole“ kommt wohl Pioniercharakter zu: Neben dem schon erwähnten Murakami deuten die Fandorin-Krimis von Boris Akunin (dt. beim Aufbau Verlag) darauf hin, der unter seinem bürgerlichen Namen Grigori Tschchartischwili Mishimas bekanntester Übersetzer ins Russische ist. Jeder dieser Romane wird vom Autor explizit einem anderen Subgenre des Detektivromans zugeordnet, und Fandorin ähnelt Hanio sehr: Der russische Detektiv aus der späten Zarenzeit bekommt nach einigen Schicksalsschlägen eine zunehmend depressive Aura, springt dem Tod aber immer wieder von der Schippe.

Der Titel „Leben zu verkaufen“ wirkt heute in gewisser Weise prophetisch: Mit seiner finalen Performance, als Seppuku (bei uns bekannter als Harakiri) ein ausnehmend blutiges Schauspiel, hat Mishima sein Leben teuer verkauft, nämlich für eine besondere Art von Weltruhm. Die „Sache“, die er sich dabei auf die Fahnen geschrieben hatte, nämlich die „Rückkehr zu traditionellen japanischen Werten“ und die Abschaffung des pazifistischen Artikels 9 der japanischen Verfassung, findet in letzter Zeit zunehmend Befürworter – für die meisten hätte Mishima angesichts ihres kleinkarierten Spießbürgernationalismus allerdings wohl nichts als Verachtung übrig. Es bleibt zu hoffen, dass langfristig der „Ruhm“ als politischer Selbstmörder letztlich dem Ruhm von Mishimas Literatur zumindest nicht im Wege stehen wird und seine bildgewaltigen, psychologisch scharfsichtigen und meisterlich komponierten Texte viele Leser finden werden.

Yukio Mishima - © Foto: Kein und Aber
© Foto: Kein und Aber
Buch

Bekenntnisse einer Maske

Roman von Yukio Mishima
Aus dem Jap. von Nora Bierich
Kein & Aber 2018. 224 S., geb., € 20,60

Yukio Mishima - © Foto: Kein und Aber
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Buch

Der Goldene Pavillon

Roman von Yukio Mishima
Aus dem Jap. von Ursula Gräfe
Kein & Aber 2019. 336 S., geb., € 22,70

Yukio Mishima - © Foto: Kein und Aber
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Buch

Leben zu verkaufen

Roman von Yukio Mishima
Aus dem Jap. von Nora Bierich
Kein & Aber 2020. 224 S., geb., € 22,90

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