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Feuilleton

Raubgrabungen vernichten das Kulturerbe

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Systematische Raubgrabungen und ein boomender Antika-Markt entziehen der Archäologie zusehends ihre Grundlage.

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Systematische Raubgrabungen und ein boomender Antika-Markt entziehen der Archäologie zusehends ihre Grundlage.

Der elegante Citroen DS, in den sechziger Jahren von Staatsmännern ebenso benutzt wie von Gangstern, schafft den Weg über den holprigen apulischen Acker dank seiner einzigartigen Hydraulik mühelos. Fünf vermummte Männer steigen aus der Limousine, deren Nummernschild mit einem Tuch verhangen ist. Mit geübten Bewegungen leeren sie den Inhalt von Wasserkanistern auf den trockenen, steinharten Boden. Mit langen, dünnen Eisenstangen bohren sie in das vom Wasser aufgeweichte Erdreich. Wenn sie gefunden haben, was sie suchen, wird die Stelle mit kleinen Steinhaufen markiert.

In der Nacht kommen die Männer mit Schaufeln und Spitzhacken wieder. Bald haben sie sich zu ihrem Ziel vorgearbeitet: einem antiken Grab aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert. Achtlos trampeln die Vermummten über die sterblichen Überreste des vor fast 2.500 Jahren Verblichenen. Die wertvollen Grabbeigaben werden schnurstracks in den Wagen verladen, unscheinbare Stücke zertreten, um der Konkurrenz nichts übrig zu lassen. Denn bei dem Trupp handelt es um eine der professionellen Raubgräber-Banden, wie sie seit Jahrzehnten archäologische Fundstätten in Apulien systematisch plündern. Darauf stehen zwar Gefängnisstrafen, doch die anrückende Polizei schaut zumeist durch die Finger: Im unwegsamen Gelände ist der Citroen DS den Dienstfahrzeugen der Carabinieri haushoch überlegen.

In den letzten 20 Jahren haben systematische Raubgrabungen und der Handel mit illegal ausgegrabenen Überresten der Antike noch nie dagewesene Ausmaße erreicht. "Die Raubgrabungen haben sich explosionsartig ausgebreitet, parallel dazu sind die Preise auf dem Kunstmarkt explodiert", klagt Daniel Graepler vom Archäologischen Institut der Universität Heidelberg. In Mittel- und Südamerika, in Italien, in der Türkei, im Nahen Osten und in der Volksrepublik China haben die illegalen Grabungen geradezu industrielle Ausmaße angenommen: In Apulien etwa rücken die Raubgräber mit Baggern an. Auch in Österreich treiben "Hobbyarchäologen" ihr Unwesen - vereinsmäßig organisierte Metallsucher, die es vor allem auf römische Münzen abgesehen haben.

Den Archäologen geht es in Zusammenhang mit illegalen Ausgrabungen nicht um die Frage des rechtmäßigen Besitzes. Vielmehr werden bei den Raubgrabungen historische Zeugnisse von unschätzbarem Wert vernichtet, den Forschern kommt die Grundlage ihrer Arbeit abhanden. "Unsere Quellen werden uns regelrecht weggebaggert", formuliert Graepler. Die Ausstellung "Fundort unbekannt: Raubgrabungen zerstören das archäologische Erbe", die derzeit in der Aula der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien zu sehen ist, belegt dies am Beispiel Apuliens: Das Gebiet der antiken Siedlung Salapia gleicht nach systematischen Raubgrabungen mit Baggern und Caterpillarn einer Mondlandschaft und ist für die Archäologie verloren.

Kontext geht verloren In der Frühzeit der Archäologie unterschieden sich reguläre Ausgrabungen kaum von den heutigen Raubgrabungen: Das Ziel war die Entdeckung wertvoller Kunstwerke. Mittlerweile haben die Wissenschaftler erkannt, daß die Informationen, die der Kontext eines Fundes liefert, noch viel wertvoller sind. Welche Fundstücke bei einer Ausgrabung zuoberst ans Tageslicht gelangen und was ganz tief im Erdreich verborgen liegt, gibt Aufschluß über eine zeitliche Entwicklung. Besonders "geschlossene Funde", große Mengen von Gegenständen, die zugleich in den Boden gelangt sind - etwa Gräber oder Schiffswracks -, liefern eine Fülle von Informationen über die Gesellschaft jener Zeit, als der Verstorbene begraben wurde oder die Galeere in den Meeresfluten versank.

Eine kunstvoll bemalte griechische Vase aus Unteritalien zum Beispiel, die im Kunsthandel auftaucht, liefert dem Archäologen nur spärliche Hinweise: Er kann den Produktionsort eruieren, vielleicht auch die Werkstatt; er kann die Darstellung beschreiben. Diesselbe Vase, in einem vollständig erhaltenen Grab eines Apuliers aus dem Volk der Daunier gefunden, erzählt von gesellschaftlichen Entwicklungen und sozialen Zusammenhängen: Sie zeugt unter anderem von intensiven (Handels)Beziehungen zwischen Griechen und Dauniern, das hohe Ansehen und den zunehmenden Einfluß der griechischen Kultur zu jener Zeit in Süditalien. Die Vielzahl der anderen, vielleicht unscheinbaren Grabbeigaben liefert noch viel mehr Informationen. Grabräuber jedoch vernichten die meisten dieser Spuren.

"Die systematischen Raubgräber und ihre Helfer sind Kriminelle, die sich am kulturellen Gedächtnis der Menschheit vergehen", schreibt Paul Zanker von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften im Vorwort zum Ausstellungskatalog. Doch diese Kriminellen haben durchaus honorige Abnehmer: Geschäftsleute, Privatsammler, ja sogar Museen. Denn ein Herkunftnachweis für Antika ist bisher nicht üblich. Genau das jedoch verlangen die Archäologen: "Man kauft ein Auto schließlich auch nicht ohne Herkunftsnachweis", empört sich Hubert Szemethy vom Institut für klassische Archäologie der Universität Wien. Die lapidare Anmerkung "Fundort unbekannt" bei Auktionen oder in Ausstellungsvitrinen bedeutet oft nichts anderes, als daß ein Stück aus einer Raubgrabung stammt.

Ende des Sammelns Der Kulturausschuß des Nationalrats hat vor zwei Wochen die EU-Richtlinie für "unrechtmäßig aus einem Mitgliedsland verbrachte Kulturgüter" in Kraft gesetzt. Doch die Wissenschaftler verlangen den Beitritt Österreichs zur UNIDROIT-Konvention. Gemäß dieser weltweit verbindlichen Vereinbarung müßten die Besitzer illegal ausgegrabenen Kulturguts dieses noch 50 Jahre nach der Raubgrabung zurückgeben - auch wenn sie es in (angeblich) gutem Glauben erworben haben. "Die Zerstörung des Marktes wäre ein effizientes Instrument zur Vermeidung von Raubgrabungen", ist Szemethy überzeugt.

Doch jene Länder, in denen die kaufkräftigsten und -willigsten Abnehmer sitzen - die USA oder Deutschland etwa -, denken nicht daran, den UNIDROIT-Vertrag zu unterschreiben. Und der Markt boomt ungehindert weiter: Schamlos werden in Wirtschaftszeitschriften Antika als Wertanlage angepriesen, bei Auktionen in New York oder London schnellen die Angebote für apulische Vasen in ebenso schwindelerregende Höhen wie für aztekische Statuetten.

Manchen Käufern geht es nur ums Geld. Die klassischen Sammler werden immerhin von Begeisterung für die Kunst und Liebe zur Antike getrieben. Das private Sammeln hat eine lange Tradition und war früher einmal ein konstruktiver Beitrag zur Tradierung vergangener Kulturen. Doch nur den wenigsten Sammlern ist bewußt, daß sie heutzutage durch ihre Begehrlichkeit nur die Raubgrabungen und den illegalen Markt anheizen, und damit die Zerstörung der Grundlagen der Archäologie vorantreiben. Überdies sind private Sammlungen meist von geringem wissenschaftlichen Nutzen, da sie dem archäologischen und kulturellen Zusammenhang nicht gerecht werden (können).

Nur wenige Privatsammler ziehen die notwendigen Konsequenzen. Das amerikanische Sammlerehepaar Joukowsky schrieb 1985 in einem Ausstellungskatalog: "Unsere Sammlung war für uns eine Quelle der Freude, der Inspiration und der Erkenntnis. Lange Zeit glaubten wir, Sammeln sei Ausdruck unseres Einsatzes für den Schutz und die Bewahrung der Vergangenheit. Erst 1974 erfuhren wir von dem leidenschaftlichen Engagement professioneller Archäologen, die hinsichtlich des Imports und Exports von Kulturgut Farbe bekannten. Daraufhin hörten wir auf zu sammeln."

Ausstellung: "Fundort Unbekannt: Raubgrabungen zerstören das archäologische Erbe" Bis 9. April Österr. Akademie d. Wissenschaften, Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, 1010 Wien 20. April bis 29. Mai Institut für klassische Archäologie der Universität Wien, Franz Klein-Gasse 1, 1190 Wien