Digital In Arbeit

Visionär der totalen Kamera

Das "Modell Überwachungsstaat" vorausgesehen: Zum 100. Geburtstag von George Orwell.

Nach den großen Kriegen kommen die großen Bücher: der "Simplicissimus", "Krieg und Frieden", "Im Westen nichts Neues", "Wem die Stunde schlägt", "Die Pest". Seltener stehen Bücher schon am Beginn des Krieges. "Sonnenfinsternis" von Arthur Koestler ist 1940 erschienen. Damals war vom Kalten Krieg noch keine Rede. Im Gegenteil, das militärische Bündnis zwischen Amerikanern und Russen stand erst bevor und Stalin wurde in den USA vorübergehend "Onkel Joe". George Orwell war von "Sonnenfinsternis" beeindruckt, als er "1984" schrieb, das 1949 erschienen ist. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Kalte Krieg mit der sowjetischen Blockade von West-Berlin schon seinen ersten Höhepunkt erreicht. "The Origins of Totalitarism" von Hannah Arendt kam in den USA 1951 heraus , die deutschsprachige Ausgabe "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" 1955.

Diese drei Texte sind als literarische und intellektuelle Grundlage für den jahrzehntelangen Kalten Krieg von unersetzlicher Bedeutung. "1984" ist der bekannteste von ihnen. Allein der Titel ist jedem halbwegs Gebildeten als Metapher vertraut. "1984" steht für den totalen Überwachungsstaat. Den Slogan Big brother is watching you kennen wir alle und wissen, dass das "Ministerium für Wahrheit" für die Lügen zuständig ist, die im Newspeak (in der deutschen Übersetzung: Neusprech) lauten: "Krieg ist Frieden - Freiheit ist Sklaverei - Unwissenheit ist Stärke." Dass das Kriegsministerium "Ministerium für Frieden" heißt, liegt auf der Hand, und dass Winston Smith, die Hauptfigur des Romans, im "Ministerium für Liebe" gefoltert wird, ist logisch.

Parabel der Überwachung

George Orwell hat die Bilder und die Sprache gefunden für eine geniale Parabel, die eine mögliche Zukunft im Zeichen des siegreichen Stalinismus beschreibt . "The Last Man in Europe" war ein möglicher Titel des Buchs, aber schließlich hat sich George Orwell für "1984" entschieden, bekanntlich in Umdrehung des Entstehungsjahres 1948 - auch das ein begnadeter Einfall in seiner Kürze und bedrohlichen Prägnanz. Achtung, wir steuern auf etwas Schreckliches zu!

George Orwell, am 25. Juni 1903 im indischen Bengalen als Eric Arthur Blair geboren, in Eton erzogen, Lehrer, Mitglied der britischen Polizeitruppe in Burma, die er aus Protest wieder verließ und über die er in "Einen Elefanten erschießen" schrieb, war Sozialist. Für den Left Book Club fährt Orwell 1936 zu den Bergarbeitern in Lancashire und Yorkshire, lebt mit ihnen zusammen und schreibt darüber einen aufregenden Bericht, eine der ersten modernen Sozialreportagen: "Der Weg nach Wigan Pier". Er beschreibt den Schmutz und den Gestank, 25-jährige Frauen, die wie 40 aussehen, die unglaubliche Langsamkeit und das Schlafen mit angezogenen Beinen, um den anderen nicht ins Kreuz zu treten. Er denkt nach über den Sozialismus, über das "schrecklich schwierige Problem der Klassenunterschiede" in England und prognostiziert am Ende den Abstieg des "sinkenden Mittelstands" in die Arbeiterklasse, "und wahrscheinlich wird es dort gar nicht so schrecklich sein, wie wir befürchtet haben".

Im Jahr darauf macht Orwell die entscheidende Erfahrung seines Lebens, die seinen weiteren Weg als Mensch wie als Schriftsteller bis zu seinem Tod prägen wird: Er lernt in Spanien den Stalinismus kennen. 1937 ist er dorthin gegangen, um als Korrespondent über den Bürgerkrieg zu berichten. Er will aber kämpfen, schließt sich der POUM an, einer marxistischen Miliz, die von den Kommunisten als trotzkistisch bezeichnet wird.

Stalinismus hautnah

Er gerät während eines Urlaubs von der Front im Mai 1937 in die Straßenkämpfe in Barcelona zwischen Anarchisten und Kommunisten - eine absurde Szenerie, die Ken Loach in seinem wundervoll traurigen Film "Land and Freedom" 1995 eindringlich beschrieben hat, wobei er einzelne Dialoge wörtlich von Orwell übernimmt. Und dann erlebt der Schriftsteller auch noch die Liquidierung der POUM durch die Kommunisten in einer blutigen Säuberungsaktion und kommt selber gerade noch lebendig davon. Kurzum, George Orwell hat nicht nur den verlorenen Krieg gegen die Faschisten erlebt, sondern ebenso den geheimen Krieg innerhalb der Linken, der gleichzeitig während des Spanischen Bürgerkriegs auf Stalins Geheiß stattfindet. Er berichtet darüber 1938 in "Mein Katalonien" und fünf Jahre später noch einmal in "Looking Back on the Spanish War".

Er beschreibt die große Hoffnung und den großen Verrat an der Revolution. Er schreibt über den Streit unter den Kämpfern für die Republik, ob die Revolution schon während des Kriegs gemacht werden solle (die Position der POUM) oder ob alle Kraft dem Krieg gelten müsse und die Revolution komme später (die kommunistische Position) - eine Schlüsselszene im Film von Ken Loach, wiederum in Anlehnung an Orwell. Er zeigt die Lügen in den Zeitungen und in der Propaganda und zweifelt daran, dass Geschichte im Zeitalter der Totalitarismen überhaupt noch wahrhaftig beschrieben werden kann - obwohl seine eigene "Wahrheit" über den Krieg "simpel genug" sei: Die spanische Bourgeoisie habe ihre Chance gesehen, die Arbeiterbewegung zu zerschlagen, und habe es getan, unterstützt von den Nazis und reaktionären Kräften auf der ganzen Welt.

Propagandalügen

Das Buch endet mit der Rückkehr nach London: "Die Männer mit ihren Melonen', die Tauben auf dem Trafalgar Square, die roten Autobusse, die blauen Polizisten - sie alle schliefen den tiefen, tiefen Schlaf Englands. Ich fürchte, wir werden nie daraus erwachen, ehe uns nicht das Krachen von Bomben daraus erweckt." 1938 geschrieben, war auch das von prophetischer Klarsicht, denn schon zwei Jahre später fielen die nationalsozialistischen Bomben auf London, das der spanischen Republik aus Vorsicht und Rücksicht nicht gegen den Angriff der Faschisten und Nazis geholfen hatte.

George Orwell hat den Kommunisten ihren mörderischen Verrat an der spanischen Revolution nie verziehen. Mit "Mein Katalonien" beginnt seine große antistalinistische Trilogie, die mit "Farm der Tiere" 1945 ihre Fortsetzung findet, einer satirischen Fabel, die beispielhaft das Scheitern jeder Revolution beschreibt. Zuerst geht es gut: Solidarität, ein bisschen besseres Leben, dann bildet sich eine neue Elite, die sich zunächst noch demokratisch legitimiert, aber bald mittels Indoktrination, Terror und Geheimpolizei ein System totaler Herrschaft errichtet. Auch dafür findet Orwell - der Schriftsteller als begnadeter Werbetexter - wieder die Formel, die als geflügeltes Wort bis heute überlebt hat: "Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher."

Das Erstaunliche bei George Orwell ist, dass er trotz bitterer Enttäuschungen kein Renegat im üblichen Sinn wird. Er ist glühender Antikommunist, aber bleibt Linker, er beklagt die "Korruption der ursprünglichen Idee des Sozialismus" in der Sowjetunion, hofft aber bis zu seinem frühen Tod 1950 auf die "Wiederbelebung der sozialistischen Bewegung". Dass "1984" zu einem Schlüsseltext des Kalten Krieges gegen die Sowjetunion wird, wäre ihm sicherlich recht gewesen; dass es als Absage an den Sozialismus insgesamt gedeutet wird, hätte George Orwell vermutlich entschieden abgelehnt.

Sozialismus nicht erledigt

Der Totalitarismus, den Orwell beschreibt, ist ein Phänomen des 20. Jahrhunderts und historisch erledigt. Big brother is watching you ist dennoch im Sprachgebrauch geblieben, und das mit immer noch wachsender Berechtigung. Das Modell "Überwachungsstaat" hat sich von der Diktatur abgelöst und mit neuen ungeahnten technologischen Möglichkeiten in der Demokratie eingenistet. Hier gibt es sich harmlos und menschenfreundlich, vom Babyphon zur Überwachung der Allerkleinsten über road pricing, Kundenkarten aller Art zur chip card und so weiter. Natürlich alles zu unserer Bequemlichkeit. Und am Ende weiß jeder, der den Zugriff hat, buchstäblich alles über uns: was wir essen, wo wir wann waren, wen wir treffen, wen wir lieben und wie lange wir im Klo sitzen. Die Dümmsten unter uns, deren bürgerliches Bewusstsein vor 1848 stecken geblieben ist, verkünden stolz, dass sie nichts zu verbergen haben und erleben die umfassende Zerstörung von Privatheit nicht einmal als Bedrohung.

Doch seit dem 11. September sind die weltweiten Angriffe auf Bürgerrechte und Bürgerfreiheit nicht mehr zu übersehen - zu unserem eigenen Schutz natürlich. Deutschland überlegt, ob es für einreisende Ausländer auf Fingerabdruck, Biometrie oder Iris-Scan setzen soll. Die USA wollen alle drei Verfahren einsetzen. Eine Untersuchung der Universität Bielefeld über polizeiliche Lauschanträge hat vor kurzem ergeben, dass von über 500 Anträgen nur einer von einem Richter abgelehnt worden ist. Soviel zur Kontrollfunktion der Justiz. Und Handys für Kinder sollen deren Eltern auf Knopfdruck den Standort der Kleinen bekannt geben - eine frühzeitige Einübung in den Überwachungsstaat. Und über allem das weltweite Abhörsystem Echelon der amerikanischen National Security Agency. Und und und...

George Orwell ist als politischer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts historisch überholt und als Visionär für das 21. von beklemmender Aktualität.

Der Autor ist Historiker und freier Journalist.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau