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"Erste Hilfe" im eigenen Grätzel suchen und finden

"Wer weiß, welche Frucht wir hier haben?", fragt Karin Anderlik, Gedächtnistrainerin des Nachbarschaftszentrums Wien-Josefstadt, und reicht eine Schüssel mit kleinen Obststücken durch die Runde. Die sechs Teilnehmer der Gruppe kosten das Obst, beraten sich untereinander und diskutieren die möglichen Lösungen. Schon die letzte Einheit des "Heiteren Gedächtnistrainings" war dem Thema "exotische Früchte" gewidmet, nun gilt es, das Gelernte wieder aufzufrischen. Als niemand eine Antwort auf Anderliks Frage wagen möchte, löst sie das Rätsel. "Es sind noch ganz frische Feigen", sagt sie. "Hättest du dir das gedacht?", flüstert eine ältere Dame ihrer Sitznachbarin zu. "Nein, nie", lacht diese. Danach werden weitere Früchte benannt, ehe es nach draußen in den nebenan gelegenen Schönbornpark geht, in dem es weitere Aufgaben zu lösen gilt.

Unaufdringliche, lokale Hilfe

Es sind Gruppen wie das Gedächtnistraining, die das Nachbarschaftszentrum zu einem Ort der Hilfe machen. Laut Verena Kauer, Leiterin des Nachbarschaftszentrums, ist es für viele Menschen aber erfahrungsgemäß schwer, gebotene Hilfsangebote anzunehmen. Um mögliche Zentrumsbesucher zu erreichen, gilt es deshalb, eine Vertrauensbasis zu schaffen: "Wir sind einfach immer da und erzählen ganz unaufdringlich, was es bei uns alles gibt", so Kauer. Auf diese Weise komme es nicht selten vor, dass Personen auf die Zentrumsmitarbeiter zukämen, um mit ihnen über Probleme verschiedenster Art zu sprechen. "Es stellt sich oft heraus, dass sie mit niemandem darüber sprechen konnten", erklärt die Leiterin.

Auch aus organisatorischer Perspektive bergen regionale Hilfsorganisationen Vorteile. "Als kleiner, lokaler Verein ist man flexibler. Die Kommunikation mit den Klienten ist einfacher, weil die Mitarbeiter meist aus demselben Bezirk stammen", weiß Andrea Reisenberger von der Sozial-Medizinischen Initiative Rodaun. Auf dieser Basis sei es -nicht nur im Pflegebereich -oft einfacher, eine Bindung zu den Personen aufzubauen.

Das Rezept der Nachbarschaftszentren, Hilfesuchenden ihre Scham vor einem Besuch zu nehmen, liegt in der Vielseitigkeit der Angebote: Für jede Lebenslage findet sich hier ein kompetenter Ansprechpartner in Form einer Krankenschwester, Pädagogin, Psychologin oder Sozialarbeiterin. Gleichzeitig bietet das Zentrum in Form von Gruppen wie etwa "Heiteres Gedächtnistraining","Komm Sing mit", der "Kreativgruppe" oder dem "Donnerstag-Nachmittag-Café", Möglichkeiten der Freizeitgestaltung.

"Der Einstieg ist sehr niederschwellig. Man kommt zum Flohmarkt oder zum Café und schaut sich alles einmal an. Man muss nicht zu einer offiziellen Stelle gehen, sondern kommt über das Freizeitangebot dazu", so Kauer. So falle es in der Regel auch leichter, die Sozialberatung in Anspruch zu nehmen und sich im Notfall mit Lebensmittelgutscheinen, Kleidung und Haushaltsgegenständen zu versorgen. "Wir setzten uns dann einfach zusammen und versuchen herauszufinden, wie wir helfen können. Dadurch, dass wir sehr gut vernetzt sind, können wir auch den Kontakt zu anderen Organisationen herstellen, die vielleicht besser weiterhelfen können", so die Leiterin. Neben der Freizeitgestaltung und Sozialberatung bieten lokale Organisationen wie Nachbarschaftszentren auch die Möglichkeit, neue Kontakte zu schließen. "Für viele Leute ist es eine enorme Hilfe, andere Menschen kennenzulernen und nicht mehr alleine in der Wohnung zu sitzen. Manche haben niemanden, der etwas mit ihnen unternimmt - hier finden sie andere Interessierte", so die Kauer. Geknüpfte Kontakte blieben oft über Kurse hinaus erhalten.

Solidarität untereinander

"Ich bin sehr glücklich, dass es das hier gibt. Ich habe andere Frauen kennen gelernt und neue Freundschaften geschlossen", erklärt eine ältere Dame aus der Gruppe Gedächtnistraining. Lange habe sie ihren Mann gepflegt, die Zeit nach seinem Tod wäre sehr schwer für sie gewesen. "Das Miteinander, das gegenseitige Helfen und Verständnis, wenn es jemandem einmal nicht so gut geht, ist uns hier sehr wichtig", beschreibt Gedächtnistrainerin Karin Anderlik das Zusammenspiel aus Zentrumsmitarbeitern, Ehrenamtlichen und Besuchern.

Und so bildet sich schließlich eine Komponente, durch die sich regionale Organisationen von Ämtern oder Volkshochschulen unterscheiden: Solidarität zwischen den Besuchern verschiedenen Alters, Herkunft und Berufes. "Gerade in den Gruppen ist das sehr spürbar -die Leute fühlen sich regelrecht für einander verantwortlich", weiß Kauer. Erscheint ein eingefleischter Zentrumsgast nicht wie gewohnt, seien die Kolleginnen und Kollegen besorgt. Wird jemand, der normalerweise das Nachbarschafts-Café besucht, krank, wird für diese Person eingekauft und das Kaffeekränzchen samt Kartenspiel einfach in dessen Zuhause verlegt. "Viele vermissen dieses Füreinander-Dasein und auch das gegenseitige Helfen", so Zentrumsleiterin Kauer, "Wir bieten ihnen eine Plattform, das zu ändern."

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