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"Ich hatte kein Talent für das Dissidententum"

1945 1960 1980 2000 2020

Immer wieder rafft der Krieg Menschen dahin, Menschen, mit Ideen und Lebenskraft. Dieses Schreckliche bewegte den serbischen Autor Aleksandar Tisma zu schreiben, nachdem er erlebt hatte, wie im Zweiten Weltkrieg Menschen, die er schätzte, spurlos verschwanden.

1945 1960 1980 2000 2020

Immer wieder rafft der Krieg Menschen dahin, Menschen, mit Ideen und Lebenskraft. Dieses Schreckliche bewegte den serbischen Autor Aleksandar Tisma zu schreiben, nachdem er erlebt hatte, wie im Zweiten Weltkrieg Menschen, die er schätzte, spurlos verschwanden.

dieFurche: Herr Tisma, auf deutsch sind Ihre Bücher erst sehr spät erschienen. Wie ist es überhaupt zur Übersetzung gekommen?

Aleksandar Tisma: Die deutsche Übersetzung war ein Zufall wie alle anderen auch. Es hätte genauso gut sein können, daß ich nie in Deutschland oder in einem anderen Land erscheine. Man hat ja im Leben immer Chancen, aber sie werden nicht immer genützt. Und manchmal hat man überhaupt keine Chancen. Die Menschen, die man in Kriegen tötet, haben absolut keine Chancen. Sie können nie ihre Möglichkeiten zeigen. Das ist eine der traurigsten Sachen, die ich in meinem Leben betrachtet habe: Leute, die ich kannte, die fähig waren, die vieles in sich trugen, viele Möglichkeiten, Ideen, viel Lebenskraft - und dann wurden sie einfach weggefegt von diesem Krieg. Das war etwas Schreckliches, und das ist etwas Schreckliches, und es geschieht immer wieder von neuem.

dieFurche: Ist das auch ein Motor Ihrer Literatur, Ihrer Romane: anderen Lebensschicksalen Ausdruck zu verleihen?

Tisma: Vielleicht in gewissem Sinne, denn das hat mich wirklich sehr erschüttert. Ich selbst war ja ein Mensch, der aus dem Nichts etwas schaffen wollte, und ich mußte zusehen, wie meine Kameraden, wie Leute, die ich schätzte und mit denen ich gerne sprach, einfach spurlos verschwunden sind - so früh und durch Gewalt; das hat mich zu diesen Themen geführt. Denn anfangs dachte ich eigentlich nicht daran, mich mit der Vergangenheit zu befassen, aber wegen der großen Verluste von diesen Menschen, hat mich das dann langsam wieder zu ihnen zurückgeführt, und dann habe ich meine Bücher geschrieben.

dieFurche: Im "Das Buch Blam" geht es ganz wesentlich um die Frage: Was bedeutet das Überleben für den Überlebenden? Ist das etwas, was auch Sie sehr beschäftigt hat?

Tisma: Das hat mich selbstverständlich sehr beschäftigt, eben wegen des starken Gefühls, daß ich etwas schaffen will, und es fiel mir unvorstellbar schwer, daß ich das aufgeben und einfach hinsterben sollte wegen der Ideen gewisser Leute. Das Überleben war für mich die wichtigste Aufgabe. Denn ich wußte: wenn ich nicht überlebe, dann bleibt auch nichts von meinen Ideen.

dieFurche: Wann haben Sie das erste Buch geschrieben?

Tisma: Mein erstes Erscheinen in der literarischen Öffentlichkeit war ein Theaterstück, "Der Preis der Lüge". Ich schrieb es um 1950, 1952 wurde es aufgeführt. Zufällig wurde es auch in Westdeutschland auf dem Theaterfestival in Iserlohn gezeigt.

dieFurche: Sie wollten ja an der Aufführung in Deutschland teilnehmen, bekamen aber keine Ausreisegenehmigung.

Tisma: Ich konnte nicht aus Jugoslawien ausreisen, weil man gewisse Informationen über mich hatte - die ich aber nicht kenne, weil bei uns diese Dossiers nie geöffnet wurden. Der Polizeichef der Wojwodina sagte mir im Gespräch: Tisma, Sie werden Jugoslawien nie verlassen! Als sich 1957 die Politik Jugoslawiens in dieser Hinsicht änderte, habe ich einen Paß bekommen, als wäre nie etwas geschehen. Seither reise ich, so viel ich kann.

dieFurche: Sie haben einmal gesagt, daß Sie "leider kein Dissident" waren. Warum nicht, und warum tut Ihnen das leid?

Tisma: Man wäre ja immer lieber ein interessanter als ein uninteressanter Mensch, lieber ein Held als ein Feigling. Deshalb sage ich "leider", weil ich gar kein Talent für das Dissidententum hatte und habe. Ich konnte kein Dissident sein, auch wenn ich gewollt hätte. Ich war ein Mann, der sich seinen Büchern widmete. Und da ging es um Themen, die eigentlich nichts mit der aktuellen Politik zu tun hatten. Diese Bücher waren nicht gegen oder für ein Regime geschrieben.

dieFurche: Im Roman "Kapo" hat der Jude Vilko Lamian als Kapo Furfa auf der Seite der Nazis überlebt. Im Alter wird er zum ersten Mal von einer Frau deswegen geliebt, weil er anders ist. Aber zugleich weiß er: Wenn wir noch mehr wären, sähe das alles wieder ganz anders aus. Ist das auch Ihre Erfahrung?

Tisma: Ich habe so gefühlt, als ich diesen Menschen gestaltete, der ein anderes Schicksal hatte als ich. Aber da er gleichzeitig Jude war und Nichtjude, weil er dem Judentum entkam, war er mir auch ähnlich. Und deshalb habe ich darin auch gewisse eigene Erfahrungen ausgedrückt. Ja, dieses Judentum irritierte so viele, einen ganzen Staat und eine ganze Staatsführung - jetzt, wo es ausgerottet wurde hier in Europa, jetzt gibt es eine gewisse Milde in dieser Hinsicht.

dieFurche: Einer Ihrer Romantitel, "Der Gebrauch des Menschen", bietet sich als Formel an für Ihr Werk, auch als Sicht auf dieses Jahrhundert, auf den Menschen. Ist das für Sie ein Resümee, oder steht dahinter noch eine unausgesprochene Hoffnung auf den Menschen?

Tisma: Nein, das könnte ein Resümee sein. Leider sehe ich außer den Schönheiten des Lebens, die bestehen und die ich auch genieße, keine solchen Änderungen in der Menschheit, daß man mit diesen Brutalitäten aufhören würde. Diese menschliche Dummheit hat sich noch immer nicht verklärt, sie steht in den Köpfen, und vielleicht sollte ich eher Biologe sein um zu sagen, ob das irgendwann einmal vorbei sein wird oder nicht.

dieFurche: Sie haben über die Vergangenheit geschrieben. Haben Sie jemals gedacht, daß ähnliche Massaker wieder vorkommen könnten? War das vorherzusehen, was dann in Jugoslawien passiert ist?

Tisma: Nein, das war überhaupt nicht vorherzusehen. Jugoslawien lebte ebenso friedlich wie alle anderen Länder. Es gab freilich immer gewisse Kontroversen, es gab einzelne und kleine Gruppen, die die Unabhängigkeit bestimmter Republiken erlangen wollten. Und es wurden auch Gruppen vom Ausland eingeschoben, die auch eine gewisse Unruhe ins Land brachten, aber man dachte nicht, daß es zu so einem Zerfall kommen würde. Und es wäre auch nicht dazu gekommen, wenn nicht der Kommunismus gefallen wäre, der eigentlich dieses zweite Jugoslawien zusammenhielt zu einem geeinten Staat. Als die Ideologie zugrunde ging, wurde dieser Einheit die Basis entzogen, und es kam zum Zerfall.

dieFurche: Konnte man realistischer- weise hoffen, daß der Staat erhalten bleibt, wenn die Ideologie zerfällt?

Tisma: Als es zum Referendum in verschiedenen Republiken kam, war die Mehrheit immer für die Unabhängigkeit. Das zeigt, daß dieses Jugoslawien nicht genug Kohäsion hatte, obwohl es siebzig Jahre bestand. Deswegen konnte das nicht zusammenhalten im Moment der Krise. Weil die Führungen einiger Republiken gespürt haben, daß das eine Chance wäre für die Selbständigkeit, auch damit sie ihre Macht vergrößern, und weil die Serben das nicht verstanden und in einer konservativen Politik verharrten, kam es zum Zerfall - freilich mit Hilfe gewisser Kräfte von außen, denn es gab ja Emigrantenkreise und auch fremde Dienste, die immer bereit sind, ein bißchen mitzuhelfen, wenn es in einem benachbarten Land zu Krisen kommt.

dieFurche: Sie sind dann für einige Zeit nach Frankreich gegangen. War die Situation in Novi Sad bedrohlich?

Tisma: Nein, sie war überhaupt nicht bedrohlich, Krieg gab es nur in Kroatien. Es war eher das, daß ich überdrüssig war von diesem Zerfall, daß ich nicht mitmachen wollte, auch nicht durch mein Dulden. Ich wollte nicht dulden, daß ich deswegen, weil es zu solchen nationalistischen Ausbrüchen kommt, zum Beispiel nicht reisen könnte - damals wurde der Belgrader Flugplatz durch ein internationales Verbot geschlossen. Ich war nicht einverstanden mit der Politik des Regimes und wollte deswegen auch nicht die Folgen dieser Politik auf mich nehmen. Gefährdet war ich nicht, Dissident war ich nicht, aber ich ging fort und bin auch nicht zurückgegangen, bis der Krieg zu Ende war.

dieFurche: Aber wollten Sie sich nicht dazu äußern, Protest erheben, ihr moralisches Gewicht als Schriftsteller einsetzen?

Tisma: Nein, ich wollte nicht, und ich würde es auch heute nicht machen, weil ich einfach nie sicher bin, daß mein Protest nicht für andere Ziele ausgenützt wird. Immer, wenn man gegen oder für eine Seite etwas aussagt, kommen gewisse politische, polizeiliche oder militärische Kräfte, die sich damit bedienen, um ihre Rechnungen zu begleichen, und das will ich nicht. Ich bin ein unabhängiger Mensch, soweit ich kann, ich will mit meinen Aussagen absolut nicht den einen oder den anderen dienen, dieser Geheimpolizei oder jener. Ich sage zwar offen meine Meinung, aber ich mache keine Aufrufe.

Das Gespräch führte Cornelius Hell, der mit Aleksandar Tisma auch ein in Ö1 gesendetes "Menschenbild" gestaltet hat. Eine Kassette dieser Sendung kann beim Hörerservice des ORF, 1040 Wien, Argentinierstaße 30a bestellt werden.

Zur Person: Staatspreisträger für europäische Literatur Aleksandar Tisma wurde am 16. 1. 1924 in Horgos, einem Dorf der pannonischen Tiefebene, als Sohn eines Serben und einer ungarischen Jüdin geboren. Er wuchs dreisprachig in Novi Sad auf, wo er auch heute lebt. 1942 ging er aus dem ungarisch besetzten Novi Sad nach Budapest, wurde zur Zwangsarbeit in Siebenbürgen und später zur jugoslawischen Befreiungsarmee eingezogen. Nach dem Krieg arbeitete Tisma als Journalist; 1956 erschien sein erstes Buch. Auf deutsch liegen im Carl Hanser Verlag u. a. die Romane "Der Gebrauch des Menschen", "Das Buch Blam" und "Kapo" vor; Ende Februar erscheint "Treue und Verrat".

1996 erhielt Tisma den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur.

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