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"Im ABGB steht kein Wort von Liebe“

Die Wiener Anwältin Helene Klaar hat zahllose Scheidungen miterlebt. Trotzdem - oder gerade deshalb - rät sie zum Heiraten und mahnt zur Beständigkeit.

Das Gespräch führte Doris Helmberger

Sie gilt als eine der renommiertesten und scharfzüngigsten Scheidungsanwältinnen Österreichs. Im Interview mit der FURCHE spricht Helene Klaar, Autorin des "Scheidungs-Ratgebers für Frauen“, über die größten Ehe-Gefahren, fehlende Liebe als Scheidungsgrund und das Geheimnis ihrer eigenen Ehe.

Die Furche: Frau Klaar, soll man heutzutage noch heiraten?

Helene Klaar: Man sollte mehr denn je heiraten, denn in einer bloßen Lebensgemeinschaft herrscht die absolute Rechtlosigkeit. Der letzte Vorteil des Nicht-Verheiratetseins, nämlich die alleinige Obsorge für die nicht verheiratete Mutter, ist jetzt durch das neue Familienrecht auch weggefallen. Insofern bin ich ein leidenschaftlicher "defensor matrimonii“.

Die Furche: Kann man angesichts der momentanen Gesetzeslage sagen, dass vor allem Frauen von einer Eheschließung profitieren?

Klaar: Von profitieren würde ich in diesem Zusammenhang nicht sprechen. Die Frauen zahlen nach wie vor die Zeche dafür, dass sie Kinder kriegen. Wenn sie heiraten, haben sie zumindest eine minimale Abfederung. Ich habe gerade eine interessante Scheidung hinter mir, bei der die Frau vor zehn Jahren als Marketingleiterin einer großen Firma etwa 3500 Euro netto verdient hat. Dann hat sie den herrlichsten aller Männer kennengelernt, geheiratet und zwei Kinder bekommen. Inzwischen hat sich der Gatte längst von der Familie abgewendet, weil seine zweite, fixe Freundin in ihm den Wunsch nach mehr Freiheit erwirkt hat. Ich habe sehr viel Kunst, Geduld und Spucke gebraucht, um für die geschiedene Frau und die beiden Kinder zusammen 3000 Euro Unterhalt zu erreichen - also weniger, als sie zehn Jahre früher für sich allein hatte. Wäre sie nicht verheiratet gewesen, bekäme sie 1500 Euro für die Kinder und sonst gar nichts. Das ist der Profit, den Frauen aus der Ehe schlagen.

Die Furche: Was gefährdet Ehen heutzutage eigentlich am meisten?

Klaar: Ich glaube, das kapitalistische Wirtschaftssystem. So lange zwei Menschen acht Stunden täglich arbeiten und zwei Stunden zu ihrem Arbeitsplatz unterwegs sind, haben sie permanent Stress. Irgendwann einmal kommen sie drauf, dass ihr Leben nicht so ist wie im Werbefernsehen, dass sie ständig unausgeschlafen sind, nicht dazu kommen, großartig zu kochen oder die Wohnung in Schuss zu halten, und dass sie zu den Kindern g’schnappig und unfreundlich sind. Dadurch entsteht eine Unzufriedenheit - und die lässt man am anderen aus, weil irgend jemand muss ja schuld sein. Würden die Leute nur 30 Stunden in der Woche arbeiten, hätten wir sicher weniger Scheidungen.

Die Furche: Im Buch "Heute noch heiraten?“ wird geklagt, dass die ständige (falsche) Rede von einer knapp 50-prozentigen Scheidungsrate als "self-fulfilling prophecy“ wirkt - und Eheleute allzu leichtfertig das Handtuch werfen. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Klaar: Ja, die Leute folgen dem Konsumverhalten, das man bei Waschmaschinen oder Autos hat: Wenn die Karre nicht mehr funktioniert, tauscht man sie aus gegen ein neues Modell. Man versucht nicht, die Beziehung zu reparieren oder darüber nachzudenken, warum sie nicht funktioniert, sondern wechselt einfach den Partner und hofft, dass es mit dem neuen besser klappt. Bis heute ist nicht erforscht, ob die Zufriedenheit in der zweiten Ehe größer ist - und wenn ja, ob nicht der Betreffende sein Verhalten geändert hat und diese Änderung nicht schon in der ersten Ehe zum gleichen Erfolg geführt hätte. Ich kenne übrigens die Geschichte eines geschiedenen Mannes, der an einem Sonntagmorgen aufgewacht ist und sich gefragt hat: Warum verbringe ich diesen Tag eigentlich mit meiner Lebensgefährtin und deren zwei Kindern und nicht mit meiner Ex-Frau und meinen zwei Kindern? Daraufhin ist er wieder zu Hause eingezogen.

Die Furche: Das kommt wohl nicht sehr häufig vor…

Klaar: Stimmt, das war ein intelligenter Mensch, der in der Lage war, einen Fehler zu korrigieren. Das können nicht sehr viele …

Die Furche: Wie hoch muss eigentlich der Leidensdruck sein, damit Sie als Anwältin trotz allem zu einer Scheidung raten?

Klaar: Ich sage immer: Eine Scheidung ist wie eine Blinddarmoperation. So lange Kamillendunstwickel noch helfen, so lange also eine Verhaltensänderung, Paartherapie oder auch nur ein Herunterschrauben der eigenen Erwartungshaltung das Leben wieder erträglich machen, operiert man nicht. Vor einer Scheidung sollte man sich so fühlen wie beim Zahnarzt, wenn man niemanden mehr vorlassen würde. So lange dieser Leidensdruck nicht da ist, bin ich für die Kamillendunstwickel.

Die Furche: Kommen wir zu dem, was für eine gelingende Ehe nötig wäre. Was ist mit Liebe?

Klaar: Liebe ist keine Geschäftsgrundlage für die Ehe, sie macht sie nur erträglicher. Die Ehe ist einfach ein Vertrag, deswegen ist sie auch nicht im Traumbuch geregelt, sondern im ABGB, wo kein Wort von Liebe steht. Und weil man zum Heiraten keine Liebe braucht, ist ihr Wegfall auch kein Scheidungsgrund.

Die Furche: Was braucht es also für eine Ehe, wenn nicht Liebe?

Klaar: Das, was im Gesetz steht: umfassende Lebensgemeinschaft und Beistandspflicht. Dazu gehört, dass man sich aufeinander verlassen kann, an einem Strang zieht, aufeinander Rücksicht nimmt, respektvoll miteinander umgeht und seinen Beitrag zur gemeinsamen Kindererziehung leistet.

Die Furche: Sie sind seit 1977 verheiratet. Was ist Ihr Geheimnis?

Klaar: Mein Mann und ich sind beide nicht der romantische Typ, aber es war trotzdem die große Liebe. Zugleich sind wir intelligent genug, um zu wissen, dass das nicht reicht, um jahrzehntelang verheiratet zu sein. Es braucht viele gemeinsame Werteinstellungen, eine hohe Übereinstimmung in weltanschaulichen Fragen und die Unterstützung in allen Lebenslagen.

Die Furche: Hat es diese Unterstützung Ihres Mannes auch bei der Betreuung Ihrer zwei Kinder gegeben?

Klaar: Mein Mann hört das nicht gern, aber ich sage immer so: Er hat getan, was er konnte - und ich habe getan, was geschehen musste.

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