Digital In Arbeit

In die Haare schmieren MIT TRÄNEN

1945 1960 1980 2000 2020

Kunst muss die aktuellen Ereignisse nicht zum Thema machen. Aber wie wir mit Flüchtenden umgehen, entscheidet über unsere eigene Kultur. Ein Zwischenruf.

1945 1960 1980 2000 2020

Kunst muss die aktuellen Ereignisse nicht zum Thema machen. Aber wie wir mit Flüchtenden umgehen, entscheidet über unsere eigene Kultur. Ein Zwischenruf.

Warum wir gleich sind. Und warum wir ungleich sind. Wir sind gleich, weil wir Menschen sind, gleich an Rechten geboren. Ungleich sind wir, weil unser Geburtsort immer noch darüber bestimmt, ob wir uns diese uns zugehörenden Menschenrechte nicht in die Haare schmieren können. In die Haare schmieren mit Blut, Tränen und Dreck.

Wir können nicht sagen, wir hätten es nicht gewusst. Wir wissen das alles. Wir kennen die Bilder, die uns die Kriegsgebiete dieser Welt in die warme Stube liefern - frei Haus.

Wie schrecklich, sagen wir, und dann kuscheln wir uns in die Plüschdecke, nehmen noch einen Schluck Tee oder einen Schluck Rotwein, sehen aus dem Fenster: Es wird nun kühler, es dunkelt schnell, vielleicht brennt am Beistelltischchen eine Kerze. Wir denken an jenes Kind, dessen in Wasser und Sand geschmiegter Körper zu einem Symbolbild dieses großen Sterbens wurde. Dann drehen wir den Fernseher ab, schlagen die Zeitung zu.

Ganz oder gar nicht

Jene, die auf diesen Bildern zu sehen sind, sitzen in der Zwischenzeit auf Bootsdecks und spüren den Wind und das Wasser auf ihren Gesichtern, ertrinken, sollten diese Boote kentern, sterben an Schwäche und Krankheit unterwegs, erfrieren, verdursten.

Es sind hier so viele Familien auf der Flucht wie seit langer Zeit nicht mehr: unter diesen Ertrinkenden, Verdurstenden, an Krankheit elend Zugrundegehenden sind viele Kinder. Wenn sie es dann doch in sogenannte Sicherheit geschafft haben, liegen diese Menschen, deren einzige Schuld es war, zur falschen Zeit am falschen Ort geboren worden zu sein, hinter Stacheldraht der ungarischen Internierungslager, oder auf Europas Straßen im Schlafsack, in den Bahnhofshallen. Wenn sie Glück gehabt haben, dann in festen Unterkünften. Wenn sie Pech im Glück hatten, dann in festen Unterkünften, die angezündet worden sind. Menschen, die Häuser anzünden, in denen andere Menschen schlafen, sind keine Kritiker. Sie sind Kriminelle.

Das Problem mit den Menschenrechten ist, dass diese unteilbar sind: man kann nicht ein bisschen Menschenrechte haben. Man hat sie ganz oder gar nicht.

Einstellungen aller Art

Ob Künstler sich mit diesem Thema auseinandersetzen sollen? Kunst soll gar nichts. Kunst soll auch nichts müssen. Kunst soll alles können dürfen. Sich beispielsweise mit der Flüchtlingsthematik auseinanderzusetzen, weil es gerade hip ist, ist genauso unnötig wie das Naserümpfen über so niedere Themen wie Politik.

Zwischen Propaganda und Hochkultur gibt es signifikante Unterschiede. Und solange die Hochkultur nicht ausschließlich von abgehobenen Sphären durchdrungen ist, sondern, wie ein schönes Stück Jausenspeck, von Strömungen aller Art durchwachsen, räudig, edel, provokant und zart sein kann, sinnlos und clever, wenn sie mit großer Bandbreite ausgestattet ist, dann ist Raum für Einstellungen aller Art: die politische Interpretation und deren apolitische Schwester, die Kunst für die Kunst. Beide haben sie Platz im Haus des Schöpferischen, und, selbst wenn es absurd klingen mag, auch Dauermietrecht im Elfenbeinturm.

Unsere Kultur wurde über Jahrhunderte geprägt von Kunst, die auch politisch agiert hat, sei es sozialromantisch oder sozialkritisch. Manchmal tat sie es direkt, manchmal im Verborgenen. Aber solange Kunst das thematisiert, was unsere Realität ausmacht, unser Leid und unsere Freude, wird sie natürlich auch immer ins Politische hineinspielen. Unsere Kultur ist unter anderem geprägt von Zola, Dostojewski, Goethe. Alle drei sprachen immer wieder Problemfelder an, die sich mit Politik überschnitten, denn Gesellschaftsschilderung ist natürlich immer auch ein Statement, das man politisch lesen kann, wenn man möchte.

Kein Zufall ist es, dass alle Diktatur die freien Künste fürchtet und sie zu beschränken und einzuschüchtern sucht: verbotene Literatur in der UdSSR, entartete Kunst im Deutschland des Nationalsozialismus. Und wie üblich und schon in Adam und Evas Paradies ist natürlich das Verbotene das Interessanteste und das Gefährlichste. Wenn man sich in Erinnerung ruft, dass Menschen bereit waren, für ein Buch von Stefan Zweig, für ein Lied der Beatles ins Gefängnis zu gehen, sieht man wieder, was für eine tiefe politische bis fast religiöse Bedeutung Kunst entwickeln kann.

Die Grundfesten der Kultur

Wir können uns an unsere Geschichte erinnern und nach Abwägung so handeln, wie jemand handeln würde, der aus der Geschichte gelernt hat oder zumindest lernen will. Wir müssen natürlich nicht.

Insofern ist die Frage, wie wir mit den Flüchtenden umzugehen gedenken, eine noch gewichtigere, als es manchen bewusst ist: in der Beantwortung dieser Frage sagen wir uns vielleicht los von allem, was Humanismus, was Europa, was im Endeffekt unsere Kultur ausmacht. Sagen uns los von unserer eigenen Gesetzgebung und Überzeugung.

Dann aber sind wir die ersten, die diese Kultur bis an die Grundfesten erschüttert haben. Und nicht jene, vor denen die Angst umgeht, sie würden das tun. Es liegt an uns, wie wir diese Frage beantworten wollen.

Die Autorin ist Schriftstellerin

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau