Neuanfang - © Foto: Getty Images  / Fine Art Images/Heritage Images
Gesellschaft

Jeder Anfang ist ein einsamer Akt

1945 1960 1980 2000 2020

Gute Vorsätze haben zu Neujahr Hochkonjunktur. Zu Unrecht. Schon die alten Griechen wussten: Positive Verwandlungen sind nicht planbar. Eine kritische Betrachtung.

1945 1960 1980 2000 2020

Gute Vorsätze haben zu Neujahr Hochkonjunktur. Zu Unrecht. Schon die alten Griechen wussten: Positive Verwandlungen sind nicht planbar. Eine kritische Betrachtung.

Wenn die Melancholie des Neujahrskaters überstanden ist, dann kommt alle Jahre wieder die Zeit, die zwischen den Jahren gefassten „guten Vorsätze“ in die Tat umzusetzen. Fast jeder Zweite beteiligt sich an diesem „Volkssport“. Der Übergang von einem Jahresende zum Anfang des neuen Jahres scheint ein aufrüttelnder, magischer Moment zu sein, der die Menschen darüber grübeln lässt, wie sie zu besseren Menschen werden können. Selbst hartgesottene Gewohnheitstiere lassen sich infizieren von dieser allgemeinen Aufbruchsstimmung und stellen ihre eingefleischten Alltagsroutinen, ihre liebgewonnenen und schlechten Angewohnheiten auf den Prüfstand. Warum dieser Drang zur Selbsterneuerung gerade zum Jahreswechsel epidemisch wird, bleibt ein Rätsel, denn eigentlich spricht nichts für dessen Eignung zum Neubeginn. Im Gegenteil: Unsere griechischen Vorfahren wussten, dass der Kairos (als Gottheit personifiziert, siehe Bild) – der besondere gesegnete Augenblick für eine Verwandlung zum Guten hin – kommt wie der Dieb in der Nacht, heimlich, unerwartet, wann, wie und wo er will. Man muss wachsam sein, um ihn zu erkennen und zu ergreifen. Wenn er ungenutzt verstreicht, ist er unwiederbringlich verloren. Er taugt nicht für das Spektakel, mit ihm ist programmatisch nicht zu rechnen.

Selbstbestimmung als Illusion

In den guten Vorsätzen tritt bestenfalls und fast unkenntlich eine tiefe Sehnsucht der Menschen zutage; die Sehnsucht, man möge der Bannung durch die Zwänge des bereits gelebten Lebens trotz alledem entkommen, man möge sich, wie man heute sagt, noch einmal neu erfinden können. Diese Sehnsuchtsspuren wären allerdings auch schon das Beste oder das Einzige, was sich zur Ehrenrettung der guten Vorsätze sagen ließe. Denn tatsächlich schmücken sie sich zu Unrecht mit dem Attribut „gut“. Gute Vorsätze können keine Anfänge initiieren. Was sie auf den Weg bringen, ist ein ziemlich schäbiger, kraftloser Abklatsch von Anfängen. Ja mehr noch, wer sich ihnen verschreibt, vergibt sich der Möglichkeit, anzufangen.

Wenn die Melancholie des Neujahrskaters überstanden ist, dann kommt alle Jahre wieder die Zeit, die zwischen den Jahren gefassten „guten Vorsätze“ in die Tat umzusetzen. Fast jeder Zweite beteiligt sich an diesem „Volkssport“. Der Übergang von einem Jahresende zum Anfang des neuen Jahres scheint ein aufrüttelnder, magischer Moment zu sein, der die Menschen darüber grübeln lässt, wie sie zu besseren Menschen werden können. Selbst hartgesottene Gewohnheitstiere lassen sich infizieren von dieser allgemeinen Aufbruchsstimmung und stellen ihre eingefleischten Alltagsroutinen, ihre liebgewonnenen und schlechten Angewohnheiten auf den Prüfstand. Warum dieser Drang zur Selbsterneuerung gerade zum Jahreswechsel epidemisch wird, bleibt ein Rätsel, denn eigentlich spricht nichts für dessen Eignung zum Neubeginn. Im Gegenteil: Unsere griechischen Vorfahren wussten, dass der Kairos (als Gottheit personifiziert, siehe Bild) – der besondere gesegnete Augenblick für eine Verwandlung zum Guten hin – kommt wie der Dieb in der Nacht, heimlich, unerwartet, wann, wie und wo er will. Man muss wachsam sein, um ihn zu erkennen und zu ergreifen. Wenn er ungenutzt verstreicht, ist er unwiederbringlich verloren. Er taugt nicht für das Spektakel, mit ihm ist programmatisch nicht zu rechnen.

Selbstbestimmung als Illusion

In den guten Vorsätzen tritt bestenfalls und fast unkenntlich eine tiefe Sehnsucht der Menschen zutage; die Sehnsucht, man möge der Bannung durch die Zwänge des bereits gelebten Lebens trotz alledem entkommen, man möge sich, wie man heute sagt, noch einmal neu erfinden können. Diese Sehnsuchtsspuren wären allerdings auch schon das Beste oder das Einzige, was sich zur Ehrenrettung der guten Vorsätze sagen ließe. Denn tatsächlich schmücken sie sich zu Unrecht mit dem Attribut „gut“. Gute Vorsätze können keine Anfänge initiieren. Was sie auf den Weg bringen, ist ein ziemlich schäbiger, kraftloser Abklatsch von Anfängen. Ja mehr noch, wer sich ihnen verschreibt, vergibt sich der Möglichkeit, anzufangen.

Der Beginn entscheidet über den Fortgang und trägt den Keim des Endes bereits in sich. Daher rührt das Beängstigende des Beginns.

Hier ein paar Lesefrüchte aus den im Internet angebotenen Ratgebern in Sachen „gute Vorsätze“: Es gibt Listen mit zehn, mit 24 und mit 57 Vorschlägen. Ich greife wahllos hinein in das Sammelsurium, denn genau betrachtet, laufen alle stereotyp auf das Gleiche hinaus. Den größten Platz nimmt die Gesundheitssorge ein: „weniger Stress, mehr Bewegung, gesunde Ernährung, mehr Zeit für sich selbst, weniger Rauchen, weniger Alkohol, ausreichend Schlaf, mehr Zeit für das Familienleben, zur Vorsorge gehen, weniger Fernsehen.“

Alle Vorschläge werden begleitet von der Mahnung, man solle sich nicht übernehmen, denn das gefährde den Erfolg des Unternehmens und Scheitern ist kontraproduktiv. Und dann gibt es noch die wiederholte Ermunterung, sich etwas zu gönnen und sich zu belohnen; ferner Schulden abzubauen, Gutes zu tun, Blut zu spenden, weniger Auto zu fahren, weniger Plastik zu verwenden, das Konto im Plus zu halten und die Karriere im Auge zu behalten und so weiter und so weiter. Die „besseren Menschen“, die das Resultat dieser freundlichen Prozedur sind, sind genau die, die das System zu seiner Bestandssicherung braucht. Befangen im Freiheitswahn und in der Illusion von Selbstbestimmung, richten sie sich gutgelaunt zu immer besserer Verwaltbarkeit und Funktionstüchtigkeit zu und wollen, was sie sollen.

Mit Anfängen hat das alles nichts zu tun. Über Anfänge und über das Anfangen lässt sich sehr Verschiedenes und oft sogar Widersprüchliches sagen. Zuerst dies: „Aller Anfang ist schwer.“ Dieser Satz stand auf dem hölzernen Griffelkasten, mit dem ich meine Schullaufbahn begann. Ich weiß bis heute nicht, ob dieser Satz eher er­ oder entmutigend gemeint war; und ich erinnere mich nicht, ob ich mich durch ihn eher einschüchtern oder herausfordern ließ. Aber ich weiß, dass er sich durch manche Erfahrung bestätigt hat, auch wenn er nicht immer zutraf, denn es gab auch leichte Anfänge. Jeder Anfang, der seinen Namen verdient, birgt das Risiko des Scheiterns. Aber das ist nicht das einzige Wagnis, das der Anfänger, die Anfängerin eingeht.

Einen Anfang machen ist ein Akt des Ausschlusses und der Festlegung. Ob wir dabei an den ersten Spatenstich für einen Bau denken, die Entscheidung für einen Beruf, die Gründung einer Familie, das erste Thema einer Sinfonie, den ersten Satz eines Romans, den ersten Schlag eines Bildhauers. Der Beginn entscheidet über den Fortgang und trägt den Keim des Endes bereits in sich. Ob er will oder nicht, der Anfänger hat sich festgelegt. Daher rührt das Beängstigende des Beginns. Wenn wir uns entschließen, uns einer Aufgabe zu widmen, müssen wir vieles dafür aufgeben.

Die Leere nach der Vollendung Und schließlich müssen wir einsehen, dass alles, was man anfängt, auch zu Ende geht. Man fängt etwas an, um etwas vollenden zu können. Das Ende ist des Anfangs Ziel. Die Leere, die sich sprichwörtlich nach der Vollendung eines Schaffensaktes einstellt, ist der Schatten, den der Tod vorauswirft. Und noch ein Widerspruch: Jeder Anfang ist ein einsamer Akt und beruht auf einer einsamen Entscheidung. Aber dennoch ist der enthusiastische Anfang keine Schöpfung eines isolierten Ichs, sondern eine Antwort auf ein inspirierendes Gegenüber. Zu guter Letzt treffe ich auf einen fundamentalen Widerspruch zwischen zwei Texten, die rein zufällig auf meinem Schreibtisch landeten, während ich über das Anfangen sinnierte. In dem Gedicht: „Es blüht hinter uns her ...“ von Hilde Domin heißt es zunächst „Es blüht hinter uns her ... Weil ein neuer Anfang möglich ist ...“ Und etwas später: „Aber in jeder Situation gilt: Ein neuer Anfang ist möglich.“

George Steiner hingegen eröffnet seine „Grammatik der Schöpfung“ mit dem bedrückenden Satz: „Wir haben keine Anfänge mehr.“ Vielmehr gebe es im geis tigen Klima am Ende des 20. Jahrhunderts „eine Müdigkeit im Kern“. „Wir sind Spätlinge oder fühlen uns als solche. Das Geschirr wird abgeräumt. ‚Feierabend, die Herrschaften.‘“ Hilde Domin spricht von persönlichen Anfängen, die dem, der es wagt, sich vom Leitstern der Sehnsucht leiten zu lassen, möglich sind. George Steiner spricht vom Abendland, das die Überlegenheit des technischen Denkens über die Idee des Schöpferischen feiert und dem Schöpferischen das Prinzip der technischen Innovation entgegenstellt. Er warnt davor, dass eine „Zivilisation, die sich vom Prinzip der Schöpfung und des Anfangs verabschiedet, ungeheure Verluste in Kauf“ nimmt. Denn: Am Anfang war das Wort.

Marianne Gronemeyer

Die Autorin ist Erziehungs- und Sozialwissenschafterin. Zuletzt: „Die Grenze. Was uns verbindet, indem es uns trennt“ (2018).