Wie Literatur Geschichte zu Geschichten schreibt, warum der Familienroman dafür besonders geeignet ist, und wie Arno Geiger mit "Es geht uns gut" den Roman zum österreichischen Gedankenjahr geschrieben hat.

Der Erinnerung kann man nicht trauen. Weder der von anderen, noch der eigenen. Auch der Erzählung der einen Geschichte kann man nicht trauen - sie setzt sich zusammen aus vielen Geschichten. Und dennoch heißt es umgehen mit ihr, der Geschichte. Denn, so Günther Grass, wir können ihr nicht entkommen. "Sie macht uns zu Wiederkäuern. Und was wir - schlecht verdaut - von uns geben, wird der gegenwärtigen wie zukünftigen Generation noch im Wege sein: Kot, aus dessen vertrockneten Krusten zu lesen ist."

Ding gewordene Erinnerung

In Taubenkot am Dachboden, dem Ort von Ding gewordenen Erinnerungen, dem Gedächtnisspeicher von Generationen, findet sich auch Philipp in Arno Geigers mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman "Es geht uns gut". Es stinkt. Müll ist's. Damit das Klumpert zu Familiengeschichte würde, die man lesen kann, bräuchte es Beziehung, Bezug. Philipp fehlt beides, er lässt den Dachboden räumen. Ein Teil nach dem andern verschwindet, dabei wäre jedes ein Wegweiser zurück, zu Personen, von denen Philipp abstammt. Die sein So- und nicht Anderssein mitgeprägt haben. Doch er will nichts davon wissen, auch nichts recherchieren. Er setzt aufs Phantasieren. So geht er auch nicht an einer möglichen Last des Erbes zugrunde, er erstickt nicht im Müll der Geschichte, für die er sich nicht interessiert, sondern sitzt am Ende des Romans auf dem Dachfirst seines Hauses, auf dem Sprung in die Ukraine. Europa ruft. Österreichische Vergangenheit ist entsorgt.

Entsorgte Vergangenheit

Philipp soll ein rat- und orientierungsloser Vertreter seiner Generation sein, gab der 1968 geborene Arno Geiger in Interviews zu. Doch "den" Typ dieser Generation (die auch meine ist) gibt es sicher nicht. Ein Problem, denn Arno Geigers Roman mag die Typisierung, ja lebt von ihr: drei Generationen von Frauen und Männern müssen Österreich in seinem jeweiligen Entwicklungsstand repräsentieren.

Da ist der in der Nachkriegsrepublik engagierte Politiker, der später aufs Abstellgleis geschoben wird, seine hochintelligente Frau, die für Kind und Heim Studium und Beruf geopfert hat und am Ende ihre beiden toten Kinder nicht einmal verabschieden kann, weil der Sohn im Krieg gefallen und die Tochter in den siebziger Jahren in der Donau ertrunken ist - und Philipp, der räumende bzw. ausräumen lassende Enkel. Die ihrer Zeit entsprechend angepassten Figuren laufen Gefahr, zu Klischees zu mutieren, und die allzu sehr zu den historischen Daten passenden Handlungen werden oft unfreiwillig komisch. Freiwillig komisch gezeichnet ist aber etwa der in seine Affäre mit dem Kindermädchen verstrickte Minister, doch bei den zur Sprache gebrachten letzten versuchten Atemzügen einer in der Donau Ertrinkenden, die keine Geschichte mehr schreiben wird, hört sich mit dem letzten Wort "baba" der Spaß dann auf.

Auf die Frage ihres Mannes, ob es zu Hause etwas Besonderes gibt, antwortet Philipps Mutter im letzten Telefonat vor ihrem Tod - und verleiht damit dem Roman seinen Titel -: "Nein, denke, es geht uns gut." Ironie? Nein. Lüge? Njein. Floskel. Selbstbetrug mit Hoffnungsresten. Es geht nicht gut. Aber es wird schon wieder. Illusionen und Klischees halten nicht nur Generationen von Familien zusammen, sondern auch die österreichische Geschichte - und diesen Roman, mit dem sich Arno Geiger ausgehend von der Romangegenwart, dem Jahr 2001, sehr plakativ an zum Teil für Österreich entscheidende Ereignisse der Vergangenheit heranschreibt, darunter die Jahre 1938, 1945, 1955, 1989.

Familie - Ort der Geschichte

Das Genre eines Familienromans ist freilich gut gewählt, es eignet sich hervorragend für Streifzüge in die Vergangenheit. Familie - das ist der Ort, an dem man schon als Kind erfährt, was Geschichte ist, ohne die es keinen Weg in die Zukunft gibt. Man hat sie, ob man will oder nicht. Ohne sie ist man nicht. Geschwister, Eltern, Großeltern, Herkunft. Traditionen, Last, Erbe, Heimat. Zuwendung und Abstoßung. Neugeborene und Verstorbene. Schuld und Schweigen. Festgehaltenes, Angehaltenes im Familienalbum. Erzählte Überlieferungen und klaffende Lücken. Lügen und Mythen. Kein Wunder, dass der Familienroman zurzeit derart boomt.

Geschichten erkennen

Arno Geiger hat über jede Zeit im Präsens geschrieben, jede Figur aus ihrer Perspektive vorgestellt - und kaum eine überschneidet sich je mit der eines anderen. Die eine Geschichte der Familie erzählt sich erst aus den vielen Geschichten der einzelnen. Peter Bichsel beschrieb es als eine der wesentlichsten Aufgaben der Literatur, "dafür zu sorgen, dass wir nicht nur die Geschichte, sondern auch die Geschichten erkennen können" und "immer mehr Ereignisse in die Literatur einzubringen, immer mehr Ereignisse als Geschichten erkennbar zu machen".

Arno Geiger versucht politische Ereignisse in Geschichten zu wandeln und er nützt dabei die Freiheiten der Literatur im Umgang mit Geschichte: Der Literat hält die Fäden der Zeit in der Hand. Kann sie raffen, anhalten, auslassen, dehnen. Kann die Perspektiven wechseln, die Chronologie durchbrechen. In Arno Geigers Roman hat weder Philipp noch eine andere Figur, nur der Erzähler den Überblick. Er wählt aus, was er erzählen wird. Schafft die Struktur. Den Zusammenhang, der das Verhalten einzelner einsichtig machen soll.

Überzeugende Balance?

"Arno Geiger gelingt es, Vergänglichkeit und Augenblick, Geschichtliches und Privates, Erinnern und Vergessen in eine überzeugende Balance zu bringen" - so begründete Bodo Kirchhoff die Entscheidung der Jury, die den heuer zum ersten Mal vergebenen Deutschen Buchpreis an Arno Geiger verliehen hat.

Doch diese "überzeugende Balance" - wie sieht sie tatsächlich aus? Den historischen Daten wurden die persönlichen Geschichten zugeschrieben und der Roman erhält damit einen unangenehmen Nachgeschmack: den der Konstruiertheit. Es scheint, als hätte Geiger beim Schreiben stets eine Stimme eingeflüstert: die Geschichten müssen repräsentativ sein, sie müssen zum Gedankenjahr passen, unbedingt. Und das tun sie ja auch. Sogar in Deutschland.

Es geht uns gut

Roman von Arno Geiger

Hanser Verlag, München 2005

389 Seiten, geb., e 22,10

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