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Wenn dem Dorf die Frauen ausgehen

Stadt oder Land? Weggehen oder bleiben? Diese Frage stellen sich viele junge Frauen in der ländlichen Steiermark und ihre Entscheidung fällt immer häufiger auf das Leben in der Stadt. Vor allem in strukturschwachen Bezirken entsteht so ein immer größer werdendes Missverhältnis zwischen den Geschlechtern. Wie die Statistik 2007 zeigt, erreicht der Frauenmangel in den Gemeinden bereits ein Minus von 40 Prozent gegenüber geichaltrigen Männern zwischen 20 und 29 Jahren. In der Mehrheit der steirischen Verwaltungsbezirke leben um 6,7 Prozent weniger Frauen.

Eine Studie der Universität für Bodenkultur in Wien zeigt, dass vor allem Defizite in den Bereichen Arbeitsplatz, Wohnen, Kinderbetreuung und Freizeitgestaltung ausschlaggebend für die Abwanderung der jungen Steirerinnen sind. Auch das Nachziehen zum (Ehe-)Partner, das Unwohlfühlen in der Heimatgemeinde und Auswanderung der Ausbildung wegen, führen die Frauen in andere Gegenden. Raumplanerin Gerlind Weber, die diese Studie mit ihrer Kollegin Tatjana Fischer durchgeführt hat, erklärt, warum die Wanderung der Frauen keine Unterordnung bedeutet: "Frauen ziehen zwar nach wie vor oft den Männern nach, das kann aber als Schritt der Emanzipation gesehen werden, denn Frauen sind heute sehr mobil und machen sich selbst auf den Weg."

Männlich dominierter Arbeitsmarkt am Land

Zwar sei es nicht so, dass den steirischen Männern die Bereitschaft zur Wanderung gänzlich fehle, für sie gebe es aber bessere Zukunftsperspektiven in ihren Heimatgemeinden. "Im ländlichen Bereich ist der Arbeitsmarkt stark männlich dominiert, ich denke hier beispielsweise an die Holzarbeit und die Bauwirtschaft", so Weber. Traditionell sei es außerdem noch immer so, dass Söhne Bauernhöfe und Landwirtschaften übernehmen. Auch die tendenziell eher schlechtere Bildung der Männer spiele hier mit, denn Steirerinnen fänden kaum einen Arbeitsplatz, der ihrer Ausbildung entspricht. Hinzu kommt noch ein ganz anderer Faktor - die Bequemlichkeit: "Die Fähigkeit und Bereitschaft, einen eigenen Hausstand zu gründen ist bei Männern nicht so stark ausgeprägt wie bei Frauen. Die 'Pension Mama' lockt sie auch", erklärt Gerlind Weber. Zudem sind Männer durch die Mitgliedschaft in Vereinen, wie etwa der Feuerwehr, stärker in die sozialen Strukturen ihres Heimatortes verwoben. Hingegen gibt es für Frauen oft kaum Möglichkeiten, ihre Freizeit zu gestalten.

Die Forscherin ist zuversichtlich, dass nun Maßnahmen gegen die demographischen Verschiebungen gesetzt würden: "Trotzdem lassen sich Wanderungsprozesse nicht von heute auf morgen kontrollieren." Handlungsbedarf, die Gemeinden attraktiver für junge Frauen zu gestalten, bestehe aber auf jeden Fall: Wenn der Frauenanteil weiter sinke, würden längerfristig gesehen ganze Ortschaften aussterben ."Ganz eindämmen kann man den Trend der Landflucht junger Frauen nicht, aber man kann ihn zumindestens ein wenig abschwächen", meint Weber.

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