Stadt in Indonesien - © Yanis Ladjouzi / Pixabay

Suhartos Indonesien: Die Trümmer einer Scheinwelt

1945 1960 1980 2000 2020

Keine Aussicht auf Veränderung des verkrusteten politisch-wirtschaftlichen Systems. Doch in der Bevölkerung gärt es gewaltig.

1945 1960 1980 2000 2020

Keine Aussicht auf Veränderung des verkrusteten politisch-wirtschaftlichen Systems. Doch in der Bevölkerung gärt es gewaltig.

Suhartos Indonesien im Aufbruch: Das viertgrößte Land der Welt stand bis zum Kollaps der südostasiatischen Währungen an der Schwelle zum globalen Tigerstaat. Statistisch gesehen zumindest: Denn in der 13-Millionen-Metropole Jakarta kulminieren Glanz und Elend der Dritten Welt - mehr denn je zuvor. Am Sonntag ist die "Beratende Volksversamlung" zusammengetreten; sie soll am 10. März den autokratischen Langzeitpräsidenten Suharto per Akklamation im Amt bestätigen.

Fast war es geschafft, Indonesien in den Kreis der Industriestaaten Asiens einzureihen. Doch ab Mitte des Vorjahres ging es Schlag auf Schlag, die Währungen Südostasiens kollabierten, und Indonesien war dabei so federführend wie es sich das für seine wirtschaftliche Zukunft gewünscht hätte: Mitschuld an der Misere war der Mann, der die Geschicke des 200-Millionen Staates seit 1968 lenkt: Präsident Suharto. Der nunmehr 76jährige zählt somit zu den längstdienenden Staatsoberhäuptern der Welt. Kein Zufall: Der "Elder Statesman" regierte bis vor kurzem frei von jeglicher Opposition, regimekritische Äußerungen waren bei Kerkerstrafe untersagt.

Suharto - der "Vater der Entwicklung" - ist umgeben von einem Filz aus Familienangehörigen und engen Freunden: Sohn Hutomo Mandala Putra, genannt Tommy, ist begeisterter Rennfahrer - Grund genug, ihm die Produktion des Nationalautos "Timor" zu übertragen. Tochter Siti Hardijanti Rukmana, besser bekannt als Tutut, wiederum wälzt ehrgeizige Pläne für dreigeschossige Stadtautobahnen und die längste Brücke der Welt zwischen Sumatra und Malaysia. Prestigeträchtige Gigantomanie der First Family, die die Hauptstadt zur Kulisse einer modernen Scheinwelt zu wandeln begann.

Börsenboom

Zwei Drittel sämtlicher Auslandsinvestitionen gingen in der bereits dreißigjährigen Suharto-Ära in den Großraum Jakarta, in dem auch gut 60 Prozent der nationalen Finanztransaktionen lokalisiert sind. 80 Prozent des Nationalvermögens sind in der Hauptstadt akkumuliert, und die Börse boomte in der Hochlohnregion Jakarta, wo das jährliche Pro-Kopf-Einkommen mit 850 US-Dollar 70 Prozent über dem nationalen Durchschnitt lag. Dort, wo noch vor kurzem das friedliche Nebeneinander eines dörflichen Kampung geherrscht hatte, wurde gnadenlos geschliffen, und die haushohen Werbeboards für die künftigen Apartment-Siedlungen glänzen vielversprechend. Jakarta wurde das Traumziel der besitzlosen Reisbauern vor allem Javas, dessen Überbevölkerung legendär ist: 820 Einwohner teilen sich einen Quadratkilometer (Österreich: 96), über 60 Prozent des indonesischen Vielvölkerstaates massieren sich hier auf nur sechs Prozent der Landfläche.

Das Tropenland der 13.000 Inseln, 250 Sprachen und 30 verschiedenen Ethnien benötigte nach der Unabhängigkeit 1949 neben einer neuen Nationalsprache (Bahasa Indonesia) und einem neuen Leitbild (Einheit in der Vielfalt) vor allem eines: eine symbolträchtige Metropole. Die landesweite Dichotomie zwischen ruraler Armut und (scheinbarem) urbanem Reichtum wurde zum entscheidenden Faktor massiver Migration in die Metropole. Bloß: Die niederländisch-koloniale Infrastruktur war auf eine halbe Million Einwohner ausgerichtet. 435.000 Einwohner waren es 1930, 1961 schon 2,9 Millionen, 1971 4,6 Millionen und 1981 6,5 Millionen. Weitere siebzehn Jahre später sind es noch einmal doppelt so viele.

Der Schmelztiegel der Nation erfährt die zielgerichtete Globalisierungspolitik des späten Suharto-Regimes so massiv wie direkt. Soweit die abstrakte Realität. Doch nicht alle der bald 30-Millionen-Bevölkerung der mega-urbanen Großregion Jabotabek (Jakarta, Bogor, Tangerang, Bekasi) sind bereit, den internationalen Weg weiterzugehen. 65 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 25, bereit zum Aufstand - die Stadt gärt, unterstützt von einer Renaissance des Islam, der zum Sprachrohr der verarmten Massen wurde. Oppositionsführerin Megawati, Tochter von Suhartos Vorgänger Sukarno, gilt mittlerweile als Kopf der Muhammadiyah, einer der bedeutendsten Moslemvereinigungen im größten muslimischen Staat der Welt - reichlich brisant und noch vor kurzem undenkbar.

Magere Jahre

Die siebenprozentigen jährlichen Wachstumsraten Indonesiens gingen fast ausschließlich auf das Konto der Agglomeration Jakarta - denken die vier Millionen unter der Armutslinie wohl ähnlich euphorisch? Offiziell leben 30 Prozent in Slums, und es werden deutlich mehr werden, denn die fetten Jahre sind auch für die neuen Reichen vorbei.

Der Suharto-Clan gilt als verantwortlich für den Ruf Indonesiens als korruptestes Land Asiens; und genau diese Clique im Umfeld des Altpräsidenten wird dafür sorgen, daß die Generalversammlung den kranken Mann wieder zum Präsidenten "wählen" wird - offiziell bis 2005, wobei das wahrscheinlichste Szenario eine freiwillige Übergabe an den Vizepräsidenten zur Halbzeit der Amtsperiode ist. Suhartos Wiederkandidatur geht nicht zuletzt auf das Drängen der Militärs zurück, die um ihre mühsam aufgebauten Pfründe fürchten. Reiner Zufall, daß Tutut die erste Kandidatin für die Position der Vorsitzenden der Staatspartei Golkar ist? Unter diesen Umständen ist auch die 30-Milliarden-Dollar Finanzspritze des Internationalen Währungsfonds nicht dazu angetan, das Vertrauen potentieller Investoren in die Stabilität des Landes wiederherzustellen.

Jahreswechsel in Jakarta: Schon Tage davor sind die Straßen voll mit Silvestertrompeten, hellerleuchtet die Shopping-Plazas im Zentrum der Metropole. Wer ein Fahrzeug hat, ist unterwegs, ganze Menschentrauben auf den offenen Pick-Ups hupen sich durch die wolkenverhangene Nacht. "Selamat tahun baru 1998" leuchtet in Riesenlettern allüberall, und auch die Plastikchristbäume vor der Deutschen Bank erstrahlen im Glanz der Internationalisierung, wie die neonfarbenen Rentierschlitten entlang der Jalan Thamrin, der wirtschaftlichen Schlagader der Stadt. Eine heiße Stadt in einer heißen Zeit.

Happy New Year - die Chronologie eines Absturzes: Ein Dollar ist 4.500 Rupien am 3. Jänner, 6.000 am 4. Jänner wert. Erste Panikkäufe von Zucker und Kochöl folgen. Am 8. Jänner fiel durch massiven Spekulationsdruck die 1:10.000-Schallmauer, nicht zuletzt durch Suhartos Budgetrede für das Haushaltsjahr 1997/98, die mit illusorischen Parametern das Scheinwachstum des Landes prolongieren wollte. Diesmal wirkten die traditionellen Schönungen geradezu grotesk: Grundlage war ein Dollar-Rupie-Verhältnis von 1:4.000. Und versprochen wurde das eigene Heim, das eigene Auto, das große Glück. Bloß konnten sich die neuen Satellitensiedlungsheime nur die wenigsten leisten - eine dünne Mittelschicht aus staatstreuen Beamten. Um 150 Prozent sind die Wohnungskosten seit 1980 gestiegen, da heißt es weiterziehen - ein paar Entwurzelte mehr im Herzen der Moderne. Die McDonaldisierung hinkt der Coca-Kolonisierung nach wie die Zeitungsjungen den wenigen Luxuslimousinen: Das planerische Leitbild der 90er Jahre als BMW-City - Bersih, Manuslawi, Wibawa (sauber, menschlich, mächtig) - ist voll der zynischen Ambivalenz.

Feindbild: Chinese

Vollklimatisierte Shopping-Center und Luxusrestaurants, Karaoke-Bars und Golfplätze wurden mit ausländischem Kapital aus dem Boden gestampft. Naturschutzgebiet, Ökozone? Lächerlich. Der Glanz einer vermeintlichen Internationalität ließ derartige Bedenken rasch versumpfen. Der freie Fall folgte auf den Fuß, das Land steht vor den Trümmern einer selbst errichteten Traumwelt - ökonomisch und nicht zuletzt sozial. Sechs Millionen neue Arbeitslose in kürzester Zeit, nur mehr 22 von 286 börsennotierten Unternehmen solvent, 80 Prozent der über 200 Banken liquidiert oder de facto pleite. Das (statistische) monatliche Pro-Kopf-Einkommen ist in den letzten Monaten von 1.200 auf 300 US-Dollar gesunken, die Hamburger-Preise in den immer noch gut frequentierten Fastfood-Ketten sind dagegen um gute 150 Prozent gestiegen - ist das die Integration in die Weltwirtschaft, die Suhartos Mannen immer als Traumziel hingestellt haben?

Noch ist das Feindbild das gleiche wie immer in der jungen indonesischen Geschichte: Die drei Prozent Chinesen, traditionell am Steuer des Einzelhandels, waren stets die Prügelknaben für die 87 Prozent Moslems, wenn die Zeiten schlechter wurden. Doch so schlecht waren sie noch nie, und halbherzige Interventionen von Clinton und Kohl können ein Volk nicht beruhigen, das großteils auch die gesetzlich vorgeschriebenen Idul-Fitri-Prämien am Ende des Fastenmonats Ramadan nicht mehr ausgezahlt bekam. Und die wirklich einschneidenden Preiserhöhungen stehen noch aus, sollen die IWF-Kriterien erfüllt werden.

Suharto wird demnächst der neue alte Präsident sein. Die Signale für eine Wende werden weiter ausbleiben. Und unruhige Zeiten stehen bevor, soziale Erdbeben werden die Vulkaninseln erschüttern.

Der Autor lebt als Geograph und freier Journalist in Wien.

Suhartos Indonesien im Aufbruch: Das viertgrößte Land der Welt stand bis zum Kollaps der südostasiatischen Währungen an der Schwelle zum globalen Tigerstaat. Statistisch gesehen zumindest: Denn in der 13-Millionen-Metropole Jakarta kulminieren Glanz und Elend der Dritten Welt - mehr denn je zuvor. Am Sonntag ist die "Beratende Volksversamlung" zusammengetreten; sie soll am 10. März den autokratischen Langzeitpräsidenten Suharto per Akklamation im Amt bestätigen.

Fast war es geschafft, Indonesien in den Kreis der Industriestaaten Asiens einzureihen. Doch ab Mitte des Vorjahres ging es Schlag auf Schlag, die Währungen Südostasiens kollabierten, und Indonesien war dabei so federführend wie es sich das für seine wirtschaftliche Zukunft gewünscht hätte: Mitschuld an der Misere war der Mann, der die Geschicke des 200-Millionen Staates seit 1968 lenkt: Präsident Suharto. Der nunmehr 76jährige zählt somit zu den längstdienenden Staatsoberhäuptern der Welt. Kein Zufall: Der "Elder Statesman" regierte bis vor kurzem frei von jeglicher Opposition, regimekritische Äußerungen waren bei Kerkerstrafe untersagt.

Suharto - der "Vater der Entwicklung" - ist umgeben von einem Filz aus Familienangehörigen und engen Freunden: Sohn Hutomo Mandala Putra, genannt Tommy, ist begeisterter Rennfahrer - Grund genug, ihm die Produktion des Nationalautos "Timor" zu übertragen. Tochter Siti Hardijanti Rukmana, besser bekannt als Tutut, wiederum wälzt ehrgeizige Pläne für dreigeschossige Stadtautobahnen und die längste Brücke der Welt zwischen Sumatra und Malaysia. Prestigeträchtige Gigantomanie der First Family, die die Hauptstadt zur Kulisse einer modernen Scheinwelt zu wandeln begann.

Börsenboom

Zwei Drittel sämtlicher Auslandsinvestitionen gingen in der bereits dreißigjährigen Suharto-Ära in den Großraum Jakarta, in dem auch gut 60 Prozent der nationalen Finanztransaktionen lokalisiert sind. 80 Prozent des Nationalvermögens sind in der Hauptstadt akkumuliert, und die Börse boomte in der Hochlohnregion Jakarta, wo das jährliche Pro-Kopf-Einkommen mit 850 US-Dollar 70 Prozent über dem nationalen Durchschnitt lag. Dort, wo noch vor kurzem das friedliche Nebeneinander eines dörflichen Kampung geherrscht hatte, wurde gnadenlos geschliffen, und die haushohen Werbeboards für die künftigen Apartment-Siedlungen glänzen vielversprechend. Jakarta wurde das Traumziel der besitzlosen Reisbauern vor allem Javas, dessen Überbevölkerung legendär ist: 820 Einwohner teilen sich einen Quadratkilometer (Österreich: 96), über 60 Prozent des indonesischen Vielvölkerstaates massieren sich hier auf nur sechs Prozent der Landfläche.

Das Tropenland der 13.000 Inseln, 250 Sprachen und 30 verschiedenen Ethnien benötigte nach der Unabhängigkeit 1949 neben einer neuen Nationalsprache (Bahasa Indonesia) und einem neuen Leitbild (Einheit in der Vielfalt) vor allem eines: eine symbolträchtige Metropole. Die landesweite Dichotomie zwischen ruraler Armut und (scheinbarem) urbanem Reichtum wurde zum entscheidenden Faktor massiver Migration in die Metropole. Bloß: Die niederländisch-koloniale Infrastruktur war auf eine halbe Million Einwohner ausgerichtet. 435.000 Einwohner waren es 1930, 1961 schon 2,9 Millionen, 1971 4,6 Millionen und 1981 6,5 Millionen. Weitere siebzehn Jahre später sind es noch einmal doppelt so viele.

Der Schmelztiegel der Nation erfährt die zielgerichtete Globalisierungspolitik des späten Suharto-Regimes so massiv wie direkt. Soweit die abstrakte Realität. Doch nicht alle der bald 30-Millionen-Bevölkerung der mega-urbanen Großregion Jabotabek (Jakarta, Bogor, Tangerang, Bekasi) sind bereit, den internationalen Weg weiterzugehen. 65 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 25, bereit zum Aufstand - die Stadt gärt, unterstützt von einer Renaissance des Islam, der zum Sprachrohr der verarmten Massen wurde. Oppositionsführerin Megawati, Tochter von Suhartos Vorgänger Sukarno, gilt mittlerweile als Kopf der Muhammadiyah, einer der bedeutendsten Moslemvereinigungen im größten muslimischen Staat der Welt - reichlich brisant und noch vor kurzem undenkbar.

Magere Jahre

Die siebenprozentigen jährlichen Wachstumsraten Indonesiens gingen fast ausschließlich auf das Konto der Agglomeration Jakarta - denken die vier Millionen unter der Armutslinie wohl ähnlich euphorisch? Offiziell leben 30 Prozent in Slums, und es werden deutlich mehr werden, denn die fetten Jahre sind auch für die neuen Reichen vorbei.

Der Suharto-Clan gilt als verantwortlich für den Ruf Indonesiens als korruptestes Land Asiens; und genau diese Clique im Umfeld des Altpräsidenten wird dafür sorgen, daß die Generalversammlung den kranken Mann wieder zum Präsidenten "wählen" wird - offiziell bis 2005, wobei das wahrscheinlichste Szenario eine freiwillige Übergabe an den Vizepräsidenten zur Halbzeit der Amtsperiode ist. Suhartos Wiederkandidatur geht nicht zuletzt auf das Drängen der Militärs zurück, die um ihre mühsam aufgebauten Pfründe fürchten. Reiner Zufall, daß Tutut die erste Kandidatin für die Position der Vorsitzenden der Staatspartei Golkar ist? Unter diesen Umständen ist auch die 30-Milliarden-Dollar Finanzspritze des Internationalen Währungsfonds nicht dazu angetan, das Vertrauen potentieller Investoren in die Stabilität des Landes wiederherzustellen.

Jahreswechsel in Jakarta: Schon Tage davor sind die Straßen voll mit Silvestertrompeten, hellerleuchtet die Shopping-Plazas im Zentrum der Metropole. Wer ein Fahrzeug hat, ist unterwegs, ganze Menschentrauben auf den offenen Pick-Ups hupen sich durch die wolkenverhangene Nacht. "Selamat tahun baru 1998" leuchtet in Riesenlettern allüberall, und auch die Plastikchristbäume vor der Deutschen Bank erstrahlen im Glanz der Internationalisierung, wie die neonfarbenen Rentierschlitten entlang der Jalan Thamrin, der wirtschaftlichen Schlagader der Stadt. Eine heiße Stadt in einer heißen Zeit.

Happy New Year - die Chronologie eines Absturzes: Ein Dollar ist 4.500 Rupien am 3. Jänner, 6.000 am 4. Jänner wert. Erste Panikkäufe von Zucker und Kochöl folgen. Am 8. Jänner fiel durch massiven Spekulationsdruck die 1:10.000-Schallmauer, nicht zuletzt durch Suhartos Budgetrede für das Haushaltsjahr 1997/98, die mit illusorischen Parametern das Scheinwachstum des Landes prolongieren wollte. Diesmal wirkten die traditionellen Schönungen geradezu grotesk: Grundlage war ein Dollar-Rupie-Verhältnis von 1:4.000. Und versprochen wurde das eigene Heim, das eigene Auto, das große Glück. Bloß konnten sich die neuen Satellitensiedlungsheime nur die wenigsten leisten - eine dünne Mittelschicht aus staatstreuen Beamten. Um 150 Prozent sind die Wohnungskosten seit 1980 gestiegen, da heißt es weiterziehen - ein paar Entwurzelte mehr im Herzen der Moderne. Die McDonaldisierung hinkt der Coca-Kolonisierung nach wie die Zeitungsjungen den wenigen Luxuslimousinen: Das planerische Leitbild der 90er Jahre als BMW-City - Bersih, Manuslawi, Wibawa (sauber, menschlich, mächtig) - ist voll der zynischen Ambivalenz.

Feindbild: Chinese

Vollklimatisierte Shopping-Center und Luxusrestaurants, Karaoke-Bars und Golfplätze wurden mit ausländischem Kapital aus dem Boden gestampft. Naturschutzgebiet, Ökozone? Lächerlich. Der Glanz einer vermeintlichen Internationalität ließ derartige Bedenken rasch versumpfen. Der freie Fall folgte auf den Fuß, das Land steht vor den Trümmern einer selbst errichteten Traumwelt - ökonomisch und nicht zuletzt sozial. Sechs Millionen neue Arbeitslose in kürzester Zeit, nur mehr 22 von 286 börsennotierten Unternehmen solvent, 80 Prozent der über 200 Banken liquidiert oder de facto pleite. Das (statistische) monatliche Pro-Kopf-Einkommen ist in den letzten Monaten von 1.200 auf 300 US-Dollar gesunken, die Hamburger-Preise in den immer noch gut frequentierten Fastfood-Ketten sind dagegen um gute 150 Prozent gestiegen - ist das die Integration in die Weltwirtschaft, die Suhartos Mannen immer als Traumziel hingestellt haben?

Noch ist das Feindbild das gleiche wie immer in der jungen indonesischen Geschichte: Die drei Prozent Chinesen, traditionell am Steuer des Einzelhandels, waren stets die Prügelknaben für die 87 Prozent Moslems, wenn die Zeiten schlechter wurden. Doch so schlecht waren sie noch nie, und halbherzige Interventionen von Clinton und Kohl können ein Volk nicht beruhigen, das großteils auch die gesetzlich vorgeschriebenen Idul-Fitri-Prämien am Ende des Fastenmonats Ramadan nicht mehr ausgezahlt bekam. Und die wirklich einschneidenden Preiserhöhungen stehen noch aus, sollen die IWF-Kriterien erfüllt werden.

Suharto wird demnächst der neue alte Präsident sein. Die Signale für eine Wende werden weiter ausbleiben. Und unruhige Zeiten stehen bevor, soziale Erdbeben werden die Vulkaninseln erschüttern.

Der Autor lebt als Geograph und freier Journalist in Wien.

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