Digital In Arbeit
Ausstellung

Kunst schreibt Geschichte

1945 1960 1980 2000 2020

Das Salzburger Museum der Moderne beschäftigt sich mit der Frage, wie Kunst auf Politik reagiert und mit den entstandenen Arbeiten auch Historie konstituiert.

1945 1960 1980 2000 2020

Das Salzburger Museum der Moderne beschäftigt sich mit der Frage, wie Kunst auf Politik reagiert und mit den entstandenen Arbeiten auch Historie konstituiert.

Als Simone Forti begann, sich mit Tanz und Choreografie zu beschäftigen, arbeiteten die Vertreter der Arte povera gerade daran, mit bescheidensten Mitteln, mit dem Unwürdigen, Ausrangierten, Wertlosen Kunst zu schaffen. Natürlich steckt in dieser Abwehrhaltung gegen den Konsum eine politische Aussage. Das, was niemand mehr braucht in einen neuen Kontext versetzt, stellt etwas unerhört Neues dar. Nichts Spektakuläres geschieht. Aber wenn sich in der Performance "Huddle" nach und nach Darsteller in reptilienhafter Langsamkeit über einen Menschenberg arbeiten, um auf der anderen Seite wieder auf den Boden zu gelangen, ist der Ausnahmezustand über den Alltag ausgerufen. Plötzlich heißt es Innehalten und Beobachten. Kein Kunstwerk für die Ewigkeit wird hergestellt, aber eines, das jederzeit und überall wieder neu durchgespielt werden kann.

Heute ist Forti, der im Museum der Moderne die erste große Einzelausstellung gewidmet ist, schon wieder anderswo. Als ihr Vater, ein aufmerksamer Zeitungsleser, starb, empfand sie, seine Rolle einnehmen zu müssen. Sie verfolgte genau das Zeitgeschehen, beließ es aber nicht dabei. Sie entwickelte daraus ihre Nachrichtenanimationen, in denen sie das, was ihr aus den Medien zugespielt wurde, in Köperausdruck umwandelte. Das entsprach ihr schon deshalb, weil zahlreiche Metaphern der "physikalischen Dynamik" entsprechen: "der Dollar im freien Fall, Libanon auf der schiefen Ebene, Iran schickt Menschenwellen gegen die angreifende Iraker Armee etc."

Kunst als Kommentar

Wie reagiert die Kunst auf Politik und Geschichte? Für Käthe Kollwitz war Parteinahme selbstverständlich. In ihrem Lithografie-Zyklus "Ein Weberaufstand" von 1897 stellte sie das Elend aus. Sie bildete die ausgemergelten Gestalten derart trostlos ab, dass jedes Bild einen Appell an das Gewissen des Betrachters bedeutete. So informiert war die Gesellschaft schon, dass sie wusste, dass die Not nicht der Unfähigkeit der Arbeiter geschuldet ist, sondern einem System, das die Kluft zwischen Reich und Arm stützt. Die Bürger sollten erschrecken über das, was sie angerichtet hatten, solch einem hehren Ziel war Kollwitz verpflichtet.

Mit so eindeutigen Botschaften ist hundert Jahre später keine ernsthafte Kunst mehr zu machen. Da stehen Fragen im Vordergrund, die den Betrachter in Ratlosigkeit stürzen. Sie sollen ihm nachgehen, immerhin steht die Verfassung unserer Gegenwart auf dem Prüfstand. Omer Fast aus Jerusalem unternimmt das mit seinem Video "CNN verknüpft". Er lässt einen Nachrichtensprecher auf den anderen folgen und dazu einen Endlos-Monolog laufen. Der besteht aus einem Vokabular von zehntausend Wörtern, neu vermischt, die CNN-Sprecher verwendeten. Daraus entsteht eine Folge von Stehsätzen und Phrasen, eine Dokumentation des Einheitsdenkens.

Der Ägypter Wael Shawky nützt die Erzählform des Puppentheaters, um uns bewusst zu machen, dass es mit unserem Geschichtswissen nicht weit her ist. In "Kabarett Kreuzzüge: Die Horrorshow-Akte" spielt er eine Geschichte aus dem Orient, die auf den ersten Blick durch die zweihundert Jahre alten Puppen märchenhaft wirkt, sich aber als Korrektur des abendländischen Blickes auf die Kreuzzüge erweist. Nicht die siegreichen Christen stehen im Vordergrund, sondern die Araber, die überrannt werden. Das wird spektakulär in Szene gesetzt. Dagegen wirken die orientalischen Ansichten des Libanesen Akram Zaatari in ihrer kühlen Inszenierung beschaulich. Syrische Widerstandskämpfer aus den 1970er-Jahren erscheinen für die Porträtsitzung unbewaffnet, an Entschlossenheit des Blicks mangelt es ihnen nicht.

Der Ausstellung ist kein Ordnungsprinzip, das Entwicklungen erklären könnte, unterlegt, mit jedem Künstler beginnt ein neuer Denkansatz. Das ist spannend zu beobachten, aber aufregend wird es, wenn wir zwischen den Arbeiten über Zeiten und Räume hinweg Verbindungen stiften. Nichts für Eilige, dafür braucht man Zeit.

Simone Forti. Mit dem Körper denken: Eine Retrospektive in Bewegung bis 9. November Kunst/Geschichten bis 26. Oktober Museum der Moderne Salzburg Di-So 10-18, Mi bis 20 Uhr www.museumdermoderne.at

Als Simone Forti begann, sich mit Tanz und Choreografie zu beschäftigen, arbeiteten die Vertreter der Arte povera gerade daran, mit bescheidensten Mitteln, mit dem Unwürdigen, Ausrangierten, Wertlosen Kunst zu schaffen. Natürlich steckt in dieser Abwehrhaltung gegen den Konsum eine politische Aussage. Das, was niemand mehr braucht in einen neuen Kontext versetzt, stellt etwas unerhört Neues dar. Nichts Spektakuläres geschieht. Aber wenn sich in der Performance "Huddle" nach und nach Darsteller in reptilienhafter Langsamkeit über einen Menschenberg arbeiten, um auf der anderen Seite wieder auf den Boden zu gelangen, ist der Ausnahmezustand über den Alltag ausgerufen. Plötzlich heißt es Innehalten und Beobachten. Kein Kunstwerk für die Ewigkeit wird hergestellt, aber eines, das jederzeit und überall wieder neu durchgespielt werden kann.

Heute ist Forti, der im Museum der Moderne die erste große Einzelausstellung gewidmet ist, schon wieder anderswo. Als ihr Vater, ein aufmerksamer Zeitungsleser, starb, empfand sie, seine Rolle einnehmen zu müssen. Sie verfolgte genau das Zeitgeschehen, beließ es aber nicht dabei. Sie entwickelte daraus ihre Nachrichtenanimationen, in denen sie das, was ihr aus den Medien zugespielt wurde, in Köperausdruck umwandelte. Das entsprach ihr schon deshalb, weil zahlreiche Metaphern der "physikalischen Dynamik" entsprechen: "der Dollar im freien Fall, Libanon auf der schiefen Ebene, Iran schickt Menschenwellen gegen die angreifende Iraker Armee etc."

Kunst als Kommentar

Wie reagiert die Kunst auf Politik und Geschichte? Für Käthe Kollwitz war Parteinahme selbstverständlich. In ihrem Lithografie-Zyklus "Ein Weberaufstand" von 1897 stellte sie das Elend aus. Sie bildete die ausgemergelten Gestalten derart trostlos ab, dass jedes Bild einen Appell an das Gewissen des Betrachters bedeutete. So informiert war die Gesellschaft schon, dass sie wusste, dass die Not nicht der Unfähigkeit der Arbeiter geschuldet ist, sondern einem System, das die Kluft zwischen Reich und Arm stützt. Die Bürger sollten erschrecken über das, was sie angerichtet hatten, solch einem hehren Ziel war Kollwitz verpflichtet.

Mit so eindeutigen Botschaften ist hundert Jahre später keine ernsthafte Kunst mehr zu machen. Da stehen Fragen im Vordergrund, die den Betrachter in Ratlosigkeit stürzen. Sie sollen ihm nachgehen, immerhin steht die Verfassung unserer Gegenwart auf dem Prüfstand. Omer Fast aus Jerusalem unternimmt das mit seinem Video "CNN verknüpft". Er lässt einen Nachrichtensprecher auf den anderen folgen und dazu einen Endlos-Monolog laufen. Der besteht aus einem Vokabular von zehntausend Wörtern, neu vermischt, die CNN-Sprecher verwendeten. Daraus entsteht eine Folge von Stehsätzen und Phrasen, eine Dokumentation des Einheitsdenkens.

Der Ägypter Wael Shawky nützt die Erzählform des Puppentheaters, um uns bewusst zu machen, dass es mit unserem Geschichtswissen nicht weit her ist. In "Kabarett Kreuzzüge: Die Horrorshow-Akte" spielt er eine Geschichte aus dem Orient, die auf den ersten Blick durch die zweihundert Jahre alten Puppen märchenhaft wirkt, sich aber als Korrektur des abendländischen Blickes auf die Kreuzzüge erweist. Nicht die siegreichen Christen stehen im Vordergrund, sondern die Araber, die überrannt werden. Das wird spektakulär in Szene gesetzt. Dagegen wirken die orientalischen Ansichten des Libanesen Akram Zaatari in ihrer kühlen Inszenierung beschaulich. Syrische Widerstandskämpfer aus den 1970er-Jahren erscheinen für die Porträtsitzung unbewaffnet, an Entschlossenheit des Blicks mangelt es ihnen nicht.

Der Ausstellung ist kein Ordnungsprinzip, das Entwicklungen erklären könnte, unterlegt, mit jedem Künstler beginnt ein neuer Denkansatz. Das ist spannend zu beobachten, aber aufregend wird es, wenn wir zwischen den Arbeiten über Zeiten und Räume hinweg Verbindungen stiften. Nichts für Eilige, dafür braucht man Zeit.

Simone Forti. Mit dem Körper denken: Eine Retrospektive in Bewegung bis 9. November Kunst/Geschichten bis 26. Oktober Museum der Moderne Salzburg Di-So 10-18, Mi bis 20 Uhr www.museumdermoderne.at