Nun gibt es also doch noch einen. Aber das ist jetzt wirklich Wallanders letzter Fall, behauptet Henning Mankell, der Erfinder dieses schwedischen Kommissars, in Interviews. Auch im letzten Absatz des Romans kann man diese werbewirksame Botschaft lesen: „Die Erzählung von Kurt Wallander geht unwiderruflich zu Ende.“ Das hört sich für Wallander-Fans vielleicht traurig an, kann Wolf-Haas-Leser aber schmunzeln lassen: Seinem letzten Brenner-Krimi folgte im Vorjahr ein weiterer. Was heißt schon unwiderruflich – der Literatur ist alles möglich.

Aber wer hört schon gerne auf, wenn er erst einmal so richtig in eine Geschichte gefallen ist. Ein Ende, ob happy oder nicht, ist dann oft unerwünscht. Von einer solchen Leselust erzählte Michael Ende in seiner „unendlichen Geschichte“: „Er starrte auf den Titel des Buches und ihm wurde abwechselnd heiß und kalt. Das, genau das war es, wovon er schon oft geträumt und was er sich, seit er von seiner Leidenschaft befallen war, gewünscht hatte: Eine Geschichte, die niemals zu Ende ging! Das Buch aller Bücher!“

Ahnung von Zeitlosigkeit

Die Angst vor dem Ende kennen auch Schriftsteller. In ihrer Prosa „Und ich schüttelte einen Liebling“ schrieb Friederike Mayröcker: „Ich hatte Ende August begonnen, dieses Buch zu schreiben und jetzt ist fast Mitte April und ich weisz immer noch nicht, wie der Text enden solle, und ich dachte ich habe alles falsch gemacht und war nahe daran, aufzugeben, aber dann entschlosz ich mich noch eine Weile weiterzuschreiben, aber wenn ich kein Ende finde, was sollte ich dann tun, fragte ich mich und ich begann zu zittern vor Angst, und Bodo Hell sagt, es musz ja kein Ende haben, die Kompositionen von Morton Feldman haben auch kein Ende, nicht wahr.“ Ein Text, der nicht irgendwann aufhört, kann aber kein Buch werden, und deshalb hört er auf – doch irgendwie auch nicht: Denn kein Punkt beschließt das Buch, sondern ein Gedankenstrich führt weiter.

Schreiben und Lesen begehren gegen den Tod auf, gegen ein Ende, das noch nicht sein soll, und setzen eine bestimmte – und eine sehr bestimmende – Zeit außer Kraft. Oder wie Uwe Timm am Ende seiner soeben als Buch erschienenen Frankfurter Poetikvorlesungen schreibt: „Die Bücher, die Romane haben ihr Ende, aber sind nicht tot. Auch wenn sie verstaubt und vergessen herumstehen oder -liegen, warten sie auf ihre Opfer, greift der Leser zu und beginnt zu lesen und liest sich fest, rauben sie ihm, wie Vampire, indem sie sich selbst zum Leben bringen, seine Lebenszeit, schenken ihm dafür fiktive Zeit und Überfluss an Leben. Die festgeschriebene Zeit ist die Ahnung von der Zeitlosigkeit. Die Ambrosia der Leser.“

Das nächste BOOKLET erscheint am 2. Juni 2010 als Beilage in der FURCHE Nr. 22/10

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