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Gegen das Verschwinden

FOKUS
Porträts - © Illustration: Rainer Messerklinger

„Alles ist nur eine Frage der Chronologie": „Die verschissene Zeit" von Barbi Marković

1945 1960 1980 2000 2020

Barbi Marković inszeniert in ihrem Pop-Roman „Die verschissene Zeit“ eine rasante Zeitreise durch Belgrad.

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Barbi Marković inszeniert in ihrem Pop-Roman „Die verschissene Zeit“ eine rasante Zeitreise durch Belgrad.

Vanja Dimić hat während der NATO-Bombardierung Belgrads im Frühjahr 1999 ein Tagebuch geschrieben, in dem unter dem Datum 1. April folgendes zu lesen ist: „Warten bedeutet, immer die gleiche Zeile zu lesen und dann wieder die gleiche Zeile und dann wieder von vorne die gleiche Zeile im Proust. Einerseits fallen die Bomben und brüllen die Sirenen und mein Zimmer würgt mich, andererseits stopft mich das Fernsehen mit falschen Informationen und patriotischer Gehirnwäsche voll.“ Sie habe, so notiert sie weiter, „im Stehen den halben Proust gelesen. Ich wollte unbedingt, dass die Buspassagiere sehen, dass ich anders bin als sie, eine Jugendliche, die zum Zentrum gehört, und nur zufällig in einem peripheren Stadtteil lebt. Jetzt kann ich mich jedoch nur schwer abheben. Ich vermisse die Bushaltestelle. An der Bushaltestelle haben wir zumindest immer auf etwas gewartet. Jetzt ist das Etwas weg.“

Vanja Dimić hat während der NATO-Bombardierung Belgrads im Frühjahr 1999 ein Tagebuch geschrieben, in dem unter dem Datum 1. April folgendes zu lesen ist: „Warten bedeutet, immer die gleiche Zeile zu lesen und dann wieder die gleiche Zeile und dann wieder von vorne die gleiche Zeile im Proust. Einerseits fallen die Bomben und brüllen die Sirenen und mein Zimmer würgt mich, andererseits stopft mich das Fernsehen mit falschen Informationen und patriotischer Gehirnwäsche voll.“ Sie habe, so notiert sie weiter, „im Stehen den halben Proust gelesen. Ich wollte unbedingt, dass die Buspassagiere sehen, dass ich anders bin als sie, eine Jugendliche, die zum Zentrum gehört, und nur zufällig in einem peripheren Stadtteil lebt. Jetzt kann ich mich jedoch nur schwer abheben. Ich vermisse die Bushaltestelle. An der Bushaltestelle haben wir zumindest immer auf etwas gewartet. Jetzt ist das Etwas weg.“

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Vanja ist eine der drei Jugendlichen, die in Barbi Markovićʼ Roman „Die verschissene Zeit“ im Stadtteil Banovo brdo als Außenseiter aufwachsen. Das verbindet sie mit der Biografie ihrer Erfinderin. Mit dabei ist Vanjas Bruder Marko und Kasandra aus der Roma-Siedlung, eine Figur, die auf einen Telenovela-Star anspielt. Während die Erwachsenen mit ihrem eigenen Überleben beschäftigt sind, müssen sich die Jugendlichen in einer Welt zurechtfinden, deren Eigenschaften „Warten und Gewalt“ sind. „Die Brutalität breitet sich in der Sprache aus, Kriegsspiele nehmen zu, die Pistolen der Eltern tauchen an langweiligen Vormittagen auf, während die Erwachsenen nicht da sind, sie springen aus Schubladen und geheimen Fächern.“

Markenprodukte von Nike bis Porsche sind die begehrten Luxussymbole des kapitalistischen Neo­liberalismus, der sich in den "Allneunzigern" ebenso rasch ausbreitet wie der Nationalismus.

Am mutigsten von den drei Anti-Helden ist Kasandra, sie hat nichts zu verlieren, flucht und schimpft, sie weiß, „wie man einen Kampf gewinnt, indem man auf alles setzt und sich nichts scheißt“, aber auch, dass sie ohnehin keine „Diesler*in“ werden kann, also sich keine Original-Dieselklamotten leisten kann. Denn Markenprodukte von Nike bis Porsche sind die begehrten Luxussymbole des kapitalistischen Neoliberalismus, der sich in den „Allneunzigern“ ebenso rasch ausbreitet wie der Nationalismus. Vanja benützt dagegen das Wort „Serbien“ lediglich „als Schimpfwort“. Gegenspieler der drei Freunde sind die Bambalić-Zwillinge, Herrscher über das Treiben im Viertel und Garanten für kriminelle Machenschaften.

Nicht zufällig liest Vanja Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, denn Barbi Marković hat sich in ihrem wütenden Pop-Roman auf die „Suche nach der verschissenen Zeit 1991–1999“ in Belgrad gemacht, einem „riesigen psychowirtschaftlichen Desaster“. Aber sie misstraut ihren Erinnerungen: „Die Vergangenheit ist nicht willkürlich, aber die Erinnerungen sind in einem ständigen Wandel.“ Inzwischen sind die Neunzigerjahre „knallbunte, absurde Fiktionen der überlebenden Protagonist*innen“. Und deshalb hat die Autorin eine raffinierte Spielanordnung als Erzählhaltung erfunden, Spielleiterin ist die einigermaßen zuverlässige Erzählerin Vanja, die sich als „Du“ anspricht.

Auslöser der rasanten Zeitreise durch Belgrad ist die Erfindung einer Zeitmaschine von Miomir Vukobratović – in der Realität ein Pionier der humanoiden Robotertechnik –, die allerdings einen Fehler hat und statt in die Vergangenheit in die Zukunft führt. Eigentlich wurde sie konstruiert, um in die Vergangenheit zu reisen und den Balkankrieg zu verhindern.
Außerdem setzt sich die Zeitreise sprunghaft und chaotisch fort und macht Halt in den Jahren 1995, 1999, 1993, 1996, 2001. Nur wenn das Trio das Medaillon mit dem Krokodil findet, könnte es gelingen, im Nachhinein in die Geschichte einzugreifen. Die Jagd nach dem Medaillon führt das Trio in gefährliche Abenteuer.

Was es mit diesem begehrten Krokodil-Medaillon auf sich hat, soll hier nicht verraten werden, nur so viel: Auch die Auflösung ist eine Pointe, die zeigt, wie brillant Barbi Marković die popkulturellen Spielregeln beherrscht – inklusive der Wahl ihres Vornamens Barbi. Und sie beweist in ihrem ersten auf Deutsch geschriebenen Roman, dass sie eine aberwitzige Sprachspielerin ist, die gerne übertreibt und überspitzt bis zur Groteske.

In ihrem tragikomischen Pop-Roman „Superheldinnen“ schielen drei Frauen mit Migrationshintergrund aus Ex-Jugoslawien nach der bürgerlichen Mittelschicht, sie schlagen sich mehr schlecht als recht durchs Leben, aber sie besitzen auch märchenhafte Superkräfte, die zu einem unglaublichen Happy End führen. In ihrem neuen Roman blickt Barbi Marković, geboren 1980, in die traumatische Vergangenheit ihrer Superheldinnen, die auch die ihre ist –
und wie schon der wunderbare Buchtitel signalisiert: Es war eine beschissene Zeit!

Am Ende ihres von dem Spiel „Dungeons & Dragons“ und dem schwedischen Rollenspiel „Tales from the Loop“ inspirierten Romans „Die verschissene Zeit“ – wie die Autorin in einem Gespräch erzählt – gibt die Spielleiterin den Rat, sich die Vergangenheit noch einmal anzuschauen und zu überschreiben: „Gehe zurück und erinnere dich exzessiv. Alles ist nur eine Frage der Chronologie.“

Wen dieses Ende nicht befriedigt, der kann die dem Buch beigelegte Rollenspielanleitung „Die verschissene Zeit“, die Barbi Marković gemeinsam mit Thomas Brandstetter entwickelt hat, ausprobieren. Darin werden die historischen Ereignisse im Belgrad der „Allneunziger“ reflektiert und die Spielregeln und Charakterbögen vermitteln neben der Möglichkeit, die Geschichten ganz anders als im Roman zu inszenieren, auch ein besseres Verständnis der Welt von „Die verschissene Zeit“. Die Leser werden eingeladen, zu Mitspielern zu werden, zu Figuren der Geschichte und sollten dabei die Warnung der Spielleiterin im Ohr haben: „Wir müssen immer aufpassen, dass die Neunzigerjahre nicht zurückkehren, dass wir die Neunzigerjahre nicht wieder in die Welt rufen.“

Die verschissene Zeit - © Residenz Verlag
© Residenz Verlag
Literatur

Die verschissene Zeit

Roman von Barbi Marković
Residenz 2021
304 S., geb., € 24,–

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