Buesing - © Foto: Steidl Verlag / Emilia Hesse 2022

„Nordstadt“ von Annika Büsing: Wenn das Leben wenig Optionen bereithält

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„Nordstadt“ – Annika Büsings herausragender Debütroman über eine ungewöhnliche Liebe ist ein verblüffend stilsicheres Buch.

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„Nordstadt“ – Annika Büsings herausragender Debütroman über eine ungewöhnliche Liebe ist ein verblüffend stilsicheres Buch.

Wer traut sich das heutzutage noch? Wer wagt es, einen Roman ganz ohne postmoderne Ironie mit einem der scheinbar verbrauchtesten Sätze, mit „Ich liebe dich“, zu beginnen? Annika Büsing, Gymnasiallehrerin für Deutsch und Religion aus Bochum, heißt die furchtlose Autorin, die sich um vermeintliche No-Gos der Literatur nicht schert. Ihr staunenswertes Debüt setzt mit einem solchen Liebesbekenntnis ein und duldet keinen Zweifel, dass es keinen anderen Einstieg für diese Geschichte hätte geben können.

Die Liebenden in Büsings Roman heißen Nene, die als Ich-Erzählerin fungiert, und Boris, beide Mitte zwanzig und im Norden einer Ruhrgebietsstadt zu Hause, dort, wo das Wahre, Schöne und Gute in der Regel nicht anzutreffen ist. Beide sind Randfiguren in einem ohnehin rauen Milieu und suchen nach Wegen, trotz aller heiklen Verhältnisse nicht unterzugehen. Nene stammt aus einer zerrütteten Familie; ihre Mutter ist früh verstorben, und ihr Vater, ein Alkoholiker, hat jahrelang Freude daran gefunden, seine Tochter zu verprügeln. Als wäre das nicht genug, wird sie als Siebzehnjährige auf einem Spielplatz vergewaltigt.

Was ausreichen könnte, um am Leben zu verzweifeln, will Nene nicht als gottgegebenes Schicksal hinnehmen. Ihrem Vater, der am Ende dement in einem Pflegeheim landet, und ihrem Vergewaltiger wird sie nie vergeben. Warum auch? Alles verstehen heißt alles verzeihen – mit diesem Spruch kann sie nichts anfangen. Sie will vergessen, was geschehen ist, und sich nicht unterkriegen lassen. So zeigt sich Nene als starke, kämpferische Frau, die sich ihren langgehegten Berufswunsch erfüllt: Sie arbeitet als Schwimmmeisterin und kann sich kein schöneres Dasein vorstellen, als in einer Badeanstalt die Aufsicht zu führen und den Besuchern mit Sympathie gegenüberzutreten.

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