La vita nuova - Der Beginn von „La vita nuova“ ist von stummen archa­ischen Ritualen und einer spirituellen Stimmung geprägt. - © Stephan Glagla
Theater

Die rätselhafte Parabel vom rotierenden Auto

1945 1960 1980 2000 2020
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Heuer sind bei den Wiener Festwochen gleich zwei Arbeiten von Romeo Castellucci und seiner Gruppe „Societas Raffaello Sanzio“ aus Cesena zu sehen. Begonnen hat es in den Gösserhallen, wo er von 29. Mai bis 2. Juni die mitunter bizarre Performance „La vita ­nuova“ zeigte. Beim Eintritt in die riesige Halle­ begreift man aber schnell, dass die Erneuerung des Lebens wohl kaum – wie in Dantes gleichnamigem Werk – durch die Liebe zu einer Frau motiviert werden dürfte.

In drei Reihen sind an die 30 Autos geparkt, allesamt sorgsam von weißen Planen verborgen, wie Luxuslimousinen zum Schutz zugedeckt oder wie Möbelstücke im Ferienhaus am Ende eines Sommers. Aus dem Lautsprecher erfüllen kontrafaktisch das Zirpen von Zikaden, das Gezwitscher von Vögeln und Glockengeläut die ­Weite des von flackernden Neonröhren spärlich erhellten Raums. Zwischen den Autos erscheint da und dort eine Gestalt. In ihren langen weißen Gewändern wirken die fünf hochgewachsenen Schwarzafrikaner wie Hirten oder besser wie Priester. Und tatsächlich finden sie sich bald zu einer Gruppe zusammen und vollziehen mit heiligem Ernst ein stummes Ritual. Sie halten sich die Hände, recken die Arme, wippen mit den Hüften und drehen sich schunkelnd um einen goldenen Ring. Einer trägt ein dürres goldenes Bäumchen ins abseits stehende Publikum. Ein anderer deckt einen Wagen ab. Gemeinsam kippen sie ihn auf die Seite, drehen ihn um seine Achse, so dass auf der Unterseite eine antike Büste zu sehen ist. Nach noch einer Drehung ist dort ein Totenschädel zu erkennen und nach einer weiteren ein Netz mit Orangen. Mit gro­ßer Geste wird es aufgeschnitten, die Früchte rollen über den Boden, eine wird von einem Autoreifen zermalmt.

Nach fast 30 Minuten fallen die ersten Worte: „Il n’y a pas de liberté ici“ – „Hier gibt es keine Freiheit.“ So leicht es war, das wortlose archaische Ritual zu deuten, so schwer ist es, dem zu folgen, was Claudia Castellucci einem der Protagonisten in den Mund legt, Sätze wie „wir sind hier, um dem Neandertalerherzen die menschengemachte Technik zu entnehmen“, „das auf das Dach gedrehte Auto ist die Revolte des Dekorativen gegen die freie Kunst“ oder „der Ort wird aus den gleichen Werken entstehen, die über die Zeit organisiert werden“. Das Pamphlet verkleinert die mystisch-religiösen Handlungen von zuvor, zerstört die spirituelle Stimmung.

Die protoreligiöse Parabel von der Abkehr vom Profanen und dem Neuanfang der Welt jenseits einer nutzlos gewordenen Technik ist ein rätselhaftes Werk, zwischen Messe und Exorzismus. Als szenische Installation atmosphärisch großartig, in ihrer Wirkung eher überschaubar. Gewiss, Erneuerung tut not. Aber sie muss noch warten.