Zdenek Adamec - © Foto:  © SF / Ruth Walz
Theater

Peter Handke: Engel der Geschichte

1945 1960 1980 2000 2020

Salzburger Festspiele: Peter Handkes neuer Theatertext „Zdeněk Adamec“ basiert auf einem ­realen Stoff und zeigt, wie aus Politik eine Glaubenssache gemacht wird.

1945 1960 1980 2000 2020

Salzburger Festspiele: Peter Handkes neuer Theatertext „Zdeněk Adamec“ basiert auf einem ­realen Stoff und zeigt, wie aus Politik eine Glaubenssache gemacht wird.

Die gedruckte Fassung des jüngsten Stückes von Peter Handke lässt vieles offen. Nicht einmal die Anzahl der Schauspieler ist definiert, „so viele, wie das Spiel, das unsrige, nötig haben wird“. Die Regisseurin Friederike Heller hat sich für sieben entschieden, vier Männer und drei Frauen. Als Zufallsgemeinschaft haben sie an einem öffentlichen Ort zusammengefunden, und den Mittelpunkt ihres Gesprächs bildet der titelgebende junge Tscheche Zdeněk Adamec, der sich vor siebzehn Jahren auf dem Wenzelsplatz in Prag verbrannte, aus Protest gegen die Verhältnisse der Zeit. Von honorigen Persönlichkeiten wurde dem Toten das Recht abgesprochen, sich in Jan-Palach-Manier derart öffentlichkeitswirksam dem Suizid zu übergeben, zumal die Zeiten, da man sich nicht beschweren durfte, vorbei seien. Diese schnoddrige Abfuhr wollte Handke nicht so stehen lassen und lässt also eine Handvoll Leute sich über diese inkriminierte Person unterhalten. Um die „rea­le“ Person geht es dabei nicht. Nie hat Handke die Absicht, den Fall aufzurollen, um die Bühne für Geschichtsunterricht und Authentizität zu nützen. Mit so etwas kann man ihn jagen.

Jagen kann man auch die Figuren im Stück mit der Ansicht, die Welt und ihre Menschen seien abbildbar. Aus dieser Haltung erwächst ein ästhetisches Programm, das auf das Wesen der menschlichen Natur eingeht. „Mit wahren Begebenheiten könnt ihr mich jagen“, sagt einmal eine junge Frau, die noch vor kurzer Zeit die wahre Begebenheit aus ihrem eigenen Leben erzählt hat, wie sie mit dem Schnapstrinken aufgehört hat. Überhaupt gerinnen ihr Szenen ihres Lebens zu Anekdoten, dass ihr jemand über den Mund fährt: „Genug der Anekdoten!“ Mit Anekdoten kommt das Fähnlein der sieben Aufrechten der Wahrheit des Zdeněk Adamec nicht nahe, dabei ist gerade „Wahrheit“ ein Schlüsselbegriff in diesem Stück. Nicht um die historisch abgesicherte Wahrheit geht es, die Rede ist von einer inneren Wahrheit, über die nicht diskutiert werden muss, weil sie erfühlt, erahnt, für richtig erkannt wird.

Die Grundübel der Gesellschaft

Auf die Frage „Woher weißt du das?“ folgt die zum Topos gewordene Antwort „Ich weiß es“, hier wie in anderen Arbeiten von Handke. Dazu kommt die Abwertung einer auf Aktualitäten fokussierten Gesellschaft: „Ah, alle die Aktualitäten, ob böse oder weniger böse. Es ist, als ob es nur noch Aktualitäten gäbe, und hinter tausend Aktualitäten keine Welt.“ Das Stück ist ein großer Abwehrzauber von faktenbasierter Geschichte, liefert die Gegenprobe, die nur bestehen kann, wenn sie überliefertes Material umdeutet.

Zdeněk Adamec hinterließ einen Abschiedsbrief, ein politisches Manifest, in dem er Geld und Macht als die Grundübel der Gesellschaft definiert. Das nehmen ihm die Figuren des Stückes aber nicht ab. Er wolle damit „etwas anderes“ sagen, meinen sie, nur fehlen ihnen dazu die Worte. „Es gibt dafür keine Übersetzung […]. Du kannst sie nur fühlen, einzig und allein fühlen.“ Das mag einem Unbehagen bereiten, oder man nimmt das dankbar an als das Überschreiten einer allzu engen Wirklichkeitsauffassung. An Handke-Stücken werden sich immer ideologische Kontroversen entzünden. Dabei geht es nicht unbedingt allein um den jugendlichen Selbstmörder. Die alten Handke-Fragen stellen sich ein: Was tun, um sein Gehirn nicht dem üblichen Weichspülprogramm auszusetzen, und wo liegt die eigentliche Wahrheit, wenn die offizielle Wahrheit schal und dürftig scheint? Adamec hat die radikale Version von Weltverachtung bevorzugt, Handke macht ihn zu seinem Kumpanen, indem er ihm einen inneren Distanzierungsdrang vom Kollektivgeist unterschiebt.

Ein stillschweigender Pakt

Gleich mehrmals kommt es zu apodiktischen Beglaubigungssprüchen des Unbeweisbaren („Das ist wahr!“), und diese Sicht auf die Dinge teilen sich gleich mehrere Figuren. Sie zählen nicht so sehr als Individuen, weil sie in einem großen Gemeinschaftsakt der inneren Wahrheit auf der Spur sind. Schon deshalb erwies es sich als überflüssig für den Autor Handke, strikte Rollenzuteilungen vorzunehmen. Die Eigenart der Figuren kommt nicht aus ihrem Umgang mit dem Fall Adamec, dazu sind sie sich allzu einig. Sie verbirgt sich in ihrer jeweils individuellen Herkunft. Ein Pakt, nicht ausgehandelt, aber stillschweigend angenommen, bindet die sieben aneinander, der Pakt, Zdeněk Adamec, den Abwesenden, aus dem Zwang der Verhältnisse und Umstände, die ihn bewegten, herauszulösen. Er ist mehr Engel der Geschichte als politischer Akteur.