Falmingo - © Foto: iStock/Zocha_K
Animal Spirits

Ein Balanceakt mit Flamingo

1945 1960 1980 2000 2020

Das System verspricht uns Stabilität, Gleichgewicht und Zufriedenheit. Aber letztlich beschert es uns den Zwang zum rasenden Wachstum. Ein Gegenmodell aus der Vogelwelt.

1945 1960 1980 2000 2020

Das System verspricht uns Stabilität, Gleichgewicht und Zufriedenheit. Aber letztlich beschert es uns den Zwang zum rasenden Wachstum. Ein Gegenmodell aus der Vogelwelt.

Manche Tiere scheinen einen Weichzeichnereffekt auf die Stimmung des Menschen zu haben. Ihr Anblick erhebt, beruhigt und besänftigt gleichermaßen. Ungefähr so muss das Rainer Maria Rilke empfunden haben, als er im Jardin des Plantes in Paris Flamingos beobachtete. Ihre rosarosenrote Gestalt sei derart schön, so Rilke, „wie wenn jemand von seiner Freundin sagt: Sie war noch sanft von Schlaf.“

Aber der Flamingo hat mehr als nur Schönheit zu bieten. Er soll deshalb kurz vom Daunenbett der Dichterliebe ins kühle Wasser der Ökonomie und Gesellschaft entführt werden. Es geht da nicht um Romantik, sondern ums Gleichgewicht. Der Flamingo ist ja ein Meister der Balance auf einem Bein. Er kann in dieser Position seinen Energieverbrauch nahe null senken: Alle einander entgegenwirkenden Kräfte heben sich in diesem einzigartigen Zustand auf. Die Belastung von Knochen und Sehnen, das Gewicht, mit einem Wort: die Erdschwere weicht – und alles steht zueinander und stützt einander in vollendeter Statik. Der Flamingo schwebt über seiner einbeinigen Perfektion.

Wir Menschen bemühen uns in übertragenem Sinn angeblich ständig um ein solches Gleichgewicht. Ökonomen beschwören „Gleichgewichtspreise“, die um die Güterpreise auf den Märkten oszillieren, wir suchen das Gleichgewicht der Seele im Privaten und Beruflichen – und ein jeder von uns erträumt seinen optimalen Zustand der Zukunft, in dem alles gut, stabil, von Glück durchdrungen sein wird. Dort, wo sich alle Kräfte, die uns heute noch ziehen, drücken, unterdrücken oder zerreißen wollen, zur Schwerelosigkeit hin ausgleichen. Eine Art „Flamingo-Optimum“.

Leider ist dieser Zustand nicht nur kaum erreichbar. Schlimmer noch, sein Gegenteil ist gegenwärtig: Die Wirtschaft verspricht uns zwar Glück und Gleichgewicht, aber statt stabilen Halt zu finden, stolpert sie von einer Krise in die nächste, und das deshalb, weil sie in ihrem innersten Antrieb gar nicht nach Stabilität sucht, sondern nach möglichst schnellem Wachstum, koste es, was es wolle. Corona hat diese Impulse zu einem jähen Stillstand gebracht.

Vielleicht werden wir später finden, dass der Ruhezwang dieser Tage eigentlich näher am „Flamingo-Optimum“ war. Indem die Welt mangels Verkehr und Handel nicht nur stiller, sondern auch sauberer und die Luft reiner wurde. Indem auch viele Menschen ein „inneres Wachstum“ anstrebten und den sozialen Zusammenhalt probten. Zumindest Letzteres könnte man sich ja bewahren, während man mit den Coronafolgen kämpft. Wir müssen ja nicht so enden wie Rilkes Flamingos, die letztlich angewidert vom gegenseitigen Gekreisch bevorzugt „einzeln ins Imaginäre schreiten“.

Manche Tiere scheinen einen Weichzeichnereffekt auf die Stimmung des Menschen zu haben. Ihr Anblick erhebt, beruhigt und besänftigt gleichermaßen. Ungefähr so muss das Rainer Maria Rilke empfunden haben, als er im Jardin des Plantes in Paris Flamingos beobachtete. Ihre rosarosenrote Gestalt sei derart schön, so Rilke, „wie wenn jemand von seiner Freundin sagt: Sie war noch sanft von Schlaf.“

Aber der Flamingo hat mehr als nur Schönheit zu bieten. Er soll deshalb kurz vom Daunenbett der Dichterliebe ins kühle Wasser der Ökonomie und Gesellschaft entführt werden. Es geht da nicht um Romantik, sondern ums Gleichgewicht. Der Flamingo ist ja ein Meister der Balance auf einem Bein. Er kann in dieser Position seinen Energieverbrauch nahe null senken: Alle einander entgegenwirkenden Kräfte heben sich in diesem einzigartigen Zustand auf. Die Belastung von Knochen und Sehnen, das Gewicht, mit einem Wort: die Erdschwere weicht – und alles steht zueinander und stützt einander in vollendeter Statik. Der Flamingo schwebt über seiner einbeinigen Perfektion.

Wir Menschen bemühen uns in übertragenem Sinn angeblich ständig um ein solches Gleichgewicht. Ökonomen beschwören „Gleichgewichtspreise“, die um die Güterpreise auf den Märkten oszillieren, wir suchen das Gleichgewicht der Seele im Privaten und Beruflichen – und ein jeder von uns erträumt seinen optimalen Zustand der Zukunft, in dem alles gut, stabil, von Glück durchdrungen sein wird. Dort, wo sich alle Kräfte, die uns heute noch ziehen, drücken, unterdrücken oder zerreißen wollen, zur Schwerelosigkeit hin ausgleichen. Eine Art „Flamingo-Optimum“.

Leider ist dieser Zustand nicht nur kaum erreichbar. Schlimmer noch, sein Gegenteil ist gegenwärtig: Die Wirtschaft verspricht uns zwar Glück und Gleichgewicht, aber statt stabilen Halt zu finden, stolpert sie von einer Krise in die nächste, und das deshalb, weil sie in ihrem innersten Antrieb gar nicht nach Stabilität sucht, sondern nach möglichst schnellem Wachstum, koste es, was es wolle. Corona hat diese Impulse zu einem jähen Stillstand gebracht.

Vielleicht werden wir später finden, dass der Ruhezwang dieser Tage eigentlich näher am „Flamingo-Optimum“ war. Indem die Welt mangels Verkehr und Handel nicht nur stiller, sondern auch sauberer und die Luft reiner wurde. Indem auch viele Menschen ein „inneres Wachstum“ anstrebten und den sozialen Zusammenhalt probten. Zumindest Letzteres könnte man sich ja bewahren, während man mit den Coronafolgen kämpft. Wir müssen ja nicht so enden wie Rilkes Flamingos, die letztlich angewidert vom gegenseitigen Gekreisch bevorzugt „einzeln ins Imaginäre schreiten“.