Nußbaumers Welt

Ein Versuchslabor für Europa

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

An diesem Sonntag war ich einer von gut einer Million Wahlkartenwählern. Früh hatte ich eine Herbstreise in die Schweiz gebucht – und so den vergangenen Sonntag aus der „nahen Fremde“ erlebt. Sehr spannend! Die Eidgenossen sind unsere Nachbarn, ihre Medien kennen uns lange – und ihr Blick auf unsere Politik war auch zuletzt von schmerzhafter Klarheit.

Noch am Samstag war da von Wiener „Ibiza-Strizzis mit Bierbauch und Goldketterl“ zu lesen, auch von „Gentlemen-Rassisten und Edelpopulisten“ – und von einem jungen Ex-Kanzler, der „nicht nur Erfüllungsgehilfe der rechten Populisten“ sei, „sondern ihr Gleichgesinnter“. Von einem, an dessen Lernfähigkeit man Zweifel haben müsse.

Und da waren (wieder einmal) rot-weiß-rote Wortspender mit dabei, die problemlos eine Linie von Luegers Antisemitismus und Eichmanns Judenvernichtung über Waldheims „Pflichterfüllung“ bis zur Gegenwart zogen. Fazit: Das Wiener Polit-Drama sei wie „ein Blick in den Abgrund“ (Tagesanzeiger) – für ganz Europa. Denn Öster reich, das sei letztlich „eine Art politisches Versuchslabor“; sei jene „kleine Welt, in der die große ihre Probe hält“ (Friedrich Hebbel, 1862).

Zurückgegebene Würde

Dann kam der Sonntagabend – und alles klang (nicht nur in der Schweiz) ein wenig anders: Wir, die Wähler, hatten unserer Heimat vor der Welt etwas wie Würde zurückgegeben. Selbst dem jungen Ex-Kanzler wurde nun eine „zweite Chance“ zugesprochen, unser „zunehmend gespaltenes, von Rücksichtslosigkeit und Ressentiments geprägtes Land“ neu zu positionieren. Allerdings: Sebastian Kurz müsse sich jetzt „nicht nur bewegen, sondern neu erfinden“. Denn seine bisherige Hoffnung auf eine „ordentliche Mitte-rechts-Politik ohne Grauslichkeiten“ sei doch „wie der Traum von warmen Eislutschern“ (Neue Zürcher Zeitung, vgl. nächste Seite).

An diesem Sonntag war ich einer von gut einer Million Wahlkartenwählern. Früh hatte ich eine Herbstreise in die Schweiz gebucht – und so den vergangenen Sonntag aus der „nahen Fremde“ erlebt. Sehr spannend! Die Eidgenossen sind unsere Nachbarn, ihre Medien kennen uns lange – und ihr Blick auf unsere Politik war auch zuletzt von schmerzhafter Klarheit.

Noch am Samstag war da von Wiener „Ibiza-Strizzis mit Bierbauch und Goldketterl“ zu lesen, auch von „Gentlemen-Rassisten und Edelpopulisten“ – und von einem jungen Ex-Kanzler, der „nicht nur Erfüllungsgehilfe der rechten Populisten“ sei, „sondern ihr Gleichgesinnter“. Von einem, an dessen Lernfähigkeit man Zweifel haben müsse.

Und da waren (wieder einmal) rot-weiß-rote Wortspender mit dabei, die problemlos eine Linie von Luegers Antisemitismus und Eichmanns Judenvernichtung über Waldheims „Pflichterfüllung“ bis zur Gegenwart zogen. Fazit: Das Wiener Polit-Drama sei wie „ein Blick in den Abgrund“ (Tagesanzeiger) – für ganz Europa. Denn Öster reich, das sei letztlich „eine Art politisches Versuchslabor“; sei jene „kleine Welt, in der die große ihre Probe hält“ (Friedrich Hebbel, 1862).

Zurückgegebene Würde

Dann kam der Sonntagabend – und alles klang (nicht nur in der Schweiz) ein wenig anders: Wir, die Wähler, hatten unserer Heimat vor der Welt etwas wie Würde zurückgegeben. Selbst dem jungen Ex-Kanzler wurde nun eine „zweite Chance“ zugesprochen, unser „zunehmend gespaltenes, von Rücksichtslosigkeit und Ressentiments geprägtes Land“ neu zu positionieren. Allerdings: Sebastian Kurz müsse sich jetzt „nicht nur bewegen, sondern neu erfinden“. Denn seine bisherige Hoffnung auf eine „ordentliche Mitte-rechts-Politik ohne Grauslichkeiten“ sei doch „wie der Traum von warmen Eislutschern“ (Neue Zürcher Zeitung, vgl. nächste Seite).

Beim Lesen der Zeitungen ist mir einmal mehr bewusst geworden, wie fremd und fern den Schweizer Lesern das politische Geschehen in Österreich erscheinen muss.

Heinz Nußbaumer

Die Wahl-Bilanz aller eidgenössischen Medien: Kurz & Co hätten „einen bittersüßen Triumph“ gefeiert; einen „mit „schalem Beigeschmack“. Denn jede Koalitions-Option sei für ihn missliebig“ und habe „einen Haken“. Die wahre Herausforderung stelle sich also erst jetzt, nach dem Erfolg.

Beim Lesen der Zeitungen ist mir einmal mehr bewusst geworden, wie fremd und fern den Schweizer Lesern das politische Geschehen beim Nachbarn Österreich samt dem jüngsten Umgang mit Festplatten, Wahlkampfkosten und Parteispenden erscheinen muss.

Gegen mehr Urlaub? Unvorstellbar!

Nur zur Erinnerung der Ausgang der jüngsten Volks-Entscheide: Klar abgelehnt hat das Schweizervolk unter anderem: „Sechs Wochen Ferien für alle“ (statt fünf). Auch „Gerechtere Löhne“ (niemand sollte mehr als zwölf Mal so viel wie die schlechtest-bezahlten Mitarbeiter verdienen); und sogar „Steuerfreiheit für Kinder- und Bildungszulagen“. Selbst der Antrag „Schluss mit den Steuerprivilegien für Millionäre“ wurde abgelehnt! Unvorstellbar in Österreich. „Nach Schweizer Vorbild“ ist unsere Neutralität konzipiert. Sonst aber nicht viel.