Nußbaumers Welt

Zwei Päpste im Vatikan

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Ostermontag im Stift Heiligenkreuz bei Wien. Die Frühlingssonne wärmt den Klosterhof, noch nicht aber die 900 Jahre alte Basilika. Anders als in so vielen Mönchsgemeinschaften blüht hier das Klosterleben – mit über 80 Mönchen und einer Spiritualität, die sich in Treue zur Tradition bewusst der Modernität in Glaubens- und Moralfragen verweigert. Am 9. September 2007 war Papst Benedikt XVI. hier zu Gast – unterwegs nach Mariazell. Ihm ist die boomende Theologische Hochschule im Kloster gewidmet.

Ostermontag im Stift Heiligenkreuz bei Wien. Die Frühlingssonne wärmt den Klosterhof, noch nicht aber die 900 Jahre alte Basilika. Anders als in so vielen Mönchsgemeinschaften blüht hier das Klosterleben – mit über 80 Mönchen und einer Spiritualität, die sich in Treue zur Tradition bewusst der Modernität in Glaubens- und Moralfragen verweigert. Am 9. September 2007 war Papst Benedikt XVI. hier zu Gast – unterwegs nach Mariazell. Ihm ist die boomende Theologische Hochschule im Kloster gewidmet.

Und es ist Joseph Ratzingers langjähriger Sekretär, Erzbischof Gänswein, der am kommenden Samstag gleich vier „Heiligenkreuzer“ zu Priestern weihen wird – wo sonst ist eine so reiche geistliche „Ernte“ noch möglich! So verwundert es nicht, dass gerade der Abt des Stiftes und sein Forschungsdekan jetzt auch zu jenen gehören, die den „emeritierten Papst“ Benedikt und seine so umstrittene Analyse der kirchlichen Missbrauchskatastrophe gegen jede Kritik verteidigen. Doch der Widerstand gegen die jüngste Wortmeldung des 92-Jährigen ist inzwischen selbst unter Spitzentheologen enorm gewachsen – und hat den alten Verdacht von zwei in Stil und Substanz erheblich getrennten Päpsten verstörend neu genährt.

So erlebt die Kirche nun zusätzlich zum albtraumhaften Versagen in den Reihen ihres Personals auch noch das Drama einer ideologischen Spaltung.

FURCHE-Leser wissen es: Der Vorgänger von Papst Franziskus hat zuletzt mit einem weltweit verbreiteten Text eine Schuldverlagerung für die sexuellen Verbrechen von Priestern versucht: Wesentliche Auslöser dafür seien, so behauptet er, der „moralische Zusammenbruch“ und die Gottlosigkeit der „Achtundsechziger-Generation“ gewesen. Und: Mit ihr sei dann auch die Homosexualität in die Priesterseminare eingezogen.

Konträre Reaktionen

Ganz anders Franziskus: Selbstkritisch sieht er eine wesentliche Schuld in einem falschen Autoritätsanspruch des katholischen Klerus. Was auch Kardinal Schönborn in seinem wunderbaren TV-Gespräch mit einer vergewaltigten Nonne unterstreicht: Missbrauch sei etwa auf dem Macht-Ungleichgewicht durch eine fehlgeleitete „Sakralität“ der Priester gewachsen. Und durch das unselige Schweigen der Opfer erleichtert worden – um die Kirche zu schützen.

Die zahllosen Reaktionen auf Joseph Ratzingers Schrift sehen den einst großen Theologen jetzt entweder als „zutiefst fehlerhaften Gefangenen seiner Vorurteile“, der „mit seinem beschämenden Text in die Irre führt“. Oder aber als „ein Genie, das wie Regen in die Wüste fällt“ und das „intelligenter ist als alle Beiträge beim jüngsten Missbrauchsgipfel der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen“.

So erlebt die Kirche nun zusätzlich zum albtraumhaften Versagen in den Reihen ihres Personals auch noch das Drama einer ideologischen Spaltung. Dieser Dunkelheit entrinnen wird sie erst, wenn sie ohne Wenn und Aber zur eigenen Schuld steht, glaubwürdig an der Aufklärung und der Heilung verwundeter Seelen arbeitet – und mutig nach „Systemfehlern“ sucht.