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Digital In Arbeit

Randbemerkungen eines engagierten Christen

Der A utor ist Personalleiter eines Elektrokon-zerns und Mitarbeiter der Basisgemeinde der Kirche zur hl. Dreifaltigkeit in Wien-Mauer. kjeit etwa zwei Jahren ist im Gefolge einer guten Konjunktur das Thema Arbeitszeitverkürzung in seinen verschiedenen Varianten (Verlängerung des Urlaubes, Herabsetzung der Lebensarbeitszeit, Herabsetzung der wöchentlichen Arbeitszeit) wieder im Gespräch. Nachdem die alte Forderung des 8-Stunden-Tages längst übererfüllt ist (freier Samstag!) erhebt sich die Frage: warum eigentlich? Abgesehen von gesellschaftsutopischen Vorstellungen steht die Sorge dahinter, daß durch fortschreitende Automatisierung (Stichwort: Mikroprozessoren) bald eine Minderheit von sehr gut Verdienenden einem Heer von Arbeitslosengeldbeziehern gegenüberstehen könnte.

Nun sind die Hoffnungen, daß durch Arbeitszeitverkürzung mehr Arbeitskräfte eingestellt werden, auch bei Befürwortern gedämpft. Rationalisierungen sind notwendig und durch Lohnkostensteige-rungen rentabel geworden, höhere Arbeitsleistungen der Mitarbeiter oder einfach weniger Produktion verhindern oft Neueinstellungen.

Warum also Arbeitszeitverkürzung? Steht nicht doch die Uberzeugung dahinter, daß Arbeit Leid ist, Last, notwendiges Übel, damit man sich die angenehmen Seiten des Lebens leisten kann? Also die Gleichung Arbeitszeitverkürzung = mehr Glück.

Welche Bedeutung für das Glück des Menschen die Arbeit haben kann, hat erst kürzlich wieder Elisabeth Noelle-Neumann nachgewiesen. Welche Symptome auftreten, wenn Menschen keine Arbeit haben oder keine Erfüllung in der Arbeit finden, ist bekannt: Pensionsschock, Jugendkriminalität, psychosomatische Erkrankungen.

Sollten da nicht unsere Anstrengungen darauf gerichtet sein, daß die Arbeit für den Menschen sinnvoller wird und ihn mehr erfüllt als bisher?

Arbeitszeitverkürzungen erscheinen als Flucht vor dem Problem und suggerieren, die Erfüllung und das Glück seien in der Freizeit zu finden. Freilieh zeigen Untersuchungen, daß viele Menschen ebenso Angst vor der Freizeit haben, ”weil sie auch dort keine sinnvolle Tätigkeit finden.

Den Arbeitnehmern ist heute klar, daß jede zusätzliche Sozialleistung langfristig durch den Einsatz der eigenen Arbeitskraft wieder wettgemacht werden muß. Die gleiche Arbeit muß eben vielfach in kürzerer Arbeitszeit erledigt werden. Zwar gehen die körperlichen Belastungen durch den Einsatz von Maschinen zurück, die psychischen und geistigen steigen jedoch an.

Hinzu kommt, daß derartige Besserstellungen sich geradezu als Hinderungsgrund für die Lösung des eigentlichen Problems entpuppen, nämlich den Mitarbeitern eine sinnvollere und erfülltere Arbeit zu ermöglichen. Versuche, mit verschiedenen Formen der Arbeitsorganisation zu experimentieren (z. B. autonome Arbeitsgruppe) werden eingestellt oder nicht aufgenommen, weil sie teurer sind als die herkömmliche. Ob Menschen Freude an der Arbeit haben, läßt sich nur schwer erfassen. Erfolge lassen sich da nicht gut messen und parteipolitisch vermarkten.

Wieviel Herzinfarkte und Magenkrebserkrankungen diesen Erfolgsweg säumen, bleibt unerwähnt. Dafür wird ein immer steigender Prozentsatz des Bruttonationalpro-duktes für das „Gesundheitswesen” aufgewendet.

Wenn schon Arbeitszeitverkürzung, dann Verkürzung der Wochenarbeitszeit, damit eine längere tägliche Regenerationsmöglichkeit besteht, mehr Familienleben möglich wird - und nicht längerer Urlaub, der doch nicht zu finanzieren ist und nur zum Pfusch und zum Häuslbauen anregt!

Entscheidend aber ist die Einsicht, daß nicht unreflek-tiert ein Mehr an materiellem Wohlstand und Freizeit durchgesetzt werden sollen, weil beides nicht automatisch zu mehr Glück führt. Hingegen gibt es deutliche Anzeichen dafür, daß das Gegenteil bewirkt wird.

Entscheidend ist, daß ein er-füllteres Leben in der Arbeit gesucht werden kann und nicht einseitig außerhalb, daß der Mensch in der Arbeit mit seinen Talenten Wucher treiben und seinen Auftrag, sich die Welt Untertan zu machen, erfüllen muß und daß unsere knappen Mittel und unsere Anstrengungen auf dieses Ziel gerichtet sein müssen.

Freilich werden wir realistisch bleiben müssen und einsehen, daß ein Gutteil an Frustration und Mühe mit der Arbeit verbunden bleiben wird. Hier durch Liebe und Güte, Kameradschaft und Solidarität Milderung zu schaffen, wird Aufgabe besonders des Christen sein.

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