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Wie auf einer „Achterbahn” . ..

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Die Höhenflüge des Dollars und die Auswirkungen des amerikanischen „Wirtschaftswunders” machten noch etwas deutlich: Die Ökonomie hält sich nicht mehr an ihre Lehrbücher.

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Die Höhenflüge des Dollars und die Auswirkungen des amerikanischen „Wirtschaftswunders” machten noch etwas deutlich: Die Ökonomie hält sich nicht mehr an ihre Lehrbücher.

Als für einen US-Dollar vor einigen Jahren weniger als 13 Schilling zu bezahlen waren, sagten viele Hochmögende voraus, er werde bald um elf Schilling zu haben sein. Inzwischen ist er in eine von niemandem für möglich gehaltene Höhe von 23,5 Schilling und manchmal auch darüber - gestiegen. Immer wieder wird die Frage aufgeworfen, wie konnte es dazu kommen?

Für alle jene, die das Währungsgeschehen aus der Perspektive der Tagespolitik, wie sie sich in den Medien niederschlägt, verfolgen, ist es tatsächlich unfaßlich, daß die Währung eines Landes, dessen Handelsbilanzdefizit fast dreimal so groß ist wie das österreichische Nationalprodukt, steigt und steigt. Dem ist freilich entgegenzuhalten, daß die Wie-dererstarkung des amerikanischen Dollars seit vielen Jahren absehbar war. Nicht nur, oder nicht so sehr von der ökonomischen Seite, sondern von jenem Punkt des finanziellen Dreiecks aus, der Vertrauen heißt (neben Wirtschaftspolitik und Reserven). Ich habe dazu vor elf Jahren in einem Buch („Die D-Mark-Legende”) folgendes geschrieben:

„Version 1: Vertrauensum-schwung beim Dollar. Ausgangspunkt für die Version 1 ist die Befestigung des amerikanischen Vertrauens in den Dollar. Der Wiedergewinn des Vertrauens wurde längere Zeit durch die innenpolitischen Ereignisse (Watergate, Agnew-Rücktritt, Befürchtungen betreffend teilweise Einschränkung der Handlungsfähigkeit der Administration) verzögert. Kommt es zu einer weiteren politisch oder wirtschaftlich bedingten Stärkung des Vertrauens in den Dollar und/oder verfestigt sich die Erwartung, daß eine sechste deutsche Aufwertung unwahrscheinlich, d. h. vom Standpunkt der amerikanischen Exportinteressen unerreichbar ist, so könnte der Dollar bald wieder eine starke Währung in einer starken Phase sein.”

Es wäre freilich etwas zu vereinfacht, lediglich die Vertauens-komponente heranzuziehen. Mit-

Ronald Reagans Dollar-Philosophie bestimmend für einen relativ starken Dollar—und auch ein Dollar von 21 oder 22 Schilling ist ein starker Dollar — war die Wirtschaftspolitik der Vereinigten Staaten. In Kürze: Die Geldpolitik seit 1979 und die Steuerpolitik seit 1980; beide stabilitätsorien-tiert und unternehmerfreundlich, beide dazu beitragend, die Inflation von 14 auf vier Prozent herunterzudrücken und Millionen neuer Arbeitskräfte in den Arbeitsprozeß einzuschalten.

Schließlich haben auch noch andere Faktoren mitgewirkt, wie insbesondere die hohen amerikanischen Zinsen und die Gewinnerwartungen. Ein ehemaliger Funktionär der Schweizerischen Nationalbank stellte vor kurzem fest: „Die amerikanische Teuerung weicht kaum mehr von der schweizerischen ab.” Langfristige Anleihen bringen in der Schweiz rund fünf Prozent Zinsen, in den USA aber elf bis zwölf Prozent.

Was die Auswirkungen eines hohen Dollar-Kurses auf Europa anlangt, so gibt es erwünschte und unerwünschte. Zu den erwünschten Konsequenzen einer hohen Bewertung des Dollars zählt die

Exportseite. Österreich konnte seine Lieferungen in die USA im Jahre 1984 von 8,2 auf 12,9 Milliarden Schilling, also um 57 Prozent steigern. Soweit der amerikanische Markt europäische Produkte aufnimmt, sind die USA tatsächlich eine Lokomotive der Weltwirtschaft und haben einen Beitrag zur Ankurbelung der Produktion in allen Industrieländern geleistet.

Inflationsimport

Wo Licht ist, ist auch Schatten, und so gibt es auch weniger erwünschte Auswirkungen des hohen Dollar-Kurses. Dazu zählt der Umstand, daß die hohen amerikanischen Zinsen auch die europäischen Zinsen relativ hoch gehalten und am Sinken gehindert haben und der sogenannte Inflationsimport in Schwung kommt. Denn auch bei gleichbleibenden Dollar-Preisen steigen unsere Importpreise infolge des höheren Dollar-Kurses, so beispielsweise beim Erdöl, das auf den internationalen Märkten in Dollar gehandelt wird. Außerdem besteht die Gefahr einer Gewöhnung an den hohen Dollar und an „Exporterfolge”, die nicht wiederholbar sind, wenn der Devisenkurs um 20 Prozent fällt.

Vieles spricht dafür, daß der Dollar wieder billiger werden wird, aber niemand kann sagen, wann, unter welchen Begleitumständen und ausgelöst durch welche wirtschaftlichen oder politischen Konstellationsänderungen. Wenn in diesem Zusammenhang häufig von der Frage der „Uberbewertung” gesprochen wird, so muß man wohl oder übel darauf hinweisen, daß es im Gegensatz zu früher, also etwa zur Zeit des Goldstandards, schon seit Jahrzehnten keine einfachen oder auf nur wenige Parameter zurückzuführenden Maßstäbe für eine Währung im Vergleich zur anderen mehr gibt.

Fundamentale ökonomische Daten, zu denen verschiedene Preis- und Kaufkraft-Indizes und das Aussehen der Leistungsbilanz zählen, sind keineswegs mehr alleiniger Maßstab. Die Attraktivität eines großen Kapitalmarktes, sei es durch Zinsdifferenzen, sei es durch Gewinnerwartungen hervorgerufen, hat heute ein ähnliches Gewicht. Ganz zu schweigen von den psychologischen und politischen Einschätzungen hinsichtlich der „Stärke der USA”. Als vor zwanzig Jahren die ersten „Verteidigungslinien” im westlichen Währungssystem aufgezogen wurden, waren sechs Milliarden Dollar ein unübersteigbarer Wall. Heute werden ähnliche Größenordnungen mit dem Ausdruck „ein paar Notenbank-Milliarden” abgetan. In der realen Welt wie im Währungssystem hat sich Entscheidendes verändert; in Lehrbüchern kann man darüber aber (noch) nicht nachlesen.

Dr. Fritz Diwok ist Generalsekretär des Verbandes österreichischer Banken und Bankiers und Autor währungs- und kreditpolitischer Bücher.

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