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ZU WENIG SPARGESINNUNG

1945 1960 1980 2000 2020

Ob Waschmaschine, Kühlschrank, HiFi-Anlage oder Fernseher: Die heutigen Elektro-Geräte verbrauchen deutlich weniger Strom als jene aus den siebziger Jahren. Auch Herr und Frau Österreicher betrachten sich selbst in Umfragen gerne als Stromsparer.

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Ob Waschmaschine, Kühlschrank, HiFi-Anlage oder Fernseher: Die heutigen Elektro-Geräte verbrauchen deutlich weniger Strom als jene aus den siebziger Jahren. Auch Herr und Frau Österreicher betrachten sich selbst in Umfragen gerne als Stromsparer.

Warum ortet dann aber die Studie „Energiesparpotential elektrischer Haushaltsgeräte" der TU Graz (Saku-lin/Dell 1991) jährliche Einsparmöglichkeiten im Ausmaß von gigantischen 3.210 Gigawattstunden?

Diese potentielle Reduktion des Stromkonsums heimischer Haushaltsgeräte (mit Ausnahme von Primärenergie vergeudenden E-Heizungen) um 37 Prozent geht von einem Ersatz des Gerätebestandes durch die jeweils stromsparendsten Produkte auf dem Markt aus.

Selbst wenn nur die aktuellen Durchschnittsverbraucher an die Stelle älterer Geräte träten, ergäbe sich ein um 17 Prozent niedrigerer Verbrauch. Bis zum Jahr 2006 - so rechnet die Studie im Auftrag der heimischen E-Werke vor - realisiert sich die Hälfte des Sparpotentials durch Weiterentwicklung und Ersatz alter Produkte von selbst.

Doch technische Neuerung ist nicht immer gleich Fortschritt. Denn die Elektrogeräte-Herstellerbringen auch jede Menge Produkte auf den Markt, die die Einsparungen in anderen Bereichen wieder auffressen.

Stichwort „Stand-by": „Wären Sie nicht nervös, wenn Sie auf Urlaub fahren und eine lOOer-Birne brennen lassen?", fragt der stellvertretende Geschäftsführer des Vereins für Konsumenteninformation, Hannes Spitals-ky, rein rhetorisch. Ein paar Geräte in Bereitschaftsstellung verbrauchen ähnlich viel Strom, ohne daß der Normalverbraucher darüber erschrickt. „Ein Irrsinn!", kommentiert Spitals-ky die kleinen, aber immer zahlreicheren Dauerverbraucher.

Bei Fernsehern ist der Stromfluß zumeist am roten Lämpchen zu erkennen; bei manchen Geräten wird sogar ständig die Bildröhre aufgeheizt - für den Komfortgewinn eines Fernsehbildes, das ein paar Sekunden früher die Mattscheibe erhellt. Ältere Fernseher brauchen in Standby-Stel-lung noch zwanzig bis dreißig Watt.

Für allzeit bereite Geräte ohne Hauptschalter empfiehlt die Broschüre „Stromsparen im Haushalt", herausgegeben von der Arbeiterkammer, ein Anschlußkabel mit Schalter, etwa eine Mehrfach-Tischsteckdose. Damit können mehrere Geräte quasi auf Knopfdruck von der Stromzufuhr abgeschnitten werden - ohne ständiges Aus- und Anstecken.

Abgesehen von unzähligen elektrischen Kleingeräten, für die erst Bedürfnisse geweckt werden mußten -vom Dosenöffner bis zur Zitronenpresse - untergräbt die Propagierung von akkubetriebenen Haushaltshelfern das Stromsparziel.

Denn die jeweilige Ladestation hängt auch dann dauernd am Netz, wenn etwa der schnurlos mobile Mixer zwei Wochen nicht benötigt wird. Mit derlei Entwicklungen assoziiert Spi-talsky schlechten Wirkungsgrad und Entsorgungsprobleme am Lebensende des Akkus.

Wie die TU-Studie abschließend feststellt, kann die zweite Hälfte des

Stromsparpotentials bei Haushaltsgeräten nur durch aktives Eingreifen erreicht werden. Die recht unterschiedlichen Verbrauchsdaten der neuesten Modelle innerhalb einer Produktgruppe machen den Hinweis verständlich.

Die größten Stromfresser unter den Kühl- und Gefriergeräten etwa verbrauchen ein Mehrfaches vom Stromkonsum der effizienten Konkurrenzprodukte.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace fordert daher in einer Untersuchung unter dem Titel „Energieeffizienz: Standards für eine klimafreundliche Zukunft" (Höhne 1992) verbindliche und dynamische Höchstverbrauchs-Standards sowie eine verbesserte Kennzeichnung des Energieverbrauchs.

Seit den frühen achtziger Jahren muß zwar in Prospekten über die wesentlichen Elektrogeräte deren Verbrauch angegeben werden, zum entscheidenden Aspekt bei der Kaufentscheidung ist dieser Wert aber nicht avanciert. Da spielen Markenpräferenzen, Maße und Design nach wie vor eine große Rolle.

„Wenn ein Auto 15 Liter auf 100 Kilometer verbraucht, sagt jeder: ,Das ist viel.' Aber wenn ein Kühlschrank 0,7 Kilowattstunden pro 100 Liter Volumen verbraucht, können die meisten nichts damit anfangen", bringt Helmut Haberl (siehe auch Seite 14) das fehlende Kostenbewußtsein auf den Punkt. „Die Stromrechnung zahlt man wie irgendein Schicksal."

Haberl wünscht sich daher eine andere Kennzeichnung des Energieverbrauchs, die dem Laien eine Einstufung des angebotenen Modells ermöglicht. Auch im Wirtschaftsministerium werden Pläne über Vergleichstabellen zwecks effizienterer Kennzeichnung gewälzt. Bei den Höchstverbrauchswerten, die der Minister laut neuem Elektrotechnikgesetz verordnen kann, werde man „europäisch harmonisiert" vorgehen, heißt es.

Zurück zur Kaufentscheidung: In aller Regel rechnet sich ein Stromspargerät vom ersten Tag an. Bleibt die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für einen Geräte-Generationenwechsel. Was funktioniert, sollte nicht auf der Deponie landen, so die Meinung der Umweltexperten.

Schließlich kostet die Produktion eines Neugerätes ebenfalls Strom. Bei allfälligen Reparaturen entscheidet das Wissen um den Stromverbrauch des alten Gerätes.

Die Energieberater der Energie versorgungsunternehmen verleihen zu diesem Zweck Strommeßgeräte, die -zwischen Steckdose und Stecker geschaltet - Auskunft über Verbrauch und Kosten geben.

Ein Rundgang von Elektrogerät zu Elektrogerät im Haushalt samt Aufzeichnungen über deren laufende Kosten ist ein erster Schritt zu mehr Bewußtsein. Wenn der Konsument bei solchen Schritten aber alleine bleibt, bleibt das errechnete Stromsparpotential unausgeschöpft.

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