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"Wieder mehr Courage zum Streiten"

Für die Grünen verlief die Wahl enttäuschend. In der Krise und nach dem Wechsel an der Spitze der Grünen will Eva Glawischnig die Partei neu aufstellen, die Entfremdung zwischen Basis und Führung aufheben.

Sechs Jahre stand Eva Glawischnig als "Kronprinzessin" an der Seite von Alexander Van der Bellen, der nach verfehlten Wahlzielen die Führung der Partei an die 39-Jährige übergab. Nun muss sie sich noch der Wahl beim Bundeskongress stellen.

Die Furche: Frau Glawischnig, die Hofübergabe ist quasi erfolgt, heißt es nun vor allem eines: sich von Van der Bellen zu emanzipieren?

Eva Glawischnig: Van der Bellen hat Unschätzbares für die Grünen geleistet. Es ist ein großes Erbe, das ich antrete, sofern mich der Bundeskongress wählt. Aber ich sehe auch dringenden Reformbedarf in vielen Fragen. Es ist im Moment keine einfache Situation: Wir haben ein sehr enttäuschendes Wahlergebnis hinnehmen müssen, wir haben, was die Jugend betrifft, den Anschluss verloren, was mich sehr nachdenklich stimmt. Es gibt einen deutlichen Rechtsruck, der sich auch parlamentarisch zeigen wird. Daher heißt es, sich völlig neu aufzustellen.

Die Furche: Man hat den Eindruck, dass bei den Grünen nun etliche Funktionäre Tränen wegen Van der Bellens Abgang vergießen. Ihre Kür wird hingegen wenig euphorisch aufgenommen.

Glawischnig: Ich empfinde auch Wehmut. Es geht eine Ära zu Ende, es ist nicht nur ein Wechsel. Ich habe sehr großen Respekt vor dieser Aufgabe. Das wird sicher kein Spaziergang. Aber ich sehe neue Wege und Chancen. Es beginnt eine neue Legislaturperdiode, in der die Grünen bei Verfassungsmehrheiten mitgestalten können; so wie 1994/1995, das war eine fruchtbare Zeit für die Grünen.

Die Furche: Kritiker, allen voran Johannes Voggenhuber, meinen, dass Sie nicht für einen Neubeginn stehen, da Sie mitgetragen haben, wofür Van der Bellen stand.

Glawischnig: Ich verstehe diese Kritik natürlich. Die letzten Jahre waren sehr erfolgreich für die Grünen. Da habe ich sicher einen Teil dafür geleistet, genauso wie ich für die Fehler Verantwortung mittrage. Eine Partei in eine bestimmte Richtung zu bewegen, das ist immer ein großer Prozess. Aber es gibt auf jeden Fall eine Entfremdung zwischen Basis und Führungsgremien. Der Dialog ist sicher verbesserungswürdig, und das möchte ich wieder verstärkt angehen.

Die Furche: Warum erst jetzt?

Glawischnig: Gewisse Schritte haben wir schon begonnen, zum Beispiel in Hinblick auf die Organisation der Partei oder auf eine Verjüngung. Es werden bald einige neue Abgeordnete ins Parlament einziehen. Was die Verteilungsgerechtigkeit betrifft, haben wir sehr gute Basisbeschlüsse gefasst. Wir konnten sie aber nicht in den Wahlkampf einbringen. Das ist auch meine Analyse: Wir hatten die richtigen Themen und für viele Probleme die richtigen Lösungen. Aber es ist uns offenkundig nicht gelungen, die Betroffenen zu erreichen.

Die Furche: Wurden auch Fehler gemacht? War etwa das Eintreten für radikale Tierschützer wie Martin Balluch richtig?

Glawischnig: Es kann sein, dass sich das negativ ausgewirkt hat. Aber ich komme selbst aus einer NGO und weiß, wie es den Lebensnerv der Zivilgesellschaft treffen kann, wenn man in Freiheitsrechten bedroht ist. Inhaltlich war es also eine richtige Entscheidung. Es braucht mehr Menschen, die Unbequemes aussprechen.

Die Furche: Fürchten Sie nun wieder mehr Grabenkämpfe zwischen "Realos" und "Fundis"?

Glawischnig: Wir sollten uns nicht vor negativen Schlagzeilen fürchten. Wir sollten mehr Mut, auch zum Streiten haben. Ich freue mich sogar über heftige Diskussionen, solange sie nicht persönlich werden.

Die Furche: Apropos persönlich: Nerven Sie die ständigen Anspielungen auf Ihr Aussehen und Outfit?

Glawischnig: Ja, natürlich. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Würde ich in eine Disco gehen und einem jungen Mann ein Autogramm auf den nackten Oberkörper geben, wäre das undenkbar. Offensichtlich ist der Grat, auf dem sich Frauen in der Politik bewegen müssen, sehr schmal.

Die Furche: Werden Sie in dieser Hinsicht nun vorsichtiger sein?

Glawischnig: Einer meiner Grundsätze ist, dass Frauen mehr dürfen sollten und sich nicht ständig rechtfertigen müssen. Mir ist schon bewusst, dass ich damit selbst immer wieder an Grenzen stoße. Diese Frage, was man als Politikerin darf, nervt mich manchmal.

Die Furche: Welche Rolle wird Van der Bellen nun spielen, jene von Wolfgang Schüssel in der ÖVP?

Glawischnig: Man kann die beiden nicht miteinander vergleichen. Van der Bellen ist eine konstruktive Kraft, Schüssel sehe ich hingegen als Zerstörer: Die ÖVP ist wieder auf dem Niveau von 1999, die SPÖ wurde mitgerissen, das rechte Lager ist stärker als 1999. Van der Bellen hat hingegen aufgebaut. Natürlich muss ich mir selber meine Wege suchen, es wird sich auch im Team einiges ändern, um die Schienen für die Zukunft legen zu können.

Das Gespräch führte Regine Bogensberger

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