Das Fest der Freiheit

1945 1960 1980 2000 2020

Seit alters her erzählen die Juden beim Pesach-Fest von den Taten Gottes. Sie erinnern so an sein Versprechen, eine olam chessed, eine Welt der Liebe, zu bauen.

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Seit alters her erzählen die Juden beim Pesach-Fest von den Taten Gottes. Sie erinnern so an sein Versprechen, eine olam chessed, eine Welt der Liebe, zu bauen.

Die Bibel ist ein religiöses Buch in doppeltem Sinn: Es hält die Erfahrungen zwischen Gott und Mensch fest, insbesondere das Verhältnis des Gottes Israels zu seinem Volk. Gleichzeitig beschreibt es, wie dieses Verhältnis in einer bestimmten Epoche der Geschichte verstanden wurde. Die Kreatur in der Suche nach und in der Antwort auf den Schöpfer; der Schöpfer in der Suche nach und in der Antwort auf seine Kreatur: Dies sind die ewig wiederkehrenden Themen der Bibel. Die Worte und Namen, die für diese Erfahrung gewählt werden, sind aber nie identisch mit der Erfahrung selbst. Die Erfahrungen an sich bleiben stumm aus Ehrfurcht vor der Begegnung mit Gott.

Der Text der Bibel ist nicht ohnmächtig gegenüber dieser Begegnung, jedoch wählt der Schreiber bewusst und absichtsvoll diesen Weg. Er gestaltet mit der Schrift eine Art Leiter zwischen Mensch und Gott und weiß dabei, dass es eben nicht die Stufen dieser Leiter sind, die das Auf und Ab bestimmen und ermöglichen. Es sind die Abstände zwischen diesen Stufen, die den Weg bestimmen, ihm gleichsam im Schweigen eine Stimme geben. Jede Begegnung mit einem religiösen Text muss diese Gleichzeitigkeit von Nähe und Ferne, das Anwesende und Abwesende, die Fülle und die Leere miteinbeziehen.

Zwischen den Zeilen lesen Das Bild der Jakobsleiter im Buch Genesis (Gen 28) verdeutlicht dies: In einem Traum sieht Jakob eine Treppe zwischen Himmel und Erde, auf der Engel auf- und niedersteigen. Will man - anhand dieses biblischen Bildes - das Verhältnis zum konkreten Text und zu den religiösen Erfahrungen verstehen, so heißt das: Die Leerstellen zwischen den Stufen der Jakobsleiter müssen entdeckt werden. Oder, in der Sprache einer alten jüdischen Redeweise, "Die Tora wurde geschrieben schwarzes Feuer auf weißes Feuer": Das schwarze Feuer sind die Buchstaben der Tora, die es uns ermöglichen, sie zu lesen - sie sind aber zugleich nur Rahmen für die ausfüllenden Zwischenräume.

In der jüdischen Tradition geht es aber nicht nur darum, die Leere im Text mit einer Lehre zu füllen, sondern auch darum, der "Zwischenzeit" zwischen Schöpfung und Erlösung als geschichtliche Wirklichkeit inhaltlich eine Bedeutung zu geben. Die Heilige Schrift wurde aufgeschrieben und jede Rolle und jeder Satz, ja jeder Buchstabe sorgfältig darin eingebettet. Wie wir im Buch Deuteronomium lesen, war die Bibel für das jüdische Volk "das Erbe der Gemeinde Jakobs" (Dtn 33,4). Die Heilige Schrift als Erbe zu begreifen heißt, die Gemeinde als ein Glied in der Kette der Tradition zu sehen.

Wer nichts zu erzählen hat, bleibt ewig Sklave Die Pesach-Haggada, die Erzählung vom Auszug Israels aus Ägypten, ist das klassische Beispiel dafür, wie in der jüdischen Tradition jeder Einzelne durch die Tatsache des Erzählens in diesen Prozess eingebunden ist. Die Erzählung der historischen Ereignisse rückt die Vergangenheit in die Gegenwart und gewinnt dadurch eine Bedeutung für die Zukunft. Das bedeutet zweierlei: Einerseits wird die Gegenwart mit der Vergangenheit verbunden und so als eine wirkliche Erfahrung erlebt, und andererseits wird die Gegenwart als Ewigkeit erlebt, die in jedem Augenblick wieder Gegenwart des Erzählers werden kann.

In der Pesach-Haggada, die in jeder jüdischen Familie beim Sederabend des Pesachfestes vorgetragen wird, heißt es: "Einst waren wir Sklaven des Pharaos in Ägypten, aber der Ewige, unser Gott, führte uns von da heraus mit starker Hand und ausgestrecktem Arm. Hätte der Heilige, gelobt sei Er, unsere Väter nicht aus Ägypten geführt, so wären wir, unsere Kinder und Kindeskinder für ewig Sklaven Pharaos in Ägypten geblieben. Und sogar wenn wir alle Weise sind, alle vernünftig und alle erfahren, alle Kenner der Tora, haben wir dennoch die Aufgabe, die Geschichte im Auszug aus Ägypten zu erzählen. Und wer am meisten davon zu erzählen hat, ist lobenswert."

Erst durch die Erzählung vom Auszug aus Ägypten - genauer: durch die Erzählung der persönlichen Erfahrung des Auszugs - wird man erlöst. Es geht eben nicht um die historische Tatsache der Erlösung aus Ägypten, sondern um die Zeugenschaft einer jeden Generation, die - obwohl weise, obwohl vernünftig und erfahren, obwohl Kennerin der Tora - dennoch die Pflicht hat, die Erfahrung des Auszugs in ihrer Zeit zu erzählen, um so der nächsten Generation eine reale Erfahrung der Befreiung zu ermöglichen. Hier handelt es sich eben nicht um die Erinnerung an den Auszug der Ahnen, sondern um die eigene Erfahrung des Auszugs - wer nichts zu erzählen hat, ist für immer und ewig Sklave beim Pharao in Ägypten. In dieser Art und Weise gewinnt die gesamte Geschichte des Volkes Israels im Geschehen einer jeden Zeit eine symbolische Bedeutung für die Zukunft.

Die Fesseln der Zeit werden gebrochen durch die Erzählung des Einzelnen der sich selbst im kollektiven Gedächtnis des Volkes einschreibt, im Zeitbruch seine Identität gewinnt, wo Geschichte und Biographie sich kreuzen. Die Erzählung ermöglicht eine Begegnung mit der Heiligen Schrift, die sich jeder Systematik und jedem Dogma entzieht, und die sich immer wieder an den Einzelnen orientieren muss.

Der Mensch entscheidet sich frei, mit Gott in die Wüste zu ziehen Das Erlebnis vom Auszug aus Ägypten als reale Gegenwart ermöglicht eine Erfahrung der Befreiung, die dem Menschen einen Halt in der Zwischenzeit gibt, jenseits einer im Vorhinein festgelegten Interpretation. Das hebräische Wort chessed, tätige Liebe zwischen Mensch und Gott, steht hier im Mittelpunkt. Es ist einerseits Gott, der das Volk aus seiner Not erlöst, aber es ist auch das Volk, welches bereit ist, mit Gott in die Wüste zu ziehen "... in ein Land, dass nicht gesät ist" (Jer 2). Tätige Liebe lässt sich nicht aus dem Gesetz ab- oder herleiten, sondern bedarf der freien Entscheidung des Menschen als Vorbedingung und ist deshalb durch den Menschen als frei wählendes Individuum bedingt. Diese Freiheit hebt die Tat des Menschen auf eine höhere Ebene, die den Bund mit Gott immer aufs Neue bestätigt.

Die Befreiung aus dem Sklavenhaus Ägyptens erinnert an die Tatsache dieser Freiheit als Grundbedingung dafür, dass Gott am Berg Sinai das Gesetz, die Tora, übergab. Und auch heute gilt, dass jeder Einzelne als freier Mensch die Verantwortung für sich als Individuum vor Gott und vor dem anderen auf sich nimmt.

Und so sagen Juden jedes Jahr am Sederabend "In allen Zeitaltern ist jeder verpflichtet, sich zu betrachten, als ob er gleichsam selbst aus Ägypten gegangen wäre, denn so sagt die Schrift: ,Du sollst deinem Sohne an jenem Tage erzählen und sagen: Um dessentwillen, was der Ewige mir getan hat, als ich aus Ägypten ging.' Nicht unsere Väter nur hat der Heilige, gelobt sei Er, erlöst, sondern auch uns mit ihnen, denn so sagt die Schrift: ,Und uns hat er von da weggeführt, um uns hierher zu bringen und um uns das Land zu geben, das er unseren Vätern zugeschworen hat."

Durch seine Erzählung spricht der Mensch das Versprechen Gottes an, eine olam chessed, eine Welt der Liebe, zu bauen, wie es im Psalm 89,3 heißt, in der Pesach, das Fest der Freiheit, im Heute aufgehoben ist.

Die Autorin ist Rabbinerin der liberalen jüdischen Gemeinde Or Chadasch in Wien.

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