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Ein Plädoyer für die Heiligkeit

"Bereits seit Jahren wiederholt Franziskus die These, dass der Gnostizismus und Neo-Pelagianismus den authentischen Glauben in der Welt des 21. Jahrhunderts gefährden."

Zum fünften Jahrestag seiner Amtseinführung am 19. März unterzeichnete Papst Franziskus sein drittes Apostolisches Schreiben. Da es sich bei "Gaudete et exsultate" weder um ein politisches Manifest noch um eine Vision der Kirchenreform handelt, wird dessen Rezeption weniger spektakulär ausfallen, als dies bei den bisherigen Exhortationen der Fall war. Es bringt im Grunde auch keine neuen Inhalte und auch kaum neue schlagzeilengerechte Formulierungen. Also alles vertraut! Warum dann die Mühe eines "Apostolischen Lehrschreibens"? Will der Papst mit dieser Initiative etwa von der nicht gelungenen Kurienreform ablenken? Wohl kaum. Wie der Untertitel deutlich anzeigt, soll dieser lehramtliche Text zur Heiligkeit aufrufen, sich also dem wohl zentralen Geschäft der Kirche widmen.

Auf welche Weise kann aber der Papst zur Heiligkeit motivieren? Durch bloße Appelle an den guten Willen der Gläubigen? Durch den erhobenen Zeigefinger, der vor dem Teufel und der ewigen Verdammnis warnt? Durch theologisch-systematische Überlegungen? Durch Präsentation von Lebensgeschichten, die man als heiligmäßig beurteilt? Durch das Lob des gnädigen Gottes, der es vermag, auf den krummen Zeilen gerade zu schreiben? Auf inhaltlicher Ebene des Dokumentes findet man Ansätze all dieser Aspekte. Deswegen ist auch eine Zusammenfassung einzelner Aussagen kaum zu leisten. Sucht man aber nach einem -den synkretistischen und von Zitaten nur so triefenden Grundduktus der Überlegungen begleitenden -Kontrapunkt, der ja das Ganze erst zu einer Melodie macht, so wird man ihn finden, wenn man den Text auch als eine Art Selbstvergewisserung des Autors liest. Das "schlagende Herz" des Schreibens wird eigentlich erst im letzten Kapitel über den Kampf und die Unterscheidung der Geister deutlich spürbar: "Wenn wir vor Gott die Wege des Lebens prüfen, gibt es keine Räume, die ausgeschlossen bleiben."

Der inzwischen alt gewordene Mann, der seit fünf Jahren mit atemberaubender (und überraschenderweise kaum atemraubender) Energie den Dienst des Bischofs von Rom tut, gibt sich zu seinem Jubiläum auch Rechenschaft über die Quellen und den Vollzug seines eigenen Glaubens, seiner Hoffnung, damit auch seiner eigenen Berufung zur Heiligkeit. Das "bescheidene Ziel" des Autors, den Ruf "zum Klingen zu bringen", legt es notwendigerweise nahe, diese subjektive Perspektive - gerade der Glaubwürdigkeit wegen -nicht außer Acht zu lassen. Auch er will ja noch "weiter wachsen". Und dort, wo er "die größten Schwierigkeiten" erfährt, diese "mehr Gott übergeben". Daher glaube ich, dass mit diesem Schreiben der Papst auch Jorge Mario Bergoglio zuruft: Gaude et exsulta!

Freuen darf sich nämlich Bergoglio, weil sein ganzes Leben im Dienste einer kreativen Aushöhlung des neuscholastischen Zwei-Stockwerke-Modells stand. Dieses hatte den Dienst an der Welt und auch das Erleben dessen, was Weltlichkeit sei, vom Gottesdienst und von der Gnade getrennt, indem es diese in die "Sakristei" verbannte. Es sei aber nicht gesund, bloß "das Gebet zu suchen und den Dienst zu verachten".

Der letzte Wille von Großmutter Rosa

Christlich verstandene Heiligkeit sucht "Kontemplation inmitten des Handelns zu leben". Als heranwachsender junger Mensch war Bergoglio von seiner Großmutter Rosa fasziniert. Bis heute bewahrt er den "letzten Willen" seiner Oma in seinem Brevier, den er als Gebet des Öfteren liest. Er nahm dankbar die Lebenshaltung seiner Eltern und der vielen Menschen in seiner Umgebung wahr, die mit Gottvertrauen ums Überleben kämpften. Das waren die Heiligen "von nebenan". Nun räumt er ihnen einen Platz ein in einem lehramtlichen Schreiben, indem er solche Lebensgeschichten im Zitat seines Lieblingsschriftstellers Joseph Malègue verdichtet und von der "Mittelschicht der Heiligkeit" spricht.

Solche Heiligkeit "wächst und wächst durch kleine Gesten". Und sie kennt "Fehler und Schwächen". Gerade solche Menschen vermögen es aber, "das leidende Fleisch Christi in den anderen zu berühren". Deswegen stellt für den Papst ihr Zeugnis, nicht aber theoretische Spekulation und schon gar nicht das kirchenrechtlich abgesicherte Kompendium von Normen den logisch-biografischen Zugang zur Frage der Heiligkeit dar. Vermutlich haben auch solche Erfahrungen sein Koordinatennetz der den Glauben bedrohenden Häresien beeinflusst.

Bereits seit Jahren wiederholt er die These, dass der Gnostizismus (der ja den Glauben auf das Wissen zu reduzieren sucht) und Neo-Pelagianismus (der eine ethische Reduktion der Gnade vornimmt) den authentischen Glauben in der Welt des 21. Jahrhunderts gefährden. Man wird Franziskus' Weltbild nicht gerecht, wenn man darauf insistiert, dass darin kirchenpolitische Urteile versteckt sind, die das neopelagianische Etikett den Konservativen, das gnostizierende den Liberalen aufkleben.

Zum einen sieht Franziskus in der Sucht der Aburteilungen eines der größten Hindernisse der Heiligkeit. Deswegen hält er sich (gerade als Papst) mit den Beurteilungen der Katholizität von Positionen und Strömungen fast bis zur Schmerzgrenze zurück, versteht diese Zurückhaltung gar als "Einübung in die Geduld Gottes und in seine Zeitmaßstäbe". Zum anderen aber zeigen seine Begriffe kaum analytische Schärfe. Sie warnen auf der einen Seite vor der "Verabsolutierung eigener Theorien", die dann nicht nur "die Lehre Jesu auf eine kalte und harte Logik" reduzieren, sondern im Namen dieser Logik auch Gott die Orte seiner Gegenwart geradezu vorschreiben.

Auf der anderen Seite verführen sie zur Geschäftigkeit in Sachen Kirchlichkeit und verwandeln die Glaubensgemeinschaft zu einem Verein der Frömmigkeit. Um dem vorzubeugen, ist dem Heiligen der dauernde Rückbezug auf den Heiligen Geist notwendig. Aber auch das Gebet. Gerade "Gebet und Anbetung" sprengen "die verschlossene Immanenz dieser Welt". So falsch die neopelagianische Werkerei in Sachen Kirchlichkeit sei, genauso falsch bleibt auch die Reduktion des Christentums zu "einer Art NGO". Von der Diffamierung des sozialen Einsatzes für die anderen schon ganz zu schweigen! Deswegen sieht der Papst es als seine "Pflicht, die Christen zu bitten", die Aufforderungen Jesu aus der Gerichtsrede vom Matthäusevangelium "anzunehmen und zu empfangen, und zwar 'sine glosssa', das heißt, ohne Kommentar, ohne Ausflüchte und Ausreden, die ihnen Kraft entziehen". An einer derart verstandenen Konsequenz richtet er selber auch sein Pontifikat aus. Und dies nicht nur im Kontext seines Engagements in der Flüchtlingsfrage.

Kein Hinweis auf den heiligen Schächer

Am Rande seien noch zwei Beobachtungen und eine kritische Bemerkung angefügt: Befreiend wirkt die Abwesenheit jeglicher sexualneurotischer Verengungen der Heiligkeitsideale, befremdend das Ausbleiben der Hinweise auf jene kanonisierten Heiligen der Gegenwart, die im Widerstand gegen ungerechte politische Systeme ihr Leben verloren haben, wie etwa Oscar Romero oder Jerzy Popieluszko. Der Dogmatiker vermisst auch den Hinweis auf jenen Heiligen, den Jesus selber am Kreuz heiligsprach. Der Schächer bleibt das beste Beispiel einer geschenkten Heiligkeit -einer Heiligkeit, die jeglichen Pelagianismus in die Schranken weist.

Der kritische Hinweis hat einen tieferen Grund. Die Aushöhlung des Zwei-Stockwerke-Modells in Sachen Heiligkeit wäre halt noch konsequenter durchgeführt, wenn das dritte Kapitel über die Seligpreisungen nicht nur durch die Gerichtsrede Jesu ergänzt bliebe, sondern mit einer Reflexion der auf diese Rede folgenden Kreuzigung enden würde. Dies schon deswegen, weil die aus der Gerichtsrede abgeleiteten Imperative zur Profilierung der Heiligkeit im Dienste an den Nächsten wiederum zu einer -wenn auch links gerichteten -"neopelagianischen" Haltung verführen können. Im Geheimnis des Kreuzes wird aber der Richter selber dem Gericht unterworfen. Durch seinen Tod sind deswegen auch die Maßstäbe des Letzten Gerichtes noch einmal transformiert. Und genau das wird in der Heiligsprechung des Schächers deutlich.

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