S2 Fotomontage - © Fotomontage: Rainer Messerklinger (unter Verwendung von Bildern von iStock/VTT Studio bzw GettyImages / Universal Images Group / Universal History Archive)

GOTT. Ein Überlebender

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Mit der Krise der Kirchen scheint vielfach auch der personale christliche Gott in der Bedeutungslosigkeit versunken zu sein. Ist er nur noch ein historisches Artefakt?

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Mit der Krise der Kirchen scheint vielfach auch der personale christliche Gott in der Bedeutungslosigkeit versunken zu sein. Ist er nur noch ein historisches Artefakt?

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„Gott sei Dank“, „Um Gottes willen“: Diese Redewendungen hört man in Österreich quer durch alle weltanschaulichen Lager und regelmäßig in privaten wie politischen Diskursen auch von Personen, die sich offen als Atheisten oder Agnostiker deklarieren. Ist Gott ein survival im Sinn der Theorie von Edward Burnett Tylor, einem der Gründerväter der Religionswissenschaft? Survivals, also wörtlich „Überlebende“, im Deutschen meist mit „Überbleibsel“ wiedergegeben, sind Vorstellungen und Praktiken aus früheren Kulturstufen, die zwar noch vorhanden sind, deren ursprüngliche Bedeutung aber längst vergessen ist. Das klassische Beispiel Tylors ist die beim Gähnen vor den Mund gehaltene Hand: Einst Schutz gegen das Eindringen böser Geister, ist die Geste heute bloße Höflichkeitsform.

Verhält es sich womöglich auch mit Gott so? Ein Artefakt der Umgangssprache, so sehr seiner religiösen Bedeutung entkleidet, dass seine Existenz gar nicht mehr weiter auffällt?

Viele Theologinnen und Religionswissenschaftler würden mir heftig widersprechen: Religion wandelt sich nur, heißt heute oftmals Spiritualität, aber das Bedürfnis danach lässt sich doch in allen möglichen Studien, in TikTok-Videos und auf Aushängen im Supermarkt ablesen. Das stimmt, was die Religion betrifft. Gott, wie ihn die christliche Theologie über viele Jahrhunderte definiert und wie Christen und Christinnen ihn geglaubt haben, ist aber etwas anderes. Der personale Gott, das so sprachgewaltig von Augustinus bis Buber ausbuchstabierte Du, das zugleich allmächtiger Schöpfer und Ziel allen Daseins ist – das ist ein Minderheitenprogramm. Hieß es vor zwei, drei Jahrzehnten noch „Gott ja, Kirche nein“, lautet heute das Motto der meisten Menschen in unseren deutschsprachigen Breiten „Spiritualität ja, Gott nein“.

Ein historisches Artefakt

Braucht Gott die Institution Kirche, um in den Köpfen und Herzen der Menschen eine relevante Größe zu bleiben? Oder, noch schärfer formuliert: Haben die Menschen an Gott geglaubt, weil die Kirche sie dazu gezwungen hat? Ist er mit dem Aussterben jener einer Umbruchsgeneration, die sich zwar von der Kirche, aber nicht von dem ihr dort eingebläuten Gottesbild lösen konnte, auch in die Bedeutungslosigkeit verschwunden?

Faktum ist: In der Generation meiner Studierenden, junger Menschen zwischen 18 und 27 Jahren, gibt es eine kleine Gruppe von sehr stark kirchlich geprägten Personen, die ihren Gott in einer von charismatischen Erneuerungsbewegungen geprägten Sprache oft und gerne im Mund führen. Die überwiegende Mehrzahl der Generation Z sieht im christlichen Gott aber tatsächlich eine Art historisches Artefakt, dem sie sich in einer Lehrveranstaltung einmal neugierig annähert, von dem sie nicht so genau weiß, ob es ihn jetzt seit dem Alten oder erst im Neuen Testament gibt, der in der Generation ihrer Großmutter noch für schlimme Dinge verantwortlich war und jetzt ein harmloser alter Mann ist, der in Unterhaltungsfilmen und Werbespots gute Ratschläge gibt. Die visuellen survivals Gottes sind zahlreicher als jene der (deutschen) Sprache.

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