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Die Stadt erfahren

Einst war ich Pionier bei der Erringung des öffentlichen Raumes. Heute ist Radfahren in Wien keine Außenseitersache mehr. Bekenntnisse und Ausblicke eines Radlers aus Obsession.

Es war 1977/78, als ich, seit einigen Monaten in Wien studierend, das Fahrrad für die Stadt entdeckte. Zugeben, unsereiner gerät gern ins Reminiszieren; und die alten Zeiten waren vieles, aber vor allem: gut. In Radfahrdingen konnte dennoch von einem Goldenen Zeitalter keine Rede sein. Im Gegenteil: Damals wurden gerade die letzten Radverkehrsflächen, die an die Notzeiten der 40er- und 50er-Jahre gemahnten, rückgebaut. Nur noch am Höchstädtplatz im 20. Bezirk existierte ein vorsintflutlicher Radweg - aber dort befand sich damals auch das Hauptquartier der KPÖ. Und bei diesem Zentrum des Proletarismus hatte ein proletarisches Fortbewegungsmittel wie das Fahrrad noch durchaus seine Berechtigung.

Aber sonst irgendwo in der Stadt bedeutete Fahrradfahren das zähe Unterfangen, dem ausufernden Autoverkehr ein wenig Raum abzuringen. Wenn also schon "gute alte Zeit“, dann verklärt die Erinnerung die eigene Rolle als Radfahrer als die eines Pioniers: Die wenigen Studenten, die sich da durch die Straßen wagten, waren im Wortsinn Vorreiter. Wen es je etwa nach Amsterdam verschlagen hatte, der wusste, dass es ganz anderen Umgang mit dem öffentlichen Raum geben konnte - was die Möglichkeiten für Radfahrer betraf. Aber jung und unbedarft, wie man einmal war, ließ man sich nicht entmutigen - und im Laufe der Jahre wurde aus dem Pionierdasein so etwas wie das normale Leben eines Verkehrsteilnehmers.

35 Jahre später, in denen mehrere "grüne“ Wellen das öffentliche Bewusstsein geprägt haben, ist das Fahrrad auch in Wien längst mehr als eine Außenseitersache. Was sich heute an Radwegen und -routen durch die Stadt schlängelt, hätte der Student anno 1977 nicht einmal zu träumen gewagt. Minderheit sind wir "Berufsradler“ ja immer noch, aber von der Politik zunehmend wahrgenommen - und in letzter Zeit im Verein mit manchem Kleinformat auch bekämpft.

Warum tue ich mir das an?

Eine Ausnahme unter den urbanen Fortbewegern bin ich trotzdem weiter geblieben; denn zu der Spezies, die mehr oder weniger alle Wege in der Stadt per Fahrrad zurücklegt, gehören immer noch wenige Zeitgenossen. Rad fahren stellt ja nicht immer eine angenehme Fortbewegungsart dar. Bei Regen, vom Winter gar nicht zu reden, mag es eine Herausforderung sein. Doch auch im zunehmend reiferen Lebensalter ist das kein Argument, den Drahtesel nicht zu nutzen.

Warum tue ich mir das an? Um die Stadt zu erfahren, muss man sie erfahren: Mit solcher Sentenz ließe sich die Obsession des Radfahrens sicher ausschmückend charakterisieren.

Und es ist etwas dran, dass man auch im unterirdisch oder oberirdisch geleiteten öffentlichen Verkehr die Stadt nicht so mitbekommt wie beim Radfahren. Man kann sie natürlich auch ergehen (und einige Leute machen das auch). Aber wenn es ums "Erfahren“ geht, dann ist das Fahrrad zweifellos das Mittel der Wahl.

Ich gestehe allerdings ein, dass es dabei nicht bloß um hehre Motive geht. Auch das Radfahren ist nicht L’art pour l’art. Ich bin, gebe ich zähneknirschend zu, kein Radfahrer aus philosophischer Muße oder gar aus bukolischem Antrieb, sondern: Ich radle aus purem Eigennutz.

Man braucht sich nichts vorzumachen: Auch wenn es den Anschein hat, dass das Radfahren Ausdruck einer entschleunigten Lebensweise ist, so gilt zumindest für die normalen Entfernungen in der Großstadt: Radfahren ist die schnellste (und auch effektivste) Art der Fortbewegung. Wenn man nicht gerade von einer U-Bahnstation zur anderen oder von Stadtrand zu Stadtrand unterwegs ist, dann wird schnell klar: Sowohl die öffentlichen Verkehrsmittel als auch das Auto werden vom Fahrrad geschlagen, was die Schnelligkeit betrifft. Und - um allfälligen Mutmaßern, hier spräche ein besonders perfider Fahrradraser, den Wind aus den Segeln zu nehmen: Nein, es ist nicht allzu forsches und Fußgänger gefährdendes Radfahren gemeint. Die etwa sechs Kilometer von der Wohnung ins Büro lege ich mit dem Fahrrad dennoch schneller zurück als mit irgendeinem anderen Verkehrsmittel.

Schnell, gesund - und politisch korrekt

Ein zweiter Aspekt mit Eigennutz ist die Bewegung, zu der mich das Radfahren zwingt: Ein Angehöriger eines weitgehend sitzenden Berufs in den Fünfzigern mit Familie - wie kann er das Bewegungsziel erreichen, das ihm wohlmeinende Ärzte dringend ans Herz legen? So etwa eine dreiviertel Stunde am Tag Bewegung ist ein schwierigeres Unterfangen, als es auf den ersten Blick scheint. Als Radfahrer erfülle ich jedoch locker die ärztlichen Vorgaben. Die Behandlung der gesundheitlichen Kalamitäten, die sich im Laufe der Jahre summieren, wird so ungemein erleichtert.

Der Eigennützige darf sich dann zusätzlich auch seiner Sozialverträglichkeit rühmen: Ja, Rad fahren ist umweltfreundlich, verstellt keine Parkplätze, verpestet keine Luft und hinterlässt auch weder Ozon- noch Feinstaubbelastung. Wenn also das für einen selbst Nützliche mit einem gesellschaftlichen Benefit verbunden werden kann: Wer sollte da den Anschluss zum Radlertum versäumen wollen?

Man muss sich heute sich nicht mehr als Pionier fühlen, wenn man sich in einer Stadt wie Wien aufs Fahrrad schwingt. Doch die Radverkehrsprobleme sind dennoch längst nicht gelöst. Dabei ist gar nicht gemeint, dass tatsächlich oder vermeintlich (wer hat das seriös untersucht?) das verkehrsauffällige Verhalten von Radlern zunimmt. Keine Frage, mit der Intensität des Radverkehrs steigt auch die Zahl der verhaltensoriginellen Radbenutzer. Dass es sich dabei aber weiter um eine kleine Minderheit handelt, wird in den subjektiven Ärger-Erlebnissen nicht in Rechnung gestellt. Auch der korrekt fahrende Radfahrer könnte im Gegenzug berichten, dass er bei seiner letzten Fahrt über den Gürtel-Radweg gleich zweimal von zu schnell fahrenden, abbiegenden Autos beinahe "abgeschossen“ worden wäre …

Wie sich die Mentalitäten gleichen

Außerdem kommt gerade beim Verkehr die Mentalitätsfrage ins Spiel: Wie es - trotz spürbarer Besserung - immer noch genug Hundebesitzern gibt, die die Trümmerl ihrer Lieben nicht entsorgen, und unter den Fußgängern solche, für die weder eine Ampel noch ein Radweg irgendeine Bedeutung hat, sowie Autofahrer, denen ein 30-km/h-Schild als dekoratives, aber keinesfalls zu befolgendes Verkehrszeichen gilt, so findet man auch Radfahrer, die sich nicht an Regeln halten können. Die Herausforderung - nicht nur für die Politik - wäre, an der Mentalität, die dahinter steht, zu arbeiten.

Vielleicht könnten dann noch, so die Vision des Berufsradlers in der Stadt, auch die urbanen Radverkehrsplaner einmal selber mit dem Drahtesel ihre Verkehrsmaßnahmen ausprobieren, sodass man etwa, um eine befahrene Kreuzung mit dem Rad zu überwinden, nicht prinzipiell an einer roten Ampel endet. Ein Luxus wäre es dann ja noch, wenn der Radler, der seine Tochter in den Kindergarten bringt, mit dem Rad "legal“ nicht eine doppelt so lange Strecke, als notwendig wäre, zurücklegen muss, weil - durchaus in seinem Sinn - der Autoverkehr an der Durchfahrt durchs Grätzl gehindert wird - aber auch der Radverkehr, weil der entsprechende Radweg einfach im Nichts endet …

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