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Fahrradstreifen - © Foto: iStock / ollo

Rad gegen Auto: Eine Allee der Irrtümer

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In Zeiten des Klimaschutzes verspricht die Politik Radfahrern Verbesserungen. Doch in der Realität bleibt die Nachhaltigkeit in den Instanzen hängen. Ein Fallbericht aus dem Weinviertel.

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In Zeiten des Klimaschutzes verspricht die Politik Radfahrern Verbesserungen. Doch in der Realität bleibt die Nachhaltigkeit in den Instanzen hängen. Ein Fallbericht aus dem Weinviertel.

Wie fast jede österreichische Kleinstadt hat auch Wolkersdorf im Weinviertel eine „Alleegasse“: ein Name, der nach Beschaulichkeit und Idylle klingt. Dabei hätte nicht viel gefehlt, und die Wolkersdorfer Gasse dieses Namens hätte die Straßenmarkierung in Österreich revolutioniert – wenn ein wackerer Landesbeamter es nicht im letzten Moment verhindert hätte. Mitten durch Wolkersdorf führt seit den Tagen Kaiser Karls VI. die Brünner Straße. Von ihr zweigt die Alleegasse nach Westen ab. Diese trägt ihren Namen nur teilweise zu Recht.

Am Anfang ist sie zwar eine von Bäumen gesäumte Allee, aber keine Gasse, sondern fast schon ein Boulevard mit reichlich Platz für alle, die hier unterwegs sind. Für Radfahrende sind an beiden Seiten Mehrzweckstreifen markiert, mit gestrichelten Linien. Das heißt, dass auch Autos sie benutzen dürfen. Aber nach etwa 300 Metern verengt sich die Straße. Ab hier könnte man sie Gasse nennen, aber nicht mehr Allee. Für Bäume ist kein Platz und für Mehrzweckstreifen auch nicht mehr. Auto- und Radfahrende müssen sich in die schmale und kurvige Fahrbahn zwängen, die zu einer Wohnsiedlung und aus dem Ort zu einer Katastralgemeinde führt. Knapp 2000 Fahrzeuge verkehren hier jeden Tag. Davon sind nur gut zwei Prozent Fahrräder. Ungeübte wagen sich mit dem Rad nicht auf die Straße, und Eltern lassen ihre Kinder ungern allein radeln.

Fortschritt nach langem Bitten

Bitten von Anrainern, die Alleegasse für den Radverkehr sicherer zu machen, wurden lange abgetan. Doch 2019 wehte plötzlich ein frischer Wind durch die Region und damit auch durch die Alleegasse. Erstens erklärten die ÖBB und das Land Niederösterreich wieder einmal, eine Regionalbahn stilllegen zu müssen. So etwas tut man im Zeitalter des Klimawandels nicht ohne Bußfertigkeit. Das Land gelobte, künftig mehr in alternative Mobilität zu investieren, nicht zuletzt in den Ausbau des Radwegenetzes. Dabei wurde die Alleegasse ausdrücklich zur „prioritären Route“ erklärt. Und zweitens wählte Wolkersdorf 2019 einen neuen Gemeinderat, der für die Stadt ein Mobilitätskonzept in Auftrag gab. „Dafür haben wir uns ganz bewusst ein progressives Verkehrsplanungsbüro gesucht“, erklärt Dominic Litzka, der seit 2019 als Bürgermeister eine „Zukunftspartnerschaft“ aus ÖVP, SPÖ, Grünen und der Bürgerliste „MITuns“ anführt.

Denn in der Politik herrsche „inzwischen auf allen Ebenen Konsens, von den Kommunen über das Land bis zum Bund, dass wir Maßnahmen pro Radverkehr setzen müssen“. In der Tat hat das Land Niederösterreich heuer angekündigt, den Anteil des Radverkehrs bis 2030 von sieben auf 14 Prozent verdoppeln zu wollen. Beflügelt von so viel politischem Rückenwind entwickelte das beauftragte Verkehrsplanungsbüro, „con.sens“ aus Wien, ein Mobilitätskonzept für Wolkersdorf, das auch die Neugestaltung der Alleegasse beinhaltet. Die Planer schlagen vor, die Kernfahrbahn auf eine Spur zu verengen, beiderseits rot gefärbte Mehrzweckstreifen aufzuzeichnen und die Höchstgeschwindigkeit von 50 auf 30 km/h zu senken. Wer jemals in den Niederlanden war, dem wird dieses Straßendesign bekannt vorkommen. Auch in anderen Ländern hat man damit gute Erfahrungen gemacht. In Österreich findet man es bisher so selten, dass es geradezu revolutionär wirkt. Dominic Litzka hält den Vorschlag der Verkehrsplaner dennoch für wegweisend. Vor seiner Wahl zum Bürgermeister lehrte der Mittdreißiger am TGM in Wien Elektrotechnik und war als Prüfingenieur tätig. Er sagt, was jetzt nur „Gefühlsfragen“ seien, nämlich welchen Abstand man beim Autofahren zu Fahrrädern einhält, würde durch einen farblich markierten Mehrzweckstreifen „objektiviert“. „Das wäre ein großer Benefit!“ Auch der Gemeinderat ist von dem Entwurf überzeugt, und der Amtssachverständige der Bezirkshauptmannschaft beurteilt ihn in einem Vorgespräch als „verkehrstechnisch umsetzbar“.

Nach vielen Jahren scheint der Weg für die Neugestaltung der Alleegasse endlich frei. Zur Verkehrsverhandlung, die Ende Juni anberaumt wird, schickt aber auch das Amt der niederösterreichischen Landesregierung einen Vertreter. Der Beamte sieht große Gefahren dräuen – für Autofahrende. Die Kernfahrbahn sei viel zu schmal. Da könnten Autos frontal zusammenstoßen, weil die Lenker es womöglich nicht wagten, den rot gefärbten Mehrzweckstreifen zu befahren. Er sei gegen „Experimente im Freiland“, bei denen die Verkehrsteilnehmer als „Versuchskaninchen“ herhalten müssten. Das Argument, dass die Situation durch Tempo 30 entschärft würde, lässt der Beamte nicht gelten. Laut Straßenverkehrsordnung (StVO) seien innerorts 50 km/h vorgeschrieben. Die Höchstgeschwindigkeit zu senken, sei nur zulässig, wenn die Verkehrssicherheit dies zwingend erfordere. Und dafür fehle hier der Nachweis. Wer „einfach so“ Tempo 30 verordne, mache sich „eines Rechtsbruchs schuldig“, warnt der Beamte.

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