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Ethisch korrekt investieren

Klaus Gabriel, Sozial- und Wirtschaftsethiker, über den Mehrwert von ethischem Investment, geeignete Anlageformen und seine Vorstellung von gerechterer Managerentlohnung.

* Das Gespräch führte Sandra Knopp

Klaus Gabriel kritisiert rücksichtslose Gewinnmaximierung auf Kosten von Umwelt und Gesellschaft. Der Sozialethiker plädiert im FURCHE-Interview für ethisch nachhaltige Investments und räumt mit dem Vorurteil auf, dass sie niedrigere Renditen bedeuten.

Die Furche: Wie stellt sich die weltweite Finanzkrise aus ethischer Sicht dar?

Klaus Gabriel: Von der ethischen Seite betrachtet ist Wirtschaft dazu da, Bedürfnisse abzudecken. Sie soll dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Dieses Verhältnis wurde am Finanzmarkt massiv umgedreht. Wir haben jetzt die paradoxe Situation, dass gesellschaftlich eingespart werden muss, um die Kosten der Krise zu bewältigen. Es gibt Steuerpakete, Ausgabenkürzungen, hohe Staatsverschuldung - die Gesellschaft muss ein Finanzsystem aufrechterhalten.

Die Furche: Welche Rolle spielen Ethik und Moral in der Finanzwirtschaft?

Gabriel: Es herrscht die Vorstellung, dass man Geld zur Bank bringt und es sich dann auf wundersame Weise vermehrt. Aber es vermehrt sich nicht von selbst, sondern fließt in besondere Initiativen und Projekte. Rüstungskonzerne produzieren Waffen und Tretminen, das gibt eine schöne Rendite, ist aber ethisch nicht verantwortbar. Das Geld steckt in Aktivitäten, die gesellschaftlich zerstörerisch sind. Ethisches Investment bedeutet hingegen: Geld nur in Aktivitäten zu investieren, wo ein gesellschaftlicher Mehrwert möglich ist, wie in Bildungs- und Sozialinitiativen oder in erneuerbare Energie. Ethisches Investment wird zunehmend beliebter und wächst im deutschsprachigen Raum jedes Jahr im zweistelligen Bereich.

Die Furche: Bedeutet ethisches Wirtschaften niedrigere Renditen?

Gabriel: Ich bin mir sicher, dass man nicht automatisch einen Renditennachteil befürchten muss. Es gibt Studien, die nachweisen, dass ethisch, nachhaltig operierende Geldanlagekonzepte keine schlechtere Rendite abwerfen, als konventionelle Anlagemodelle. Die Erwirtschaftung von Gewinn ist per se nichts Schlechtes. Aber rücksichtslose Gewinnmaximierung auf Kosten von Gesellschaft und Umwelt ist nicht verantwortbar. Das versucht ethisches Investment zu vermeiden.

Die Furche: Wie können sich Anleger von der Transparenz der Investitionen überzeugen?

Gabriel: Für Investoren ist es sehr schwer, einen Überblick zu bekommen, vor allem bei Aktien- und Anleiheninvestitionen. Es gibt aber Ethik und Nachhaltigkeits- Ratingagenturen, wie die oekom research in Deutschland, die EIRIS in Großbritannien oder Vigeo in Frankreich die Unternehmen nach ökologischen und sozialen Kriterien analysieren und feststellen, ob sie den Wertehaltungen der Investoren entsprechen.

Die Furche: Finanzprodukte wie Hedgefonds erzielen mit viel Risiko hohe Renditen. Kommen Sie für ethische Anleger in Frage?

Gabriel: Hedgefonds eignen sich weniger für ethisch orientierte Investoren, weil sie intransparent sind. Sie dürfen alle Investmentstile umsetzen, Derivate in beliebigen Konstruktionen einsetzen und Aktien leer verkaufen - das ist ethisch problematisch.

Die Furche: Welche Anlageformen sind besser geeignet?

Gabriel: Geeignetere Anlageformen sind jene, wo der Investor weiß, wohin sein Geld tatsächlich fließt, und wo soziale und ökologische Kriterien zur Anwendung gelangen. Es gibt Banken, die Kredite nur für bestimmte Zwecke vergeben, wie ökologischen Landbau oder Sozialprojekte. Bei Anleihen gibt es auch die Möglichkeit ethischer Wertungen. Der Investor formuliert Präferenzen und investiert beispielsweise nur in Länder, die das Kyoto-Protokoll oder die Kinderrechtskonvention ratifiziert haben. Dasselbe gilt auch für Aktieninvestitionen.

Die Furche: : Gibt es dabei Schwierigkeiten?

Gabriel: Ein Problem ist, dass sich große Unternehmen wie BMW oder Siemens durchaus für nachhaltige Innovationen einsetzen, aber auch die Rüstungsbranche beliefern oder Teile von Atomkraftwerken bauen. Sind das Unternehmen, in die ich investieren kann? Hier kommen Menschen zu sehr unterschiedlichen Urteilen. Die Integration ethischer Werte in die Investitionsentscheidung kann aber die wirtschaftliche Praxis beeinflussen. Momentan gibt es noch zu wenige ethisch verantwortliche Investoren. Aber wenn ein Großteil der Investoren nach solchen Gesichtspunkten anlegen würde, hätte das massive Auswirkungen auf den Kapitalmarkt. Unternehmen, die Kapital brauchen, müssten nachhaltiger agieren.

Die Furche: Lässt sich der Finanzmarkt ethisch regulieren?

Gabriel: Ja, aber es braucht einen breiten politischen Konsens. Am Anfang der Krise hat es so ausgesehen, als ob es die Politik weltweit schafft, diese Finanzmarktaktivitäten zu regulieren. Je größer der Abstand zum Auslöser der Krise, desto mehr schwindet diese Hoffnung. Finanzmarktlobbyisten versuchen Regulierungen möglichst gering zu halten, weil sie nicht auf die Möglichkeit verzichten wollen, Gewinne wie bisher zu erzielen. Die Politik erscheint mir noch zu schwach, um diesem Druck standzuhalten.

Die Furche: Gäbe es Möglichkeiten, Anreize wie Managerboni ethisch zu gestalten?

Gabriel: Die Höhe der Gehälter und Boni hat im Finanzsektor ein Ausmaß erreicht, dass zu Recht Widerstand provoziert. Millionengagen verleiten Akteure zu Risiken, die in gesellschaftlich brisanten Entwicklungen münden können. Dazu kommt, dass diese Akteure nicht für verursachte Schäden haften, sondern die Kosten - wie die der Finanzkrise auf die Allgemeinheit übertragen werden. Natürlich soll sich Leistung lohnen - aber über welche Leistung sprechen wir? In der wirtschaftlichen Praxis wird derjenige gut bezahlt, der für ein Unternehmen Gewinn und Umsatz steigert - egal wie. Aber es könnte auch heißen, je gesellschaftlich und ökologisch nachhaltiger, desto höher die Vergütung. Stellen Sie sich eine Welt vor, in der die Höhe aller Managerentlohnungen davon abhängt, wie es gelingt, den Hunger in der Welt zu bekämpfen. Das ist ein abstrakter Gedanke. Ich glaube aber, dass so etwas dazu beitragen könnte, den Zusammenhang zwischen Wirtschaftspraxis und globalen sozialen und ökologischen Herausforderungen bewusst zu machen.

Die Furche: Es zeichnet sich derzeit eine leichte Erholung ab. Ist die Krise vorbei?

Gabriel: Ich fürchte nein. Es wird zu neuen Problemen kommen, weil die zentralen Ursachen der Krise, wie die Entkoppelung der Finanz- von der Realwirtschaft oder die Verschuldungsfrage, noch nicht gelöst sind. Was früher die Immobilienkrise war, kann künftig eine Staatsschulden- oder eine private Verschuldungskrise sein. Ich tendiere immer mehr zur Sichtweise des Sozialethikers Friedhelm Hengsbach, der zu Beginn der Krise bemerkte: dass der Brand an den Finanzmärkten nicht gelöscht werden kann, weil am Steuer des Löschzuges die Brandstifter sitzen.

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