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Nicht Kriege finanzieren

Aus dem Geldsytem gibt es kaum ein Entrinnen.Aber man kann zumindest versuchen, bei den eigenen Anlageformen verantwortungsvoller auszuwählen.

Einige Wochen nach den Selbstmordanschlägen der 19 gläubigen "Gotteskrieger" sind die Kursverluste zwar wieder aufgeholt, aber die Stimmung an den Börsen bleibt gedrückt. Denn die globalen wirtschaftlichen Rahmendaten haben sich weiter verschlechtert: allein in den USA gingen weit mehr als 100.000 Arbeitsplätze verloren, nicht nur bei Flug- oder Tourismusbetrieben. Sogar der in Krisenzeiten meist stark steigende Ölpreis ist inzwischen gefallen, weil der Verbrauch zurückgeht. Rüstungspapiere sind hingegen gestiegen. Doch wer will schon gerne zu Kriegsgewinnlern gehören? Zwischen der Gier (Gewinne zu machen) und der Angst (Geld zu verlieren) bewegt in den letzten Jahren ein übergeordnetes Prinzip die Aktionäre: die Verantwortung für die Folgen ihrer Geldanlagen! So sind weltweit schon mehr als 250 ethisch-ökologisch orientierte Investmentfonds entstanden und allein in den USA mehr als zwei Billionen Dollar nach ethischen Kriterien (zum Beispiel Ausschluss von Rüstungsaktien) veranlagt.

Ein starkes Hindernis auf dem Weg zu einer friedlicheren und gerechteren Welt ist jedoch die zunehmende globale Monetarisierung. Obwohl die meisten Religionen ein Zinsverbot beinhalten, hat sich weltweit (mit Ausnahme des islamischen Raums) ein Zinseszinssystem etabliert, das die Reichtümer, aber auch die Schuldenberge exponentiell vermehrt: es sorgt dafür, dass jeden Tag eine Umverteilung des Vermögens von den 80 Prozent ärmeren zu den 10 Prozent reicheren Bevölkerungsteilen stattfindet: "Wer hat, dem wird gegeben. Wer nichts hat, dem wird auch das noch genommen." Die (Zinsen-)Zeche zahlen dabei nicht nur Kreditnehmer, sondern alle Konsumenten, denn die Ausgaben bestehen fast zu einem Drittel aus Zinsen, die in Mieten, Preisen oder Steuern (Staatsverschuldung!) enthalten sind. Wer nachrechnet, welchen Betrag man derzeit (gut verzinst!) anlegen müsste, um allein diese "versteckten" Zinsen wieder hereinzuholen, kommt auf über 200.000 Euro. Jeder, der weniger (verzinstes) Geldvermögen hat, zahlt tagtäglich drauf.

Aus diesem Geldsystem gibt es kaum ein Entrinnen, es sei denn, man rührt wie Franz von Assisi überhaupt kein Geld an. Heutzutage ist das schwer möglich, aber man kann zumindest versuchen, verantwortungsvoller mit seinem Geld umzugehen, als es bei einer Bank zu sparen, von der man nicht weiß, was sie anschließend damit finanziert. Wer ausschließen will, dass sein Geld gar in Rüstung oder Atomkraftwerke fließt, hat - wenn er weiß, wo - zahlreiche Ethisch-ökologische Anlagemöglichkeiten: Wer beispielsweise sinnvolle Projekte (oft kleine Bauern- oder Handwerksgenossenschaften) in der Dritten Welt fördern will, kann Anteile an der internationalen ökumenischen Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit erwerben. Sie wurde 1975 gegründet, in der "Erkenntnis der Verstrickung in ungerechte wirtschaftliche Strukturen und der Einsicht in die Notwendigkeit, ökumenische Solidarität und eine gerechte Zukunft zu verwirklichen".

Ein weiteres Motiv war auch die Kritik an Geldanlagen der Kirchen in der Rüstungsindustrie. Anders als bei der deutschen Steyler Bank, die nun auch in Österreich "Missionssparbücher" anbietet, bei denen die Sparer einen Teil des erzielten Zinses für Missionszwecke spenden, wird bei Oikocredit (Oikocredit-Austria, Berggasse 7, 1090 Wien) das gesamte Kapital an Dritte-Welt-Projekte weiterverliehen, wobei die Anleger (Kirchengemeinden und Privatpersonen) sich bewusst auf einen "Höchstzins" von zwei Prozent beschränken.

Neben den festverzinslichen Umweltanleihen der Kommunalkredit Austria, die mit den Geldern Umweltprojekte finanziert, gibt es allein an der Wiener Börse mehrere "Öko-Aktien" wie die Jenbacher AG (Blockheizkraftwerkhersteller), die SW Umwelttechnik AG (Kläranlagen ...) oder die BWT AG (Wasserreinhaltung, Brennstoffzellenforschung), deren Aktie (mit mehr als 160 Prozent Kursgewinn) im Jahr 2000 am besten abgeschnitten hat.

Zunehmend kritisch werden aber auch Firmen wie die OMV AG gesehen, die Gewinne aus Ölfeldern im Südsudan zieht (die im Norden des Landes gelegene Regierung finanziert mit den Öleinnahmen u.a. Käufe von Waffen, die dann im Bürgerkrieg gegen die verarmte Bevölkerung des Südens eingesetzt werden).

In den letzten Monaten sind in Österreich einige neue Ethik- und Umweltfonds auf den Markt gekommen, weitere Varianten des "Prime Value Mix", der "Klassik ÖkoTrends", der "New Energy"-Fonds von Spängler, der "Umweltstock" der ERSTE Bank, der TFI Eco Global Fund der Wiener AMIS AG oder auch "Dachfonds" aus mehreren Umweltfonds. Wer sich die Managementgebühren (meist über ein Prozent jährlich) und den Ausgabeaufschlag (üblicherweise bis zu fünf Prozent bei Aktienfonds) sparen will, dem wird der Öko-Investmentklub Austria (www.geocities.com/oeiag) gefallen: bei den monatlichen Klubabenden (jeden ersten Dienstag in Wien) kann jedes der 200 Mitglieder mitentscheiden, welche Wertpapiere ge- und verkauft werden. Alle Arbeiten werden ehrenamtlich erledigt, auch für Werbung gibt es kein Budget. Trotzdem wuchs der Klub seit 1990 - nicht zuletzt durch die extrem hohe Rendite von 62,5 Prozent im Öko-Boom-Jahr 2000 - auf ein Gesamtvolumen von 20 Millionen Schilling an, das strengen Anlagekriterien unterliegt (sparsamer Einsatz von Ressourcen, keine Rüstungs-, Atom- und Gentechnologie).

Aber soll man derzeit überhaupt in Aktien investieren, frei nach der Rothschild-Empfehlung "Kaufen, wenn die Kanonen donnern!"? Trotz aller Rückschläge sind Aktien immer noch die langfristig rentabelste Anlageform. Und Branchen wie Wasserreinhaltung, (biologische) Nahrungsmittel oder erneuerbare Energien werden in Zukunft gefragt sein. Dezentrale kleine Kraftwerke sind nicht mehr nur aus Umweltschutzgründen, sondern auch aus Sicherheitsgründen Groß- und Atomkraftwerken vorzuziehen, die leicht ein Ziel von Terroranschlägen oder kriegerischen Handlungen werden könnten.

Schließlich könnte man als Zukunfts-Investment auch eine Spende an Organisationen ansehen, die sich für die Entwicklung und Einübung gewaltfreier Konfliktlösungsstrategien (wie der Internationale Versöhnungsbund, www.ifor.org) einsetzen: nicht um der persönlichen Rendite willen, sondern dass Zukunft überhaupt noch stattfinden kann.

Max Deml ist Autor des Jahrbuches "Grünes Geld" und Chefredakteur des Börseninformationsdienstes ÖKO-INVEST. Information und kostenloses Probeexemplar unter Tel.: 01/8760501 oder oeko-invest@teleweb.at

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