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Tätigkeit statt Ruhestand

"Männer, die ein Jahr früher aus dem Berufsleben ausscheiden, haben auch eine höhere Wahrscheinlichkeit, früher zu sterben.

Laut einer Umfrage der 'Bertelsmann Stiftung' hat sich die Anzahl der deutschen Frührentner seit 2002 von 52 Prozent auf 25 Prozent mehr als halbiert. Die Menschen wollen tätig bleiben.

Die Gesellschaft altert rapide. Die 80-Jährigen sind heute schon dreimal so viele wie vor 30 Jahren; und gab es 1971 in Österreich 'nur' 54 Hundertjährige, waren es 2017 bereits 1371."

Dunkles, kurz geschorenes Haar, Dreitagebart, sportliche Figur - Christian B. entspricht eindeutig nicht der Vorstellung eines "typischen Pensionisten". Dabei ist der ehemalige Personalchef einer Regionalbank bereits Ende 2016 in Rente gegangen. Im Ruhestand befindet sich der agile 57-Jährige deshalb aber noch lange nicht: Seit 2017 ist B. als Architekturfotograf selbstständig und macht "im neuen Job das, was ich früher im Urlaub gemacht habe". Lebensqualität und Selbstbestimmtheit statt Einkommen, so die Entscheidung, die B. nach langer Vorbereitung getroffen hat. Er zählt da zu den Ausnahmen.

Gedanken über die Zeit danach

Auch wenn fast jeder weiß, wie wichtig eine gründliche Vorbereitung auf die Pension ist, setzen nur die Wenigsten so konkrete Schritte wie Christian B. Zu diesem Schluss kommt eine "IMAS"-Umfrage aus dem Jahr 2017: 67 Prozent der berufstätigen 50-bis 65-Jährigen machen sich kaum Gedanken über die Zeit nach der Pensionierung. De facto verdrängen rund zwei Drittel der Berufstätigen den letzten Lebensabschnitt. Noch konkretere Zahlen liefert eine österreichweite, repräsentative Umfrage, die die Vernetzungs- und Informations-Plattform "Seniors4success" mit dem Marktforschungsunternehmen "Telemark Marketing" Ende 2016 durchgeführt hat: Zwar halten 40,3 Prozent aller Personen im Alter ab 50 Jahren eine Vorbereitung auf die Pension für sinnvoll. Tatsächlich aktiv wird nur jeder Fünfte. Das heißt, dass sich 80,5 Prozent keine Gedanken machen und damit keine Vorbereitung auf diese Zeit vornehmen. Ja, 44,8 Prozent sind sogar dezidiert gegen eine derartige Planung eingestellt. Wie schwerwiegend dieser Fehler ist, stellt sich oft erst im Nachhinein heraus: Heute würden 32,2 Prozent derer, die sich nicht vorbereitet hatten, sehr wohl aktiv werden, wenn sie noch einmal die Chance hätten.

"Von 120 Prozent Einsatz auf 0 zurückzufallen und das Leben dann zu 'genießen' und sich die lange aufgesparten Wünsche zu erfüllen", wie selten diese Traumvorstellung von der Pension Realität wird, konnte Christian B. während seiner Karriere beobachten: "Ich habe als Personalchef viele Schicksale von Kolleginnen und Kollegen mitverfolgt, denen das so nicht mehr gelungen ist." Auch der ehemalige Personalentwickler Prof. Dr. Leopold Stieger kennt solche Beispiele nur all zu gut. Seitdem er vor über zehn Jahren seine Firma seinen Söhnen übergeben hatte, setzt sich der Präsident von "Seniors4Success" für Menschen vor und nach der Pensionierung ein. Für jene wachsende Gruppe also, die unsere Industriegesellschaften in Zukunft prägen werden.

"Unsere Lebensphasen sind in Beton gemeißelt", beginnt Stieger ebendiese auf Papier zu malen, "zuerst die Ausbildung, da lernen wir etwas. Dann haben wir den Beruf, da leisten wir etwas, und dann sind wir müde und gehen in den Ruhestand. Dieses Bild ist nicht aus den Köpfen zu bekommen, aber es stimmt nicht mehr." Schließlich steigt die Lebenserwartung der Mitteleuropäer alle 24 Stunden um sechs, nein, nicht Minuten oder Sekunden, sondern um Stunden. Die 80-Jährigen sind heute schon dreimal so viele wie vor 30 Jahren; und gab es 1971 in Österreich "nur" 54 Hundertjährige, waren es 2017 bereits 1371. Bei einem durchschnittlichen Pensionsalter von 65 Jahren verbringt unsere Generation demnach zwischen einem Viertel und einem Drittel des Lebens "in Rente". Diese ursprünglich letzte Phase des Lebens aber teilt sich laut Stieger längst in zwei Perioden: Die bisherige dritte Zeit des Ausruhens werde zur vierten und letzten. Davor jedoch erleben wir eine neue Phase, eine, die es nie zuvor gegeben habe: "Silver Surfer" oder "Best Ager" wird diese dritte Lebensphase im Amerikanischen genannt. Seit Kurzem hat sie auch im deutschsprachigen Raum einen Namen: "Wer noch aktiv ist, sieht sich nicht als Pensionist", weiß Leopold Stieger um die Bedeutung einer Bezeichnung für diese Gruppe, die bald schon ein Drittel aller Erwachsenen ausmacht, "wir haben nach einem Wort gesucht, mit dem ich sagen kann, ich bin frei tätig. Vorher war ich berufstätig, jetzt bin ich frei tätig." Ob diese Freitägigkeit bezahlt wie bei Christian B. oder ehrenamtlich wie bei Stieger selbst durchgeführt wird, ob im eigenen Unternehmen, in einer fremden Firma oder einer Organisation, das ist nebensächlich. Entscheidend sei, ohne Druck, ohne Zwang selbstbestimmt aktiv zu sein und seine Zeit sinnerfüllend auszustatten.

Die Hängematte macht krank!

Denn eines wird der engagierte 79-Jährige nicht müde zu betonen: "Die Menschen irren, wenn sie glauben, dass mit der Pensionierung 'Ruhestand' beginnen muss." Im Gegenteil. "Wer sich nach der Pensionierung in die Hängematte legt, verschenkt pro Lebensjahr zwei Monate", warnt er und verweist auf zahlreiche internationale Studien: So ergab eine Langzeitstudie der Universität Zürich mit Sozialversicherungsdaten von 18.000 Männern und 3000 Frauen aus Österreich, dass Männer, die ein Jahr früher aus dem Berufsleben ausscheiden, eine höhere Wahrscheinlichkeit aufweisen, noch vor dem 67. Lebensjahr zu sterben. Und eine weitere Langzeit-Studie der "Oregon State University" mit 2956 Personen, die ab 1992 an der Studie teilnahmen und 2010 in Pension gingen, erwies, dass der Großteil im Alter von 65 in Rente ging. Statistische Analysen aber zeigen, dass Personen, die mit 66 in Rente gingen, eine um 11 Prozent geringere Sterberate hatten.

Die Ernüchterung hinsichtlich des "wohlverdienten Ruhestands" macht sich nicht nur in Zahlen deutlich, sondern scheint sich inzwischen auch in der Zielgruppe breit zu machen. "Der Traum von der Pension sinkt rapide", merkt Leopold Stieger angesichts der steigenden Anzahl beunruhigter E-Mails und Anrufe. Wurde noch vor zehn Jahren die Rente als Lösung aller Probleme gesehen, herrschen jetzt vielmehr Angst und Sorge vor der Zeit nach der Pensionierung vor. Das zeigt sich darüber hinaus in einer Umfrage von Seniors4Success: Während 2014 die Zahl derer, die nach der Pension bezahlt oder ehrenamtlich arbeiten wollten, bei 33 Prozent lag, ist sie in nur zweieinhalb Jahren auf fast 50 Prozent gestiegen. Und laut einer deutschen Umfrage der "Bertelsmann Stiftung" hat sich die Anzahl derer, die früher als gesetzlich vorgesehen in den Ruhestand treten, seit 2002 von 52 Prozent auf 25 Prozent mehr als halbiert. Die Anzahl der Berufstätigen, die über die Ruhestandsgrenze hinaus arbeiten wollen, hat sich hingegen im selben Zeitraum verdoppelt.

Angst vor dem Fall

Die Angst vorm tiefen Fall ins schwarze Loch nach der Pensionierung ist laut Leopold Stieger unbegründet. Vorausgesetzt, man setzt sich schon vorher mit seinen Wünschen und Träumen auseinander. "Wer eine Vision hat, der glüht", bringt der ehemalige Personalentwickler das Patentrezept für eine erfolgreiche Freitätigkeit auf den Punkt, "wer in der Welt noch etwas schaffen will, der brennt". Aus dem Grund unterstützt der aktive Senior seit Jahren Menschen in Seminaren und jetzt auch in Buchform dabei, ihre Wünsche und Bedürfnisse, Stärken und Potenziale zu kennen. Letzteres ist oft leichter gesagt als getan. "Wenn ich in einem Seminar die Zielgruppe frage, was mehr geworden ist, herrscht Stille", beschreibt Stieger das fehlende Selbstbewusstsein der älteren Menschen, "dann hebt immer einer die Hand, lächelt und sagt: Die Wehwehchen".

Die 70-jährige ehemalige Autohändlerin, die im schnittigen Oldtimer die Welt umrundet, der 65-jährige Alpinist, der den Mont Blanc besteigt oder aber Neo-Unternehmer Christian B. und Leopold Stieger sind nur ein paar Beispiele dafür, dass diese dritte Lebensphase weit mehr zu bieten hat.

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