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Gesellschaft

Dem Sozialstaat galoppieren die Kosten davon

1945 1960 1980 2000 2020
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Wie vielschichtig und dramatisch die Pensionsthematik ist, zeigte die Denkwerkstatt St. Lambrecht 2011: Mehr Pensionisten, niedrige Renten, zu geringe Beschäftigung.

Pensionsantrittsalter und Pensionsbeiträge rauf, Pensionsleistungen runter - ist das alles? Treiber für den Handlungsbedarf in Sachen Altersfinanzierung ist die unumkehrbare demografische Entwicklung: Im Jahr 2030 sind über 2,8 Millionen Pensionen auszubezahlen, gegenüber 2,16 Millionen heute. Das wird einer Pensionsbelastungsquote (Anzahl der Pensionen auf 1000 Versicherte) von 830 entsprechen, derzeit sind es 607. Dieser Anstieg erhöht den Aufwand, sodass aus heutiger Sicht vom Staat ein jährlicher Pensionsaufwand zwischen 45 und 50 Milliarden Euro zu bewältigen sein wird. Heute betragen die Ausgaben der gesetzlichen Pensionsversicherung 33 Milliarden. Die ökonomische Abhängigkeitsquote (das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Beziehern von Transferleistungen) beträgt heute bereits 110 zu 61, Tendenz weiter steigend. Damit stößt das staatliche Umlagesystem an seine Grenze.

Schon jetzt liegen die Nettoersatzraten (Nettopension in Prozent des letzten Nettoeinkommens) für die unselbständig Erwerbstätigen bei 80 Prozent. Hier ergibt sich eine Pensionslücke, die bereits bei niedrigen Lebenseinkommen gewaltig ist: Kleinpensionisten erhalten aus der staatlichen Leistung im Vergleich zum Aktivbezug um ein Drittel weniger - und das bei gleichbleibenden, wenn nicht gar steigenden Lebenshaltungskosten. Noch kritischer wird dieses Verhältnis, noch breiter die Pensionslücke, je höher der Aktivbezug über die Jahrzehnte war. Einzige Alternative: Länger arbeiten. Laut Prognosen steigt die Bevölkerungsgruppe der über 65-Jährigen bis 2030 um 660.000 Menschen. Sollen diese in Arbeit bleiben, müsste die Beschäftigungsquote von 67 auf 80 Prozent steigen.

Höhere Bildung, weniger Arbeitslosigkeit

Diese Herausforderungen waren Thema der Diskussion "Altern hat Zukunft“, die von der Gesellschaft für Zukunftssicherung und Altersvorsorge/Lambrechter Denkräume und dem Wirtschaftsforum der Führungskräfte veranstaltet wurde. Anlass war die Präsentation des Tagungsberichtes "Reiche Gesellschaft mit Zukunft - Jugend und Vorsorgeplanung“, der in der "Denkwerkstatt St. Lambrecht 2011“ von einer interdisziplinären Expertenrunde aus Forschung, Finanzdienstleistern und politiknahen Praktikern erstellt wurde (s. u.).

Die Vielschichtigkeit des Themas illustrierte Wolfgang Mazal, Sozialwissenschafter und Pensionsexperte: Wer nach Pensionssicherung rufe, müsse bedenken, dass alle Pensionen zuerst real erwirtschaftet werden müssen. Die Bildungspolitik sei massiv gefordert: Es bestehe eine unmittelbare Korrelation zwischen (Aus-)Bildungsniveau und Beschäftigungsgrad: Unter Pflichtschul-Absolventen liegt die Arbeitslosenquote bei 18 Prozent, bei Absolventen einer Lehre, BHS oder AHS nur bei 6, 4 bzw. 3,6 Prozent, bei Uni- oder FH-Absolventen gar nur bei 2,4Prozent. Alltagssprüche wie "Jetzt hast du ausgelernt!“ oder "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nicht mehr“ sind heute gefährliche Irrtümer. Ebenso falsch sei das Vorurteil, dass ältere Beschäftigte den Jungen die Arbeitsplätze blockieren oder sie gar vom Arbeitsmarkt verdrängen. Im Gegenteil: OECD-Vergleiche belegen, dass in allen Ländern mit hoher Alterserwerbsquote auch die Jungen überdurchschnittlich oft im Erwerbsleben stehen - siehe Australien, Dänemark, Niederlande, Norwegen, Schweiz.

Viel zu kurz greift die Altersdebatte für Leopold Stieger, Pionier der Personalentwicklung und Gründer der Initiative "Seniors4Success“. Arbeit sei kein Leid und es gebe reichlich Fähigkeiten, die im Alter wachsen. Es sei volks- und betriebswirtschaftlich eine "Verschwendung von Know-how“, das "im Rucksack“ der Pensionäre die Betriebe verlässt, umso mehr, als ein Mangel an Fachkräften zu erwarten sei. Die Politik müsse "an einigen Rädern drehen“, so Stieger: Hacklerregelung und die Zuverdienstgrenzen beseitigen, Frauenpensionsalter erhöhen, Kollektivverträge modernisieren.

Die Forderung nach mehr betrieblicher und privater Pensionsvorsorge mittels Kapitaldeckung (Stichwort: Pensionsfonds) gaben Experten einiges zu bedenken: Stehen ausreichend werthaltige Anlagen zur Verfügung, die sich für den nachhaltigen Kapitalaufbau eignen? Eine Frage, die in unserer Zeit der Finanzkrisen schwer wiegt. Denn ein Mehr an zweiter und dritter Säule durch Fonds bedeutete auch Sozialisierung des Börsenrisikos. Und wie sehr müsse der Staat ausgleichen, wenn erwartete Fondserträge ausbleiben? Wie nachhaltig sind AAA-Ratings von Staaten mit ständig teurerem Pensionsregime?

Die Thematik wird geradezu täglich drängender, meint der Berater Leopold Stieger: "Unsere Lebenserwartung wächst alle 24 Stunden um sechs Stunden!“

Wie vielschichtig und dramatisch die Pensionsthematik ist, zeigte die Denkwerkstatt St. Lambrecht 2011: Mehr Pensionisten, niedrige Renten, zu geringe Beschäftigung.

Pensionsantrittsalter und Pensionsbeiträge rauf, Pensionsleistungen runter - ist das alles? Treiber für den Handlungsbedarf in Sachen Altersfinanzierung ist die unumkehrbare demografische Entwicklung: Im Jahr 2030 sind über 2,8 Millionen Pensionen auszubezahlen, gegenüber 2,16 Millionen heute. Das wird einer Pensionsbelastungsquote (Anzahl der Pensionen auf 1000 Versicherte) von 830 entsprechen, derzeit sind es 607. Dieser Anstieg erhöht den Aufwand, sodass aus heutiger Sicht vom Staat ein jährlicher Pensionsaufwand zwischen 45 und 50 Milliarden Euro zu bewältigen sein wird. Heute betragen die Ausgaben der gesetzlichen Pensionsversicherung 33 Milliarden. Die ökonomische Abhängigkeitsquote (das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Beziehern von Transferleistungen) beträgt heute bereits 110 zu 61, Tendenz weiter steigend. Damit stößt das staatliche Umlagesystem an seine Grenze.

Schon jetzt liegen die Nettoersatzraten (Nettopension in Prozent des letzten Nettoeinkommens) für die unselbständig Erwerbstätigen bei 80 Prozent. Hier ergibt sich eine Pensionslücke, die bereits bei niedrigen Lebenseinkommen gewaltig ist: Kleinpensionisten erhalten aus der staatlichen Leistung im Vergleich zum Aktivbezug um ein Drittel weniger - und das bei gleichbleibenden, wenn nicht gar steigenden Lebenshaltungskosten. Noch kritischer wird dieses Verhältnis, noch breiter die Pensionslücke, je höher der Aktivbezug über die Jahrzehnte war. Einzige Alternative: Länger arbeiten. Laut Prognosen steigt die Bevölkerungsgruppe der über 65-Jährigen bis 2030 um 660.000 Menschen. Sollen diese in Arbeit bleiben, müsste die Beschäftigungsquote von 67 auf 80 Prozent steigen.

Höhere Bildung, weniger Arbeitslosigkeit

Diese Herausforderungen waren Thema der Diskussion "Altern hat Zukunft“, die von der Gesellschaft für Zukunftssicherung und Altersvorsorge/Lambrechter Denkräume und dem Wirtschaftsforum der Führungskräfte veranstaltet wurde. Anlass war die Präsentation des Tagungsberichtes "Reiche Gesellschaft mit Zukunft - Jugend und Vorsorgeplanung“, der in der "Denkwerkstatt St. Lambrecht 2011“ von einer interdisziplinären Expertenrunde aus Forschung, Finanzdienstleistern und politiknahen Praktikern erstellt wurde (s. u.).

Die Vielschichtigkeit des Themas illustrierte Wolfgang Mazal, Sozialwissenschafter und Pensionsexperte: Wer nach Pensionssicherung rufe, müsse bedenken, dass alle Pensionen zuerst real erwirtschaftet werden müssen. Die Bildungspolitik sei massiv gefordert: Es bestehe eine unmittelbare Korrelation zwischen (Aus-)Bildungsniveau und Beschäftigungsgrad: Unter Pflichtschul-Absolventen liegt die Arbeitslosenquote bei 18 Prozent, bei Absolventen einer Lehre, BHS oder AHS nur bei 6, 4 bzw. 3,6 Prozent, bei Uni- oder FH-Absolventen gar nur bei 2,4Prozent. Alltagssprüche wie "Jetzt hast du ausgelernt!“ oder "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nicht mehr“ sind heute gefährliche Irrtümer. Ebenso falsch sei das Vorurteil, dass ältere Beschäftigte den Jungen die Arbeitsplätze blockieren oder sie gar vom Arbeitsmarkt verdrängen. Im Gegenteil: OECD-Vergleiche belegen, dass in allen Ländern mit hoher Alterserwerbsquote auch die Jungen überdurchschnittlich oft im Erwerbsleben stehen - siehe Australien, Dänemark, Niederlande, Norwegen, Schweiz.

Viel zu kurz greift die Altersdebatte für Leopold Stieger, Pionier der Personalentwicklung und Gründer der Initiative "Seniors4Success“. Arbeit sei kein Leid und es gebe reichlich Fähigkeiten, die im Alter wachsen. Es sei volks- und betriebswirtschaftlich eine "Verschwendung von Know-how“, das "im Rucksack“ der Pensionäre die Betriebe verlässt, umso mehr, als ein Mangel an Fachkräften zu erwarten sei. Die Politik müsse "an einigen Rädern drehen“, so Stieger: Hacklerregelung und die Zuverdienstgrenzen beseitigen, Frauenpensionsalter erhöhen, Kollektivverträge modernisieren.

Die Forderung nach mehr betrieblicher und privater Pensionsvorsorge mittels Kapitaldeckung (Stichwort: Pensionsfonds) gaben Experten einiges zu bedenken: Stehen ausreichend werthaltige Anlagen zur Verfügung, die sich für den nachhaltigen Kapitalaufbau eignen? Eine Frage, die in unserer Zeit der Finanzkrisen schwer wiegt. Denn ein Mehr an zweiter und dritter Säule durch Fonds bedeutete auch Sozialisierung des Börsenrisikos. Und wie sehr müsse der Staat ausgleichen, wenn erwartete Fondserträge ausbleiben? Wie nachhaltig sind AAA-Ratings von Staaten mit ständig teurerem Pensionsregime?

Die Thematik wird geradezu täglich drängender, meint der Berater Leopold Stieger: "Unsere Lebenserwartung wächst alle 24 Stunden um sechs Stunden!“